STUTTGART. Merkwürdig, warum gerade jetzt die 1920er wieder so eine Faszination ausüben. Liegt es daran, dass sie nun gerade hundert Jahre her sind? Oder daran, dass heute wie damals das Queere, Exaltierte, von der Norm Abweichende wieder unter Druck gerät – und gerade deshalb an Reiz gewinnt?
Das Friedrichsbau Varieté jedenfalls feiert in seiner neuen Show »Größenwahn« die 1920er und das wilde Berlin von damals. Regisseur Ralph Sun braucht dabei keine Anspielungen, um jene Zeit mit heute zu verbinden. Es genügt, dass Charleston-Tänze mit modernen Technorhythmen wechseln, das Jahrmarktflair von Messerwurf und Antipoden-Jonglage mit dem Pole Dance heutiger Nachtclubs.
Tanz auf dem Vulkan
Evi Niessner ist die Führerin durch diese schummrige Nachtclub-Welt. Gekonnt gibt sie die mondän-verruchte Betreiberin des fiktiven Clubs »Größenwahn«. Beschwört Verlockungen und Verzückungen, den Tanz auf dem Vulkan, der auch heute wieder droht zwischen Kriegsgefahr und nahender Klimakatastrophe. Bleich geschminkt, mit dunklen Eulenaugen und Nofretete-Kopfhaube schmettert Niessner berlinernde Weisen und »All That Jazz«, macht sich mit Claire Waldoff über die Männer lustig, raunt düstere Balladen und existenzialistische Gedichtzeilen.
Doch wenn es zu philosophisch wird, hüpfen die Las Vegas Showgirls in ihrem Glitzerfummel auf die Bühne, lassen die Arme und Beine fliegen und vertreiben die Grübelwolken. An der Seite von Niessner glänzt am Klavier der Pliezhäuser Boogie-Meister Sascha Kommer. Immer, wenn er und Niessner das Geschehen alleine gestalten, wird es lauschig und intensiv. Sobald das Tanzensemble auftritt, tönt die Bigband vom Band und Tastenvirtuose Kommer wird zum Playback-Pianisten. Schade, aber eine komplette Kapelle hätte wohl die Kasse gesprengt.
Rückkehr der Anita Berber
Die 1920er sind hier nicht nur exaltierte Amüsierhölle, sondern auch intellektuelles Terrain. Niessner beschwört sie alle, Erich Kästner, Bertolt Brecht, die skandalumwitterte Tänzerin Anita Berber in ihrem roten, eng anliegenden Kleid, wie Otto Dix sie porträtierte. Das Porträt taucht auf, lebensgroß, die Tänzerin selbst auch, verkörpert von der Ungarin Georgina Sun. Mit wogenden Armen wirft sie sich in die brachialen Orchesterklänge, Strawinskys »Le Sacre du Printemps« mutmaßlich. Sie taumelt, sie schleudert die Glieder gen Himmel, sinkt leblos zu Boden. Höhenflug und Absturz, alles dicht beisammen.
Die Atmosphäre von Erregung, Exaltiertheit und Gefahr strahlt aus in die Artistiknummern. Immer höher türmt der Ukrainer Andriy Ruzhilo die Walzen und Rollen, auf denen er sein Standbrett platziert. Hoch oben hängt Georgina Sun am seidenen Faden – nun ja, doch eher ein veritables Seil. Und bei The Shester's fliegt tödliches Metall durch die Luft. Sie, die Brasilianerin Manoela Wolfart feuert Armbrust-Pfeile auf Ballons, die ihr Partner im Mund hält. Er, der Spanier Rubén Burgos, schleudert Messer auf ein Brett, auf das sie schnell rotierend festgeschnallt ist. Der Atem stockt.
Geschmeidige Musikalität
Aber es ist nicht nur das Gefühl von Risiko und Gefahr, das die 1920er prägte. Es ist auch eine Ästhetik, in der Tanz, Bewegung und Erotik sich auf faszinierende Weise mischen. Wundervoll die geschmeidige Musikalität, mit der Jana Vogel sich um die Pole-Stange windet. Der nie stockende Bewegungsfluss, mit der sie sich in den Strapatentüchern bewegt. Und wenn ganz am Ende der Finne Santeri Koivisto seinen kaum verhüllten Körper im Handstand verbiegt wie ein graziles Fragezeichen, dann ist das gleichzeitig furioser Balanceakt wie eine tänzerische Darbietung von zart-ballettöser Ästhetik.
Vielleicht hätte man den smarten Boogie-Pianisten noch ein bisschen mehr einbinden können. Wie insgesamt die schauspielerische Ebene etwas eindimensional auf Evi Niessner zugeschnitten ist. Davon abgesehen: Ein faszinierender Ausflug ins Nachtleben Berlins der Weimarer Republik. (GEA)






