REUTLINGEN. Sie sind rot gekleidet, mit roten Bändern gebunden an einen Würfel mit offenen Seiten, in dessen Innerem sich wiederum rote Bänder überschneiden. Drei Tänzerinnen, ein Tänzer stehen auf einer Fläche vor der Bühne im franz.K am Donnerstagabend. Eine der Frauen trägt eine Beinprothese, wird sie später ablegen, wird mit und ohne sie tanzen, kraftvoll und sicher. Von den übrigen Mitgliedern des Ensembles weiß man nicht, ob sie unter körperlichen Einschränkungen leiden. Sie sind aber von sehr unterschiedlicher Größe. Sie bewegen sich ausdrucksstark, sie treten auf als eine Gruppe, die unterschiedliche Dynamiken durchläuft, als Körper, die sich auf unterschiedliche Weise zueinander verhalten, sie erkunden gemeinsam, tänzerisch, das Bedeutungsspektrum der Farbe Rot.
Die DIN A 13 tanzcompany ist zu Hause in Köln, wird geleitet von Gerda König und Gitta Roser und schafft seit 30 Jahren Choreografien, in denen Menschen, deren Körper sich voneinander unterscheiden, tänzerisch kommunizieren. Ein Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung existiert für sie nicht; sie zeigen stets besondere Körper, die sich in einer Welt, unter besonderen Bedingungen, verhalten. Immer, sagt Gerda König, im Gespräch nach der Aufführung von »extRemED« im franz.K, entstehe das Stück auch aus dem jeweiligen Ensemble heraus, entwickele sich in den Proben; jede Choreografie, sagt sie, sei getragen von einem Thema und besitze einen gesellschaftspolitischen Kern.
Farbe der Liebe und der Gewalt
Dieser Kern wird bei »extRemED« nicht direkt angesprochen, denn das Stück widmet sich einem Thema, das über viele Seiten, Facetten verfügt, die die Tänzer aufspürten und ausdrücken. Es geht um die Farbe Rot. »Rot«, sagt Gerda König, »besitzt eine Symbolik. Es kann für Gewalt stehen, für Liebe, Sexualität und Revolution. Mit diesen Begriffen haben wir gearbeitet.« Und: »Mir geht es um konkrete gesellschaftliche Gefühle.«
Der Würfel, Kubus, der sich in der rechten Hälfte der Bühne befindet, sagt die Choreografin weiterhin, sei ein Zentrum – ein Element des Spiels, das während der Arbeit am Stück auftauchte. Zwei Monate dauerte diese Arbeit, einige Male wurde »extRemED« seither in Köln gespielt. Der Plan, das Stück noch in diesem Jahr in Italien und in Helsinki zu zeigen, zerschlug sich, aufgrund von Kürzungen; dass es Teil eines Festivals in Korea sein wird, ist jedoch gewiss.
Fatale Folgen
Die vier Körper sind zunächst an das Zentrum gebunden. Sie begehren auf, sie spannen ihre Bänder, sie fliehen, sie wirbeln aber auch zurück an den Bändern, tanzen mit ihnen. Es gibt den Moment, in dem zwei von ihnen, Mann und Frau, zum Paar werden, in dem die Liebe, in Umarmungen, Umschlingungen, körperlichen Ausdruck findet. Dann gibt es den Moment, in dem sich die Tänzer vom Zentrum befreien, ihre Bänder ganz einfach ablegen – er hat zunächst fatale Folgen: Denn nun, in der Freiheit, jagen sie einander, bringen sich gegenseitig zum Stürzen, stürzen aufeinander. Und später wieder nähern sie sich dem Zentrum als freie Körper, verfangen sich auch in ihm, schlagen an seine Streben, stehen zitternd in seinem Innern und werden dort, zuletzt, eins.
Die Eindringlichkeit dieser Aufführung ist groß, der Applaus dauert lange. Míriam Aguilera , Damiaan Veens, Lisa Hellmich, Gina Laskowski entwickelten in ihren Bewegungen, Haltungen, dem Ausdruck ihres Tanzes Emotionen, ganz jenseits von Worten – und »extRemED«, ihr Stück, die Farbe Rot, ihr Thema, wurde erlebbar als eine sehr starke Ambivalenz, eine große Kraft, die negative oder positive Formen annehmen kann. (GEA)

