TÜBINGEN. Kakkmaddafakka live, das ist wie P. T. Andersons »Boogie Nights« in Konzertform. Dabei spielen die Norweger gar keinen Boogie-Woogie. In dem zwei Jahrzehnte umspannenden Repertoire am Samstagabend in Tübingen stecken Pop, Rock, Eurodance und hie und da ein Fünkchen Funk. Die Nähe zu Filmemacher Anderson ergibt sich aus der sprühenden Energie und dem abgedrehten Humor, die ein Abend mit den fünf Predigern eines auch für Atheisten und Agnostiker geeigneten Evangeliums der Freude garantiert.
Rund 600 Partyfreunde im Sudhaus-Saal werden über einen Edvard-Munch-Backdrop und das als Intro eingespielte »In der Halle des Bergkönigs« aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Zyklus an die Heimat der Band herangeführt. In Bergen spielten die damals vier 12- bis 14-jährigen Schulfreunde 2004 ihre ersten Jugendhaus-Gigs. Den provokant-albernen und im anglo-germanischen Raum garantiert für Aufsehen sorgenden Namen haben sie beibehalten. Genauso wie den Spaß am Spielen und einige der herrlich mitsingbaren frühen Hits: »Restless«, »Your Girl«, »Is She«.
Gründungsmitglied, Keyboarder und Live-Granate Jonas Nielsen haben Kakkmaddafakka 2014 aber auf der Strecke gelassen – nachvollziehbar, litt der begnadete Pianist und Performer doch an Herzproblemen. Aber schade. Mit ihm und zwei anfangs noch mittourenden Tänzern im Turnvater-Jahn-Kostüm hatten sie Festivalbesucher vor 15 Jahren restlos überwältigt.
Die Stücke, die zunächst harmlos anmutende Teenie-Themen wie erstes Fummeln und das unbändige Sehnen nach der Freundin des besten Freundes aufgreifen, offenbaren inhaltlich erst nach und nach ihre Tiefe. Musikalisch hat sie der Bergener Musiker und Produzent Erlend Øye (Whitest Boy Alive, Kings of Convenience) vom hibbeligen Fun-Punk-Pop bald in komplexere musikalische Dimensionen dirigiert.
So überzeugen Axel und Pål Vindenes, die aufgekratzten blonden Brüder an Mikros und Gitarren, Stian Sævig am Bass, Kristoffer van der Pas an Percussion und Drums sowie Sebastian Kittelsen als Fahnenschwinger und Keyboarder heute auch mit tempomäßig gemäßigtem Material neueren Datums: »Neighbourhood«, »Runaway Girl« oder »Good Guy«.
Live geben die fünf mittlerweile Anfang bis Mitte 30-jährigen Vollblutmusiker mit Lausbuben-Charme sowieso stets Vollgas – inklusive klassischer Rock-Posen, lustvollem Auf-der-Stelle-Joggen, sessionhaftem Jammen, nackter Oberkörper und der Luftsprünge, mit denen sie schließlich in athletisch anmutender Choreografie zum Zugabenblock auf die Bühne zurückkehren. Zu »Touching«, dem Abba-Cover »Wasting Your Emotions« und »Forever Alone«, gesanglich von Fanseite hingebungsvoll unterstützt.
Danach entlässt der ältere der Vindenes-Brüder das vielfach gelobte »Tubingian« Publikum, um nach einem Tipp seiner Mutter das Erlebnis noch mit etwas wahrhaft Erinnerungswürdigem zu krönen: durch Shoppen. Vorzugsweise am Merch-Stand, der neben den seit Jahrzehnten gleichen Fan-Shirts mit einem auf dem Rücken liegenden Pferd in Krakeloptik auch Axel Vindenes' »The Bible of Joy« bietet. »What a nice night!« Der Ausruf, mit dem der Frontmann gut eineinhalb Stunden zuvor die Fans im Sudhaus begrüßt hatte, fasst diesen schweißtreibenden Crash-Kurs in norwegischer Lebensfreude trefflich zusammen. (GEA)






