REUTLINGEN. Der Weihnachtsmann ist ein Cowboy. Jörg Launer enthüllt es am Vorabend vor Heiligabend auf der Bühne des franz.K. Im roten Kunstledermantel, den Westernhut auf dem Kopf und die Akustik-Gitarre im Anschlag, singt er »Vom Himmel hoch, da komm ich her« – aber gemessen am Country-Sound und den »Yeee-haaa!«-Rufen kommt er wohl doch eher aus Texas.
Es sind die Jahresendfiguren, die hier auftreten, neben dem Heiligen Morgen die zweite Reutlinger Weihnachtstradition. Das franz.K ist randvoll von Feierlaunigen mit roten Zipfelmützen oder Lichterketten um den Körper. Die Stimmung ist bestens, wie jedes Jahr geht es an ein Weihnachtslieder-Absingen der besonderen Art.
Rockende Hirten
»Drauß' vom Walde komm ich her« wird hier zum Sprechgesang im Falco-Stil – alles klar, Herr Kommissar? Pardon, Herr Nikolaus! »Lasst uns froh und munter sein« bekommt einen funkigen Treibsatz, »Morgen kommt der Weihnachtsmann« wird zum zeitkritischen Protestsong. Der Aufruf »Kommet ihr Hirten« bekommt im Hardrock-Sound nochmal anderen Nachdruck. Und »Still, still, still« rast wie von der Tarantel gestochen: Nein, dieses Kindchen will nicht schlafen!
Entstanden ist das Ganze aus einem Gag heraus, den Jörg Launer vor Jahren für die Weihnachtsfeier seiner Werbeagentur fabrizierte. Nun ist er der Sänger im Weihnachtsmannkostüm, um sich fast nur Musikprofis. Wieland Braunschweiger zupft im Tannenbaumkostüm locker-flockig den Bass. Christian Mladenovic entlockt dem Keyboard mit Engelsflügeln poppige Harmonien. Udo Krack im Rentier-Kostüm haut an der E-Gitarre gekonnte Soli raus, im zweiten Teil auch ein grandioses Trompetensolo in Louis-Armstrong-Manier. Am Schlagzeug kreiert Jo Baumann alias »Der Lebkuchenmann« alle erdenklichen Rhythmen von Rock bis Latin.
Gegen den Strich gebürstet
Launer ist erkältet, was den rauen Rocknummern zugute kommt. Im zweiten Teil, als die Musiker ihre dicken Kostüme gegen T-Shirts getauscht haben, werden die Höhen für ihn immer weniger erreichbar. Und als Taylor-Swift-Verschnitt in einer Dancepop-Version von »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« hat er alle Mühe, die Spur zu halten.
Egal, es ist wieder ein irrer Spaß, vor allem wenn die Ursprungslieder gegen den Strich gebürstet sind. »Süßer die Glocken nie klingen« wird hier zum Disco-Kracher; »Alle Jahre wieder« wippt lässig im Bossa-Nova-Takt. Nach »Kling Glöckchen klingeling« im Psychedelic-Sound ist Schluss. Der Weihnachtsmann muss noch Geschenke ausfahren. (GEA)



