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Zeit schenken, damit Kinder einfach Kind sein können - »Patentino« sorgt genau dafür

Das Präventionsprojekt »Patentino« des Vereins für Sozialpsychiatrie Tübingen-Reutlingen feiert zehnjähriges Bestehen.

Das »Patentino«-Team auf der Bühne im Tübinger Museum sorgt dafür, dass Kinder aus Familien mit psychisch-krankem Elternteil mit
Das »Patentino«-Team auf der Bühne im Tübinger Museum sorgt dafür, dass Kinder aus Familien mit psychisch-krankem Elternteil mit ehrenamtlichen Paten zumindest ein wenig Kind sein dürfen. Foto: Norbert Leister
Das »Patentino«-Team auf der Bühne im Tübinger Museum sorgt dafür, dass Kinder aus Familien mit psychisch-krankem Elternteil mit ehrenamtlichen Paten zumindest ein wenig Kind sein dürfen.
Foto: Norbert Leister

TÜBINGEN. Vor zehn Jahren ging das Präventionsprojekt »Patentino« vom Verein für Sozialpsychiatrie (VSP) an den Start. Am vergangenen Freitag wurde im Uhlandsaal des Tübinger Museums gefeiert. 37 Patinnen und Paten haben ebenso viele Kinder 2025 ehrenamtlich betreut, ihnen Freude gebracht und ein Stückweit Kindsein ermöglicht.

»Ich mag am liebsten, mit dir kochen und manchmal Eis essen und mit dir spielen und am liebsten zu dir nach Hause gehen und noch am liebsten mag ich mit dir Pudding kochen und dann mit dir essen.« Dies ist eine der Äußerungen, die betreute Kinder von »Patentino« in der zehnjährigen Geschichte von sich gegeben haben. Noch ein Zitat? »Patenschaft ist ein bisschen Liebe, finde ich.« Wie schön.

Das Präventionsprojekt für die Landkreise Tübingen und Reutlingen gibt es nun schon seit zehn Jahren.
Das Präventionsprojekt für die Landkreise Tübingen und Reutlingen gibt es nun schon seit zehn Jahren. Foto: Norbert Leister
Das Präventionsprojekt für die Landkreise Tübingen und Reutlingen gibt es nun schon seit zehn Jahren.
Foto: Norbert Leister

Der VSP hat dieses Präventionsprojekt in den Landkreisen Tübingen und Reutlingen an den Start gebracht, »weil Kinder eines psychisch kranken Elternteils im Familiengefüge oft sehr viel Verantwortung für Geschwister übernehmen, sie kümmern sich um Essen oder den Haushalt«, erläuterte Martina Berndt als VSP-Bereichsleiterin Jugendhilfe aus dem Patentino-Team.

Der besondere Verein kam somit auf die Idee, den Kindern aus betroffenen Familien jemanden an die Seite zu stellen. Eine Person, die Zeit für das Kind hat. Die mit dem Kind ins Hallenbad geht, bastelt, kocht, Eis isst, ganz einfach verlässlich Zeit mit dem Mädchen oder dem Jungen verbringt. Solch ein Mensch, solch ein Pate ist Fabio Krohm.

Wie er zu dieser Tätigkeit kam? »Ich wollte was Sinnstiftendes tun«, sagte der Manager, der selbst keine Kinder hat, sich aber schon seit fünf Jahren pro Woche vier bis sechs oder auch mal acht Stunden um ein Kind kümmert. »Mir gefällt es, Bezugsperson zu sein«, sagte Krohm.

Die Fachfrauen vom Patentino-Team sorgen für das bestmögliche »Matching« zwischen Patin, Pate und Kind. Sie lernen zunächst mal die Freiwilligen kennen, lassen sich das polizeiliche Führungszeugnis zeigen. »Wir prüfen alle auf Herz und Nieren«, betonte Berndt. Wenn dann Kind und Patin, Pate zusammengeführt werden, treffen die Fachfrauen des Patentino-Teams sich mindestens einmal im Monat mit den Paten. Bei Problemen, Krisen in der Familie oder beim Kind sind sie aber auch jederzeit zur Stelle, wenn sie gebraucht werden.

Viel Lob erhielten die Aktiven von VSP und Patentino am Freitag im Uhlandsaal bei der Zehn-Jahres-Feier. Tübingens Jugendhilfeplaner Thomas Holbein etwa sagte: »Danke für die Idee der Patenschaften zusammen mit den verlässlichen Rahmenbedingungen.«

Constanze Fischer vom Kreisjugendamt Reutlingen verlas das Grußwort von Jugendamtsleiterin Christine Besenfelder: »Ich sage Dank an die Eltern, die sich auf die Patenschaften einlassen, Danke auch an die Paten, die für die Kinder da sind, Dank aber natürlich auch an den VSP, der die Idee erdacht hat.« Fischer fügte selbst hinzu: »Patentino ist ein sehr zukunftzugewandtes Angebot, das wert ist, weiter gefördert zu werden.«

Martina Berndt erwähnte am Rand der Feier vom vergangenen Freitag, dass weitere Patinnen und vor allem noch mehr männliche Paten gebraucht würden. Die Warteliste bei den Kindern sei lang, deutlich mehr könnten eine Patenschaft gebrauchen. Solche vorbildlichen Paten wie Fabio Krohm etwa. »Durch die regelmäßige gemeinsame Zeit werden die Paten zu einer Insel im Alltag und zu einer wichtigen Bezugsperson außerhalb der Familienstrukturen«, betonte Torsten Hau als VSP-Geschäftsführer.

Der ehemalige Chef des besonderen Vereins, Reinhold Eisenhut, hatte am Freitag auf der Bühne betont: »Wir sind gnadenlose Kopisten.« Es habe ja vor Patentino schon andere ähnliche Projekte gegeben, wie KiP etwa (Kinder in Patenschaften) im Landkreis Ravensburg. Allerdings sei der VSP mit Patentino bei den Jugendämtern Tübingen und Reutlingen zunächst nicht gerade auf Gegenliebe gestoßen.

Das hat sich geändert, mittlerweile ist das Projekt regelfinanziert. Aber: Viele psychisch kranke Eltern haben laut Eisenhut Angst, sich beim Amt zu melden. Sie befürchten, dass ihre Kinder aus der Familie genommen werden könnten. Dabei sollen die Paten doch eher stabilisierend wirken und die Kinder entlasten. Am Freitag erfolgte noch eine Spendenübergabe von der Maier-Stoll-Stiftung – was wiederum zeige, dass die Bedeutung von Patentino auch außerhalb der Jugendämter wahrgenommen wird.