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Wie große Kultur nach Kirchentellinsfurt gekommen ist

Seit 36 Jahren bereichert der Verein Kultur im Schloss das kulturellen Leben von Kirchentellinsfurt. Wie alles begann, erzählen Ute Rösch und Ruth Setzler.

Uta Röck (rechts) hatte zusammen mit Albrecht Holder die Idee, im frisch sanierten Kirchentellinsfurter Rittersaal Konzerte anzu
Uta Röck (rechts) hatte zusammen mit Albrecht Holder die Idee, im frisch sanierten Kirchentellinsfurter Rittersaal Konzerte anzubieten. Daraus entstand der Arbeitskreis Kultur im Schloss. Ruth Setzler (links) übernahm 2014 den Vorsitz. Foto: Irmgard Walderich
Uta Röck (rechts) hatte zusammen mit Albrecht Holder die Idee, im frisch sanierten Kirchentellinsfurter Rittersaal Konzerte anzubieten. Daraus entstand der Arbeitskreis Kultur im Schloss. Ruth Setzler (links) übernahm 2014 den Vorsitz.
Foto: Irmgard Walderich

KIRCHENTELLINSFURT. Die Tübinger Schlosshofkonzerte werden im kommenden Jahr aufgrund der klammen Stadtkasse vom Veranstaltungskalender der Unistadt gestrichen. Das Kirchentellinsfurter Konzert auf dem Rathausplatz wird es dagegen auch 2026 wieder geben, wie schon die vergangenen 36 Jahre. Das liegt am Rezept: Möglichst unkompliziert wolle man allen den Zugang zur klassischen Musik ermöglichen, sagt Gründungsmitglied Uta Röck. Der Eintritt ist kostenlos, man kann kommen und gehen, wann man will. Am Ende des Konzertes geht ein Hut herum. »Meistens kommen die Unkosten wieder rein«, erzählt Röck. Die ganz großen, bekannten und teuren Künstler können so nicht in den Ort gebracht werden. Aber der Anspruch an Qualität war von Anfang an da. Und er wird auch künftig eingelöst: Der Cellist Ramon Boss kommt am 11. Januar in den Rittersaal, zwei Tage zuvor spielt er in der Hamburger Elbphilharmonie.

Es sind oft junge Musiker am Anfang ihrer Karriere, die nach Kirchentellinsfurt kommen, auch später dem Ort treu bleiben und für einen Freundschaftspreis spielen. Das liege auch an der guten Vor-Ort-Betreuung, erzählen Ute Röck und Ruth Setzler: Wer auf Einladung von Kultur im Schloss kommt, der wird ganz persönlich empfangen und betreut. Er wird nach persönlichen Vorlieben gefragt und bekommt als kleines Dankeschön eine Künstlerrose überreicht.

Von der Rumpelkammer zum Rittersaal

Aber zurück zu den Anfängen: Begonnen hat alles mit der ersten Schloss-Sanierung. Aus einem Stall samt Rumpelkammer wurde der Rittersaal in Kirchentellinsfurt. Ein außergewöhnlicher Raum mit einer außergewöhnlichen Akustik. Ute Röck hatte sofort die Idee, den Saal für Konzerte zu nutzen. Schließlich ist sie in Frankfurt mit ganz viel Kultur aufgewachsen. Als 1989 der Rittersaal fertig wurde, arbeitete sie an der Volkshochschule Tübingen. Mit ihrer Idee, Kultur in den Saal zu bringen, stand sie nicht alleine: »Albrecht Holder hatte dieselbe Idee.« Dem Fagottisten Holder war es genauso wichtig wie Röck, ein hochwertiges Programm auf die Beine zu stellen. Er knüpfte auch die ersten Verbindungen zu hervorragenden Musikern.

Sehr schnell fand sich eine Gruppe Engagierter. Mit dabei war auch der damalige Bürgermeister Bernhard Knauss, Schlossbewohner Gert-Henning Spellenberg, Bücherei-Leiterin Charlotte Braun, Rose Schaeffer, Jürgen Heuer. »Das ging von Anfang an gut«, erinnert sich Röck. Bis heute sei es ein unkompliziertes Miteinander. 25 Jahre lang war sie Vorsitzende des Arbeitskreises. 2014 hat sie den Stab an Ruth Setzler weitergeben. Die GAL-Gemeinderätin ist ebenfalls mit Kultur groß geworden. Ihren 18. Geburtstag hat sie auf dem grünen Hügel in Bayreuth bei den Wagnerfestspielen verbracht.

Gongs im Websaal

Der hohe Anspruch des Arbeitskreises ist in den vielen Jahren geblieben. Dazu kam eine große Lust auf Experimente. »Wir wagen auch was«, erzählt Setzler. Ein Konzert mit Gongs beispielsweise im Websaal des Schirm-Areals. Mike Svoboda spielte schon den anspruchsvollen Stockhausen. Ein Konzert, das eigentlich gar nicht funktionieren kann in einem Dorf, so Setzler. In Kirchentellinsfurt hat es dennoch funktioniert. »Jedes Jahr kommen neue Perlen dazu«, sagt die Vorsitzende. »Wir sind nicht immer auf ausgetretenen Pfaden unterwegs«, bestätigt Röck.

Fast von Anfang an hat sich der Arbeitskreis um ein Kinderprogramm bemüht. Seit 2008 gibt es Kindertheater für die Grundschüler der Graf-Eberhard-Schule. Fest etabliert hat sich auch der Jazzbrunch. 2019 wurde das erste große Figurentheaterfestival organisiert. »Wir sparen auf ein zweites«, sagt Setzler. Bis dahin gibt es ein kleines Freiluft-Festival. Auch die Weihnachtsgeschichte wird regelmäßig vom Figurentheater Martinshof erzählt.

Rund zehn Veranstaltungen jährlich organisiert Kultur im Schloss. Schwierig sei es nicht, Künstler zu finden, erzählt Röck. »Jeder Veranstalter wird überschüttet von Angeboten.« Durchs Hörensagen wurde außerdem Kirchentellinsfurt bei Musikern und Kabarettisten dafür bekannt, kein Allerweltsprogramm zu haben. Manche kommen auch einfach aufgrund des besonderen Saals: Uli Keuler zum Beispiel. Der Rittersaal war und ist die »Home-Base« des Vereins. Der Arbeitskreis wäre ohne diesen ganz besonderen Raum nie so erfolgreich geworden, da ist sich Röck sicher.

Gemeinde und Kreissparkasse unterstützen

Die Mitglieder des Vereins handeln gemeinsam aus, wie das Programm gestaltet wird. Seit 2023 tun sie das nicht mehr als Arbeitskreis, sondern als Verein. Die neue Organisationsform hat rein steuerliche Gründe. Damit sollte verhindert werden, dass die Gemeinde umsatzsteuerpflichtig wird. Apropos Geld: Die Gemeinde unterstützt den Verein finanziell und kommt ihm bei der Miete für Veranstaltungsräume entgegen. Seit vielen Jahren sponsert zudem die Kreissparkasse Kultur im Schloss.

Mit dem Geld kommt der Verein zurecht. »Nach einem verregneten Open-Air hatten wir schon einmal 2.000 Euro Miese«, erzählt Setzler. »Aber genau deshalb kriegen wir die Förderung.« In den vielen Jahren haben sie gelernt, mit wenig Geld ein vielseitiges Programm auf die Beine zu stellen, bestätigt Röck. Spannend war dagegen schon immer, wie sich das Wetter am Tag des Rathauskonzertes entwickelt. Um 14 Uhr fällt regelmäßig die Entscheidung. Während früher dafür noch ein befreundeter Pilot am Stuttgarter Flughafen angerufen wurde, reicht heute der Blick auf die verschiedenen Wetter-Apps.

Was fehlt ist das Personal. »Wir sind auf der Suche nach jüngeren Mitgliedern« sagen Setzler und Röck. Stühle stellen, Bühne aufbauen - dazu braucht es junge, kräftige Menschen. Wer sich also vorstellen kann, mit dem Verein ein ambitioniertes Kulturprogramm auf die Beine zu stellen und dabei kräftig mitanzupacken, kann sich gerne bei Kultur im Schloss melden. (GEA)