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Aktuell Bühne

Am Tübinger Zimmertheater wird Gott zum Therapiefall

Gott fällt in Depressionen: Was ist bloß los mit seiner Schöpfung? Ob ihm eine Psychotherapeutin wieder Lebensmut einhauchen kann? Das fragt das Tübinger Zimmertheater mit einem neuen Stück.

Mit Gott auf der Treppe: Stefan Herrmann und Jel Woschni in »Oh Gott!«.
Mit Gott auf der Treppe: Stefan Herrmann und Jel Woschni in »Oh Gott!«. Foto: Kopp
Mit Gott auf der Treppe: Stefan Herrmann und Jel Woschni in »Oh Gott!«.
Foto: Kopp

TÜBINGEN. Wie konnte es nur so weit kommen? Gottes Schöpfung wendet sich gegen sich selbst. Der Mensch zettelt Krieg um Krieg an, ruiniert die Erde. Kein Wunder, dass Gott in Depressionen verfällt. Er will nicht mehr, würde am liebsten sein Schöpfungswerk ungeschehen machen. Ob ihm eine Psychotherapeutin aus dem Tief helfen kann? Doch diese Ella ist zunächst einmal überfordert – und hat ohnehin ihre eigenen Probleme.

Ein Stück der 2012 gestorbenen israelischen Autorin Anat Gov hat das Zimmertheater nach Tübingen geholt. Mit »Patient Zero 1« in der Löwenspielstätte zeigt der neue Intendant Thomas Bockelmann, dass er sich auch experimentelles Zeitgeist-Theater traut; aber die Mittel sind knapp und neue Sparrunden der Stadt stehen an, da braucht es auch Stücke, die eine sichere Bank sind. So wie »Oh Gott!« mit dem Schöpfer als Therapiefall. Spritzige Dialoge, Wortwitz, überraschende Wendungen, Tiefgang und Relevanz: Wenn so ein Stoff nicht Zuschauer zieht, was dann?

Aktueller denn je

Die Grundfrage des Stücks jedenfalls wirkt ist heute noch viel brennender als zu seiner Entstehungszeit, jetzt, wo Gaza in Trümmern liegt, im Sudan der Bürgerkrieg tobt und russische Bomben auf die Ukraine fallen. Nur muss man den skurrilen Witz dieser Versuchsanordnung auch rauslocken. Das gelingt den Schauspielern in der Regie von Intendant Thomas Bockelmann prächtig.

Ausstatterin Ursina Zürcher platziert diese Therapiesitzung der anderen Art in einer Sitzecke mit Stahlrohrsesseln und Bistrotisch. An der Wand eine farbstrotzende Kinderzeichnung, die auch dezent auf die Naturstein-Rückwand projiziert ist (Bildgestaltung: Hermann Feuchter) – sie wird im Stück noch eine zentrale Rolle spielen. Außerdem ein Urwald an Zimmerpflanzen, der zugleich auf die Natur da draußen verweist. Umweltzerstörung, fehlender Regen, auch das klingt an.

Lebensmüder Schöpfer

Bei der Premiere brauchen die beiden Protagonisten ein bisschen, bis sie warmgespielt sind, aber dann nimmt der Schlagabtausch zwischen dem lebensmüden Schöpfer und der zunehmend mutigeren Therapeutin richtig Fahrt auf. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, es wird gelacht im proppevollen Theaterkeller. Die skurrile Situation, den Schöpfer der Welt in Behandlung zu haben, eröffnet die Chance für allerhand ironische Seitenhiebe. Das lässt sich die Autorin so wenig entgehen wie die Darsteller auf der Bühne.

Stefan Herrmann ist als Gott dabei keineswegs der altväterliche Patriarch; schon eher der typ frustrierter Doktorand: ein intellektueller Schnösel, schlagfertig, aber auch arrogant und selbstverliebt. Therapeutin Ella hat bei Jel Woschni unter der intellektuellen Fassade eine fragile Mütterlichkeit, deren innere Zerbrechlichkeit vielleicht gerade dadurch so gut herauskommt, weil ein Mann die Rolle spielt – beziehungsweise eine nonbinäre Person.

Atemberaubende Wendungen

Clou des Stücks sind die atemberaubenden Wendungen im Selbstverständnis der beiden Protagonisten. Gott, der Machtvolle, halb entschlossen, seine Schöpfung wieder auszuradieren, offenbart plötzlich unvermutet weiche Seiten. Und Ella, anfangs völlig überfordert, gewinnt immer mehr Power, treibt ihren Patienten regelrecht in die Enge – um dann ihrerseits eine tiefe innere Wunde zu offenbaren.

Versöhnende Geste: Jel Woschni als Ella (links) und Stefan Herrmann als Gott in »Oh Gott!« am Tübinger Zimmertheater.
Versöhnende Geste: Jel Woschni als Ella (links) und Stefan Herrmann als Gott in »Oh Gott!« am Tübinger Zimmertheater. Foto: Kopp
Versöhnende Geste: Jel Woschni als Ella (links) und Stefan Herrmann als Gott in »Oh Gott!« am Tübinger Zimmertheater.
Foto: Kopp

Diese Kipp-Punkte bekommen die beiden Darsteller mit großer Glaubwürdigkeit hin. Der äußere Rahmen tut das seine dazu: Der Kellerraum verstärkt das Dichte, Abgeschlossene der Therapiesituation; die auffallende Treppe im Hintergrund wird sinnig eingesetzt, um das Eindringen der höheren Macht in den Therapieraum zu inszenieren – und Gottes zwischendurch aufkommenden Fluchtpläne. Das Kinderbild und seine Projektion greifen den autistischen Sohn der Therapeutin auf, der wiederum mit ihrem eigenen Trauma zusammenhängt. Was am Ende genauso eine Bedeutung bekommt wie der Zimmerpflanzen-Urwald – welche genau, darf man noch nicht verraten.

So vergeht diese Therapiestunde wie im Flug. Und bringt die Erkenntnis mit sich, dass vielleicht in jedem von uns ein bisschen von jenem Gott steckt, der sich seine eigene Welt schafft, um später an ihr zu leiden; der aus Frust über die Welt die Brocken hinschmeißen will, sich am Ende aber vor allem nach Liebe sehnt. Und vielleicht steckt in jedem von uns auch etwas von jener Therapeutin, die so scharfsinnig andere analysiert, dabei aber ihren eigenen Schmerz nur zu perfekt wegsperrt. Im Theaterkeller kommen sie beide zusammen – und die Frage ist, ob am Ende Heilung dabei herauskommt. (GEA)