WIEN. Die manisch strickende Frau Wurm (Maresi Riegner) presst Herrmanns Hand minutenlang auf eine rot glühende Herdplatte. Weil der einen Teller zerbrochen hat. Und sie auch sonst zur Weißglut bringt. Mit seiner zornig hinausgebrüllten Selbstüberschätzung, dem Rotzen und Geschmiere. Chrr-pü! Immer wieder spuckt sie da entschlossen ins Taschentuch. Der selbsternannte Kleinstadt-Großkünstler (Stefanie Reinsperger) fantasiert derweil davon, wie er sein Lulu in ein frisch gebohrtes Loch im Kopf der Mutti steckt. »So wie der Onkel Vormund sein großes Lulu in den Kindermund des kleinen Herrmann hineingesteckt hat.«
Die Nachbarn tischen dagegen Plattitüden auf: Die ganze Welt ist voller Löcher. Eigen ist besser als fad. Doch auch beim Piefkequartett Kovacic kaschiert der tannengrüne Samt des nagelneuen Wohnzimmermobiliars die Abgründe nur knapp. Varianten innerfamiliären Missbrauchs lauern an jeder Sessel- und Sofaecke.

Von wegen, die Hausgemeinschaft muss zusammenhalten. Miteinander können diese in sich dysfunktionalen Parteien eines Mietshauses in Werner Schwabs »Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos« erst recht nicht. Bis Professorenwitwe Grollfeuer (Franziska Hackl) vom hohen Ross des bildungsbürgerlich-antifaschistischen Standpunkts herab zum Fest lädt. An der reich bestückten Tafel der Vollzeit-Misanthropin kulminieren der bodenlose Hass und die bodenlose Verachtung um sich greifender Grenzdebilität in einem tödlichen Befreiungsschlag. Oder ist das nur eine alkoholbefeuerte Vision?
Mit Hängen und Würgen
Der Witz an Fritzi Wartenbergs Neuinszenierung am Akademietheater der Wiener Burg: Die Regisseurin verbildlicht die Bodenlosigkeit alltäglicher Grausamkeiten in dieser 1991 uraufgeführten »Radikalkomödie«, indem sie den Darstellern tatsächlich den Boden unter den Füßen entzieht. Statt auf der Bühne zu stehen, turnen die drei Akte lang an einem in die Vertikale gekippten Guckkasten herum. So holt die erst sechs Jahre nach Schwabs Durchbruch als Dramatiker geborene Regisseurin, die mit Mareike Fallwickls »Elisabeth!« am Burgtheater gerade für den Nestroy-Theaterpreis 2025 nominiert wurde, die beißende Sozialkritik des ausgehenden 20. Jahrhunderts ins Zeitalter der Events und Immersionen.

Wie Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh die Küche der Wurms, Kovacics Wohnzimmer und Grollfeuers Salon um 90 Grad dreht, lässt an Daniel Spoerris an die Wand gepappte Eat Art denken. Ästhetisch stilisiert, doch unverrückbar, wie festgenagelt sind auch die Umstände in diesem satirisch übersteigerten Kosmos.
Dem exzellenten Ensemble - angeleitet von Choreografin Sabina Perry - verlangt das einige Anstrengung ab. Müssen die zum starren Harren und mühsamen Hangeln in dieser Draufsicht-Szenerie doch auch noch Schwabs brillant entlarvende Wortungetüme und Satzdekonstruktionen raushauen. Trägt das, über zwei Stunden? Tut es. Denn je ärger der drohende Absturz das Agieren einschränkt, desto klarer rücken der Humor und die Sprachgewalt dieser »Volksvernichtung« in den Fokus.

Bei allem Hängen und Würgen: Statt des einst vorherrschenden Ekels hebt Fritzi Wartenberg die Brüchigkeit und Verzweiflung der Figuren hervor. So bieten die Kaskaden volkstümlicher Begeisterung und exemplarischer Hoffnungslosigkeit einer abgründigen Mietshausmeute Identifikationsstoff auch fürs heutige Publikum.
Möglich machen diese abgrundtief stimmige Inszenierung die vom Dortmunder »Tatort« her bekannte Reinsperger als Naturgewalt bar jeder Weiblichkeit, die vermeintlich zart alles und jeden in Grund und Boden zischelnde Riegner und die zwischen adretter Lilo Pulver und undurchsichtiger Nicole Kidman changierende Hackl ebenso wie Sebastian Wendelin als ewiger Stenz, der im Kovacic-Clan tapfer gegen seine zweigesichtige Gattin Zeynep Buyraç antritt und sich an Jonas Hackmanns Brust ebenso vergreift wie an Tilman Tuppys Hamster. Als dümmlich-geile Töchter rechtfertigen die beiden hier im Übrigen lustvoll den zur Chiffre verkommenden Kniff einer Cross-Gender-Besetzung. (GEA)

