DUBLIN. »Immersion« heißt der neue Bestseller der Event-Kultur. In Stuttgart und Umgebung durften Zuschauer sich in jüngeren Jahren effektvoll einwickeln lassen in immersive Inszenierungen der Kunst- und Lebenswelten von Monet über van Gogh, Vermeer bis zu Frida Kahlo, der Zeit des Tutanchamun, des Reichs der Dinosaurier. Mitunter reicht das Etikett »immersiv«, um Zuschauermassen anzulocken - ein Thema wird da gar nicht mehr benötigt, Lichtspiele wirbeln im Kirchenschiff umher. Das Wichtigste ist: Es gibt ein visuelles Erlebnis, das die Zuschauer einhüllt, gefangen nimmt, die Welt vergessen lässt. Historiker, Kunsthistoriker schütteln gerne den Kopf über die Präsentationen, die immersiven Techniken sind meist so schlicht wie effektiv – die Einladung zur Flucht aus der Wirklichkeit wird aber sonst allseits mit Begeisterung angenommen. Die Wirklichkeit selbst, der Zustand der Welt mögen ein guter Grund dafür sein.
Längst hat auch Irlands Hauptstadt Dublin die Immersion für sich entdeckt. Dort allerdings besitzt sie lokalen Bezug und didaktische Absicht. Dublin hat etwas zu erzählen, über Geschichte, Literatur, Kunst und Mythos Irlands. Ein weiterer Unterschied zum gängigen Immersions-Betrieb: »The Book of Kells Experience«, die Ausstellung, mit der Dublin das irische Kulturerbe in moderner Event-Technologie präsentiert, ist eine dauerhafte Installation, untergebracht in einem Container-Komplex im Hof des Trinity Colleges. Nicht weit von dort befindet sich das Originalmanuskript des Buches, das mutmaßlich um 800 nach Christus in einem Kloster an der schottischen Westküste entstand und aus Furcht vor Wikingerüberfällen nach Irland gebracht wurde.
Das ganze Buch der Kelten
Berühmt ist das »Book of Kells« als historische Handschrift und als herausragendes Beispiel der keltischen Buchmalerei – die Evangelien sind oft ganzseitig illustriert, die Seiten überzogen vom feinen Flechtwerk traditioneller Muster. Das »Book of Kells« wurde bislang innerhalb des Trinity Colleges präsentiert, ist dort auch weiterhin zu sehen, eine Doppelseite jedoch nur, die im Abstand von mehreren Monaten wechselt. Die »Book of Kells Experience« ermöglicht es Besuchern nun, das ganze Buch zu betrachten – und zieht sie hinein in eine animierte Präsentation, die die Geschichte des Buches und der Kelten auf eindrucksvolle Weise erzählt.
Etwas anders sieht es in der Bibliothek des Trinity Colleges aus, dem sogenannten »Long Room«. Dort, in einem Raum von 65 Metern Höhe, gefüllt mit dunklen Holzregalen, zwischen denen helle Marmorbüsten großer Denker vor sich hin sinnieren, finden sonst rund 200.000 Bücher von großem Alter und historischem Wert ihren Platz. Das schafft eine erhabene Atmosphäre, die oft auch Fans des eher britischen Zauberers Harry Potter anlockt, denn Film-Szenen, die in Potters Zauberschule Hogwarts spielen, wurden zwar nicht in Dublin gedreht, aber sehr deutlich vom »Long Room« inspiriert. Aktuell jedoch sind die berühmten Regale ausgeräumt, da Renovierungsarbeiten stattfinden, ein Digitalisierungsprojekt umgesetzt wird. Stattdessen schwebt in dieser weltberühmten Bibliothek »Gaia«, ein Werk des Künstlers Luke Jerram, ein Helium-Ballon, der der Erde gleicht, so wie sie vom Mond aus gesehen werden könnte, mit einer Oberfläche, die aus Satellitenbildern des Planeten zusammengefügt wurde. Von »Gaia« existieren mehrere Kopien, die an verschiedenen Orten der Welt gezeigt wurden – unter anderem 2023 in der Dresdner Frauenkirche. Im Trinity College wird die Kugel bis September 2026 zu sehen sein.
Begegnung mit Genies
Dort kann man, abseits der Bibliothek, im Containerreich der »Book of Kells Experience«, allerdings auch einen Blick auf einige der fehlenden Bücher werfen und einigen ihrer Schöpfer begegnen – auf immersive Weise wiederum. Und dort stehen die Besucher dann vielleicht Auge in Auge mit einem Oscar Wilde, einem Jonathan Swift, die plötzlich zwinkern – und zu sprechen beginnen. Vorausgesetzt natürlich, die Besucher der virtuellen Bibliothek tragen einen Kopfhörer. (GEA)

