BERLIN/REUTLINGEN. Jen Bender, geboren 1980 in West-Berlin, hat Grossstadtgeflüster 2003 mit Raphael Schalz gegründet, 2008 stieß Schlagzeuger Chriz Falk hinzu. Das Trio hat sich auf punkigen Elektropop spezialisiert; spätestens seit dem Hit »Fickt-euch-Allee« ist es auch in den größeren Hallen angekommen. Auch auf dem aktuellen siebten Studioalbum »Über-Icke« geht es wieder viel um Selbstbestimmung, Freiheit und den Exzess. Wir unterhielten uns mit Sängerin Jen Bender in Berlin.
GEA: Sie singen in »ICKE!«, dass Sie die ganze Welt gesehen haben, von der Havel bis zur Spree. Fühlt es sich für Berlinerinnen und Berliner so an, als sei ihre Stadt der Nabel der Welt?
Jen Bender: Auf das lyrische Ich in diesem Song trifft das auf jeden Fall zu. Auf mich selbst nur zum Teil, ich hoffe nicht zu sehr. Das grenzt ja an Maßlosigkeit, wenn ich sage, Berlin sei alles, was ich brauche. Es gibt Tage, da kommt mir das so vor, und es ist wirklich immer etwas sehr Besonderes, in Berlin vor seinem ganzen Freundeskreis zu spielen. Aber woanders ist es auch schön.
Wie geht es Berlin denn gerade aus Ihrer Sicht?
Bender: Ich würde mich jetzt nicht als Berlin-Expertin bezeichnen, aber ich lebe dort halt seit meiner Geburt. Ich würde sagen, Berlin geht es ähnlich wie allen großen Städten, gerade in Bezug auf die Wohnsituation und generell die sozialen und gesellschaftlichen Probleme. Berlin kränkelt wie die übrigen Metropolen auch, aber es hält sich wacker. Die Lebensqualität ist, mal so ganz objektiv betrachtet und vor allem im Sommer, nach wie vor sehr hoch.
Auf Eurem Album bekommt man nicht nur einen Einblick in das Berliner Leben, sondern in das Leben ganz generell. Es geht um schwierige Gespräche mit den Eltern, Frust bei der Arbeit oder das nicht immer konfliktfreie Verhältnis zum Alkohol. Wie kommt Ihr auf Eure Geschichten?
Bender: Wir haben ein eigenes Studio, und dort sitzen wir meistens, wenn wir an neuer Musik arbeiten. Was auf Knopfdruck bei uns eher schlecht funktioniert. Meistens ist es so, dass die Muse unerwartet anklopft und wir ihr die Tür öffnen. Die Leute, die mit uns arbeiten und zum Beispiel unsere Tourneen buchen, sind gelegentlich ganz schön genervt, weil auch bei dieser Platte lange nicht klar war, wann wir sie fertig haben würden.
Wann ist eine Platte aus Eurer Sicht denn fertig?
Bender: Wenn wir spüren, dass sie uns selbst nicht langweilt. Und dass sie uns gut unterhält. Denn so ist die Chance sehr groß, dass auch die Zuhörer ihren Spaß haben. Dieses Gefühl lässt sich während des Zusammenfügens der Songs früher oder später ganz gut ablesen. Jedes neue Album ist immer wieder ein Sprung ins Unbekannte. Das läuft nicht wie beim Kochen, dass man sagt, man nimmt jetzt die Zutaten, Pfeffer, Salz und Oregano und dann schmeckt das schon irgendwie. Wobei wir nach zwanzig Jahren Bandgeschichte besser darin werden, relativ früh zu ahnen, ob ein Lied Abfall ist oder geil.
Ihr habt 2003 angefangen. Das offizielle Jubiläum war vor zwei Jahren. Habt Ihr gefeiert?
Bender: Wir feiern doch immer (lacht). So eine bedeutsame »20 Jahre«-Tournee passt nicht zu Grossstadtgeflüster. Wir sind zu chaotisch für gerade Zahlen oder runde Geburtstage. Gleichwohl betrachten wir diese alles andere als geradlinige Karriere voller Wertschätzung. Ich denke manchmal, was für Leben ich alle nicht gelebt habe, ich habe zum Beispiel keine Kinder. Auch schleichen sich mehr und mehr die Gedanken an die Vergänglichkeit ein, man wird ja nicht jünger. Wenn ich mich aus tausend Möglichkeiten für eine entscheide, entscheide ich mich gegen 999 andere. Und darin steckt eine nicht zu geringe Melancholie. Und doch bin ich überglücklich, mein Leben so zu leben, wie ich es tue. Frei, selbstbestimmt und nur mit so vielen Kompromissen, wie ich sie einzugehen bereit bin. Ich hätte am liebsten nochmal zwei von diesen Leben.
»Wenn ich deine Eltern wär« heißt eines der Lieder. Sind Ihre Eltern zufrieden mit den Lebensentscheidungen ihrer Tochter?
Bender: Ja, meine Eltern haben immer hinter mir gestanden. Für sie war es schön, dabei zuzusehen, wie ich in etwas aufgehe, das ich wirklich liebe. Auch wenn es aus Elternsicht selbstverständlich eine bescheuerte Idee ist, eine Band zu gründen, vor allem, wenn man irgendwie die Butter auf sein Brot bekommen muss. Bloß während meiner Pubertät, wo ich es krass habe krachen lassen, haben sie sich oft am Kopf gekratzt. Ich war wirklich bescheuert und habe die Karre manches mal so richtig vor die Wand gefahren. Doch deine Hand merkt es sich, wenn du sie mal so lange auf der Herdplatte hast liegen lassen, dass sich die Haut abpellt.
Hat bei Ihnen auf lange Sicht immer alles funktioniert?
Bender: Nein, natürlich nicht. Ich bin oft gescheitert, nicht selten an mir selbst. Ich habe Ehrenrunden in der Schule gedreht, bin auf alle erdenklichen Arten auf die Schnauze gefallen und würde mich hüten zu sagen, dass am Ende immer alles gut wird. Nein, das wird es nicht. Manchmal ist das Universum einfach nur ein Arsch.
Soll Ihr Album die Menschen auch ein wenig trösten?
Bender: Selbstoptimierung und so ein Mist ist jedenfalls nicht die Paradedisziplin meines lyrischen Ichs. Und meins auch nicht. Ich denke, wir zeichnen in unseren Texten ein einigermaßen realitätsnahes Bild vom Leben.
Ihre Bühnenperson eskaliert gern partymäßig. Auf »Huckepack« wird sie betrunken von einem guten Freund nach Hause getragen.
Bender: Da steckt schon viel von mir selbst drin. Die Sehnsucht nach selbstzerstörerischen Momenten ist mir nicht fremd. Insbesondere, wenn es Rhabarberschnaps gibt, meine absolute Lieblingsdroge (lacht). Der Song ist aber in erster Linie ein sehr zärtlicher. Es geht darum, dass dich trotzdem noch jemand ins Bett bringt, auch wenn du gerade die Straße vollgekotzt hast.
Das Lied, das Ihre musikalische Bandbreite mit am besten illustriert, heißt »Mein Bier«. Es fängt an wie ein irisches Trinklied, wird zu einem Chanson im Stil von Hildegard Knef, bevor es in großes Elektro-Geballer mündet.
Bender: Wir könnten auch durchgestylte Balladen veröffentlichen, aber wir mögen halt diese Voll-auf-die-Zwölf-Songs viel lieber. Wir lieben so einen Quatsch, die Musik ist unser großer Spielplatz. Erlaubt ist bei uns, was Bock macht. (GEA)
Grossstadtgeflüster: 2. August, 20 Uhr Echaz-Hafen Reutlingen

