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Aktuell Ausstellung

Barbara Wünsche-Kehle und Ingrid Swoboda in der Reutlinger Pupille

In der aktuellen Ausstellung in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille treffen die geheimnisvollen Bildräume von Ingrid Swoboda auf die nicht weniger rätselhaften Draht-Papier-Konstruktionen von Barbara Wünsche-Kehle. Der zweite Blick zeigt, dass ihre Abstraktionen durchaus politisch sind.

Ingrid Swoboda (von links), Jan Demoulin und Barbara Wünsche-Kehle in der Pupille zwischen Malerei von Swoboda und Draht-Papier-
Ingrid Swoboda (von links), Jan Demoulin und Barbara Wünsche-Kehle in der Pupille zwischen Malerei von Swoboda und Draht-Papier-Plastiken von Wünsche-Kehle. Foto: Armin Knauer
Ingrid Swoboda (von links), Jan Demoulin und Barbara Wünsche-Kehle in der Pupille zwischen Malerei von Swoboda und Draht-Papier-Plastiken von Wünsche-Kehle.
Foto: Armin Knauer

REUTLINGEN. »Gratwanderung« haben Ingrid Swoboda und Barbara Wünsche-Kehle ihre gemeinsame Ausstellung in der Pupille genannt. Doch auf den ersten Blick ist kein Grat zu erkennen, noch nicht einmal ein Berg auf den abstrakten Malereien von Swoboda und den nicht weniger gegenstandsfreien Holzschnitten und Draht-Papier-Plastiken von Wünsche-Kehle. Und doch kommt der Titel nicht von ungefähr.

Ingrid Swoboda hat ihre in Jahrzehnten ausgeprägte Acrylmalerei weiterentwickelt. Viel Weiß findet sich in ihren Bildern, pastelliges Ocker, Grau, hier und da gedämpfte Blau-, Gelb- und Grüntöne, gestisch aufgetragen, selten durch geometrische Flächen ergänzt. Für harte Kontraste sorgen markante Schwarzflächen, die sich bedrohlich in die erdig-hellen Farbräume schieben.

Raumgreifende Drahtgeflechte

Wünsche-Kehle wiederum konstruiert leiter- oder kastenförmige Drahtgeflechte, deren Fächer sie hier und da mit Papier auskleidet. Merkwürdige Formen entstehen so, die mal aus der Wand herauszuragen scheinen, sich dann wieder durch den Raum winden. Die Gitterstrukturen dieser Gebilde greift sie in ihren Holzschnitten wieder auf.

Drahtplastik von Barbara Wünsche-Kehle in der Ausstellung in der Pupille.
Drahtplastik von Barbara Wünsche-Kehle in der Ausstellung in der Pupille. Foto: Armin Knauer
Drahtplastik von Barbara Wünsche-Kehle in der Ausstellung in der Pupille.
Foto: Armin Knauer

Und doch sind weder die Malereien von Swoboda noch die Drahtgebilde und Drucke von Wünsche-Kehle so von der Alltagswirklichkeit entrückt, wie man meinen sollte. Als langjährige Ateliernachbarinnen in der Alten Spinnerei in Wannweil haben sie sich regelmäßig zu gesellschaftlichen Entwicklungen ausgetauscht. Die Alte Spinnerei ist Geschichte, Swoboda in den »Himmelreich«-Ateliers in Tübingen untergekommen, Wünsche-Kehle noch auf der Suche nach einem neuen Domizil. Das politische Interesse aber ist geblieben.

Zwischen Abstraktion und Politik

Hier kommt die Gratwanderung ins Spiel: »Es ist ja immer die Frage, wie viel man von diesen politischen Themen zeigen soll«, erklärt Wünsche-Kehle. Denn ja, beide wollen die Fragen, die sie umtreiben, thematisieren; aber beide nicht so, dass dem Betrachter etwas aufgedrückt wird. Der Besucher soll angeregt werden, aber frei bleiben in dem, was seine Fantasie in den Kunstwerken entdeckt.

Frappierende Leere zwischen bedrohlichen Dunkelflächen: »Niemandsland« von Ingrid Swoboda.
Frappierende Leere zwischen bedrohlichen Dunkelflächen: »Niemandsland« von Ingrid Swoboda. Foto: Armin Knauer
Frappierende Leere zwischen bedrohlichen Dunkelflächen: »Niemandsland« von Ingrid Swoboda.
Foto: Armin Knauer

Das Austarieren dieses Spannungsfelds ist die Gratwanderung. Wie nah sie an einer tatsächlichen ist, machte Brigitte Braun vom Tübinger Kunst-Duo Nerz KG deutlich, die als begeisterte Berggängerin anstelle einer Einführung eine reale Gratüberquerung vor Augen führte. Der Pfad ist eng, der Horizont hingegen weit. Der Blick ist auf das Nahe und Ferne zugleich fokussiert. Die Konzentration ist ganz im Hier und Jetzt und die Zeit scheint stillzustehen wie im künstlerischen Prozess.

Performance mit Reifen und Kugel

Eine von Jan Demoulin angeleitete Performance thematisierte ihrerseits bei der Vernissage dieses Spannungsverhältnis von Konkretisieren und Offenhalten. Demoulin, Wünsche-Kehle und Swoboda schufen mit Bewegungen ihres Körpers grafische Strukturen auf einer großen Papierbahn am Boden, mittels eines Stocks, an den ein Stift gebunden war. Sie trugen Pendel über die Fläche, ließen Reifen auf den grafischen Mustern kreisen, eine Kugel über eine Aluminiumschiene rollen. Ein Kunstwerk aus Körper, Formen und Linien in Bewegung entwickelt sich.

Swoboda, Wünsche-Kehle und Demoulin bei ihrer Performance in der Vernissage der Ausstellung »Gratwanderung« in der Pupille.
Swoboda, Wünsche-Kehle und Demoulin bei ihrer Performance in der Vernissage der Ausstellung »Gratwanderung« in der Pupille. Foto: Armin Knauer
Swoboda, Wünsche-Kehle und Demoulin bei ihrer Performance in der Vernissage der Ausstellung »Gratwanderung« in der Pupille.
Foto: Armin Knauer

Die Arbeiten von Wünsche-Kehle und Swoboda sind demgegenüber konkreter. Liest man Titel wie »Wolfsland« oder »Niemandsland« bei Swoboda, so ist es nicht schwer, in ihren Farbräumen abstrahierte Landschaften zu sehen, in denen sich das Bedrohliche der gesellschaftlichen Situation spiegelt. Die schattenhaften Schwarzflächen erinnern an Silhouetten von Personen, von denen Gefahr ausgeht. Linien gemahnen an Zäune oder Grenzanlagen; eine nebelhafter Grauschleier bekommt durch den Titel eines Anti-Atomkraft-Songs die Bedeutung einer nuklearen Wolke.

Grenzen, Flucht, Migration

Wünsche-Kehles Drahtgebilde und Holzdrucke wiederum spielen genauso auf Absperrgitter an, wie sie Fluggeräte und Insekten in den Sinn rufen, die solche Zäune überfliegen können. Ihre durch den Raum mäandernden Drahtgebilde scheinen Wege zu sein von einem Lufthaus zum andern, auf denen sich gut wandern lässt. Weshalb viele ihrer Arbeiten unter dem Titel »Travellers«, also Reisende stehen.

So taucht man bei Swoboda und Wünsche-Kehle in Welten ein, in denen sich die Probleme der Zeit spiegeln: Flucht und Migration, Grenzen und ihre Überwindung, die Gefahren der Technik und das Gefühl der Verlorenheit in einer aus den Fugen geratenden Welt. Nur eben verwandelt in abstrahierende bildnerische Mittel. (GEA)