REUTLINGEN. Sie seien vereint in ihrer Unterschiedlichkeit: So brachte Kunstvereins-Vorsitzende Aline Lukaszewitz die künstlerischen Positionen von Elisabeth Wagner und Philipp Kummer zur Begrüßung auf den Punkt bei der Vernissage der Ausstellung »Verborgene Räume« am vergangenen Sonntag in den Wandel-Hallen. Die beiden Künstler schufen eine Sammlung ungewöhnlicher Räume im Kunstverein, jeder für sich – und doch scheinen die Grenzen der Medien zu zerfließen.
Philipp Kummers Malereien muten an wie monumentale Bildräume oder auch Historiengemälde, zum einen aufgrund ihrer Maße, zum anderen aber auch »in der Dichte an Erlebnis, die sie enthalten«, erklärte Kunstvereins-Geschäftsführerin Julia Berghoff zur Eröffnung. Statt heroische Heldengeschichte stechen ungewöhnliche, auch geisterhafte Mensch- und Tiergestalten heraus. Dunkel, mit eindrücklichen Farbnuancen und -verläufen in dicken Schichten gestaltet, werden Geschichten dargeboten. Sie sind störrisch, wild, Fragen aufwerfend, mehrdeutig, keiner Logik folgend – und doch fordern sie immer wieder die Blicke ein.
Unbequeme Orte
Versteckte Figuren, ein Hundekopf, Gnome, Treppenverläufe und die Beine eines Fechters: »Kummers Bildwelten sind keine bequemen Orte mit zarten Farbübergängen und gefälligen Motiven. Hier geht es direkt zur Sache, malerisch als auch inhaltlich,« so Berghoff. Mehr wird allerdings nicht mitgegeben, auch die Titel bleiben verwirrend. Hier ist der Betrachter selbst gefragt, sich ein Bild zu machen. Auch bei seinen »besonderen Kunst- und Wunderkammern«, wie sie Berghoff nennt.
Dazu gehört vor allem die gemeinsame Installation mit Künstlerkollegin Anna Bittersohl. Ob Baustelle, Tatort oder Lost Place: Beim Eintritt in den hellen Raum sind alltägliche Gegenstände und Fundstücke fast im Chaos arrangiert. Sie sind gewollte Stolperfallen im Raum, nicht nur für die Beine, auch für die Augen. Überall tritt man über Worte und Textzeilen, Blätter ragen als kleine Bäume aus Beton heraus, ein verlorener Kassenzettel liegt am Boden, ein Fallschirm hängt an der Wand, Stühle laden zum Verweilen ein.
Mäntel und Männchen
Alltägliche Dinge finden sich auch in Elisabeth Wagners Kunstwelt. Doch auch sie sind des Greifbaren entrückt. Bedrohlich schwarze Mäntel, die an den Wänden hängen, trifft man hier, kleine werfende Männchen oder rote Einzelteile, die sich schnell als Reste eines großen Hummers entpuppen – verteilt im Raum wie »Wrackteile eines Flugzeugs«. Sie liegen schwerglänzend metallisch da und sind doch aus Pappe gefertigt. »Immer wieder kehrt Elisabeth Wagner das Verhältnis von Material zu Objekt um. Mal scheint Pappe wie Gestein oder Stoff, Metall wie Wellpappe oder Gips wie ein riesiger Diamant«, beschrieb es Berghoff.
Ausstellungsinfo
Die Ausstellung »Verborgene Räume« mit Werken von Elisabeth Wagner und Philipp Kummer ist bis zum 12. April jeweils mittwochs bis freitags 14 bis 18 Uhr sowie samstags, sonn- und feiertags 11 bis 17 Uhr im Kunstverein Reutlingen, Eberhardstraße 14, zu sehen. Der Eintritt ist frei. (GEA)
Ein wahrer Blickfang sind die beiden schwergewichtigen Keramikbüsten von Königin Maria-Luisa und König Philip IV. Sie, leicht arrogant, mit erhabenem, eisigem Blick, er eher eingeschüchtert und fast schon zierlich wirkend daneben, empfangen die Ausstellungsbesucher direkt am Eingang. »Trotz ihrer royalen Anmut wirken sie etwas verloren und deplatziert,« sagte Berghoff. Herausgearbeitet wurden sie aus originalen Malereien von Velázquez und Goya. Dabei haben sie ihren ursprünglichen Kontext verloren, »bewohnen nun aber einen ganz neuen Raum«.
Hängende »Menetekel«
Begehbar ist der Raum ihrer riesigen »Menetekel«: schriftartige Zeichen aus Pappe, die von der Decke hängen. Auch sie bieten eine ambivalente Wirkung, zum einen durch ihren fragilen Werkstoff, zum anderen durch ihre massive Größe.
»Sowohl bei Elisabeth Wagner als auch bei Philipp Kummer und Anna Bittersohl sind Fragmente einer Welt zu finden, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Alle geschaffenen Räume, malerisch und installativ, sind keine klar definierten, nutzbaren Orte mehr.« Es gilt sie für sich zu entdecken. (GEA)

