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Wie die Aidshilfe Tübingen-Reutlingen gegen Stigmata in der Sexarbeit kämpft

Sexarbeit hat keinen guten Ruf. Das landesweite Projekt SELMA, was für »Sensibilisierung und Empowerment für Menschen in der Prostitution« steht, kämpft dafür, die Stellung der Sexarbeiterinnen in der Gesellschaft zu verbessern. Eine Betroffene erzählt - passend zum Internationalen Tag zur Beendigung von Gewalt gegen Sexarbeiterinnen am 17. Dezember.

Rotes Neon-Licht, Strapse und Stilettos: So bebildern Medien gerne das Thema Prostitution. Das ist aber Teil des Problems und rü
Rotes Neon-Licht, Strapse und Stilettos: So bebildern Medien gerne das Thema Prostitution. Das ist aber Teil des Problems und rückt die Sexarbeit in ein schmuddeliges, klischeebehaftetes Licht und trägt so zur Stigmatisierung bei. Foto: Andreas Arnold/dpa
Rotes Neon-Licht, Strapse und Stilettos: So bebildern Medien gerne das Thema Prostitution. Das ist aber Teil des Problems und rückt die Sexarbeit in ein schmuddeliges, klischeebehaftetes Licht und trägt so zur Stigmatisierung bei.
Foto: Andreas Arnold/dpa

TÜBINGEN. Anna ist Mitte 30, als sie die »Abenteuerlust« packt, wie sie ihren Einstieg in die Sexarbeit schildert. »Mittlerweile bin ich seit sechs Jahren in der Branche«, erzählt die Baden-Württembergerin. Anna heißt eigentlich anders, es ist ihre Arbeitsidentität, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreitet - so lukrativ, dass sie vor einiger Zeit beschlossen hat, hauptberufliche Sexarbeiterin zu werden.

Wenn Anna über ihren Job spricht, erzählt sie, wie dankbar ihre Kunden sind, dass sie bei ihr einen Raum finden können, um ganz sie selbst zu sein. Wie viel Spaß ihr ihre Arbeit macht, und dass sie sie freiwillig macht. Sie sagt, wie gut sie vernetzt sei, schildert ihre Mitgliedschaft im Berufsverband. Ganz normal also. Aber darf das sein, Sexarbeit als ganz normalen Beruf zu betrachten?

Förderungen durch den Bund und die EU

Ja, darf es - und muss es auch, sind sich Anna, Riccarda Freitag, Brigitte Ströbele und Christiane Bernhardt einig. Freitag, Ströbele und Bernhardt arbeiten zusammen in dem überregionalen Kooperationsprojekt SELMA, was für »Sensibilisierung und Empowerment für Menschen in der Prostitution« steht. Die Frauen versuchen, die Stigmatisierungen rund um das Berufsfeld der Sexarbeiterinnen abzubauen und helfen den Arbeiterinnen, die in Not geraten und Hilfe brauchen.

Freitag und Ströbele machen das im Rahmen ihrer Tätigkeit für die Aidshilfe Tübingen-Reutlingen. »Wir sind auch zuständig für die beiden Landkreise, aber eigentlich für die ganze Region Neckar-Alb«, sagt Geschäftsführerin Ströbele. Riccarda Freitag setzt das Projekt mit einer ganzen Stelle um, geht auf die Sexarbeiterinnen zu, organisiert Workshops für verschiedene Institutionen, die Schnittstellen zur Prostitution haben. Insgesamt sind es 1,4 Stellen, die über das Bundesarbeitsministerium und EU-Gelder finanziert werden. Das Ziel: In die Köpfe zu bekommen, dass Sexarbeit ein ganz normales Berufsfeld ist - weg vom schmuddeligen Hinterhof-Klischee, hin zu einem modernen und aufgeklärten Bild von Sexarbeit.

Anna erzählt, was sie erlebt hat

Denn Anna bräuchte keine Arbeitsidentität, wenn sie als Sexarbeiterin gänzlich sie selbst sein könnte - ohne Sorge vor Gewalt und Stigmatisierung. Beim Online-Gespräch zeigt sie ihr Gesicht nicht, ist nicht offiziell »geoutet« und möchte nicht erkannt werden. »Die Gründe sind die Stigmatisierung, die Diskriminierung und weil ich den Menschen nicht schaden will, denen ich nahe stehe«, erklärt sie. Anna erzählt offen über ihre Erfahrungen. Körperliche Gewalt sei ihr beim Arbeiten noch keine widerfahren, aber schlechte Situationen gab es durchaus. Hin und wieder gebe es Kunden, die zuvor abgesteckte Grenzen überschreiten würden. Einst habe ein potenzieller Freier gedroht, Bilder von ihr zu veröffentlichen, weil sie sich nicht mit ihm treffen wollte. Seitdem ist klar: Wenn sie überhaupt Bilder verschickt, dann nur vom Körper, nie vom Gesicht.

Angriffe gegen Sexarbeiterinnen steigen

Die Polizei hat im Jahr 2023 insgesamt 194 Gewalttaten gegen Sexarbeiterinnen in Baden-Württemberg festgestellt. Das entspricht einer Steigerung von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, dort waren es 155 Fälle. Diese Zahlen wurden auf Anfrage der CDU-Landtagsfraktion veröffentlicht.

Die Polizei geht jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus, dass also viel mehr Gewalt im Verborgenen passiert, was bei den Beamten nicht zur Anzeige gebracht wird. Ein Problem, dass die Sexarbeiterin Anna kennt. »Viele haben kein Vertrauen in die Behörden, Angst, nicht ernst genommen zu werden oder auch, dass es einfach nichts bringt«, erzählt sie. (pru)

»Im Studio fühle ich mich sicher, dort gibt es Kolleginnen und Notfallknöpfe«, erzählt Anna weiter. Menschen in einem ihr fremden Raum zu treffen, erhöhe natürlich das Risiko für sie. »Aber es weiß immer jemand, wo ich bin.« Die allermeisten Männer, mit denen sie arbeitet, legen Wert darauf, dass es ihr gut gehe. »Sie wollen auch, dass ich sexuelle Lust empfinde.«

Nicht nur Gewalt ist ein Problem

Doch auch an anderen Herausforderungen jenseits der Gefahr körperlicher Gewalt mangele es in ihrem Berufsfeld nicht. Kolleginnen berichten darüber, wie schwer es ist, eine private oder geschäftliche Wohnung zu finden. Banken lehnten Geschäftskonten ab, Kredite seien schwer zu bekommen. Einer Bekannten sei gekündigt worden, als ihre Nebentätigkeit als Sexarbeiterin bei ihrem Hauptjob herausgekommen sei und schon manch' ein Arzt habe sich herablassend verhalten, sobald die Profession der Patientin offengelegt wurde.

Was Anna aber besonders frustriert: »Das Opfer-Stereotyp. Wenn nicht gesehen wird, dass die Hintergründe, warum wir diesen Job machen, vielfältig sind.« Natürlich sei Anna klar, dass sie in einer glücklichen - selbstständig, freiwillig und verhältnismäßig sicher - Position sei, und dass es vielen Kolleginnen deutlich anders gehe. Trotzdem könne die Bevormundung entmündigend sein, und einer der Gründe, warum sie keine Freundin des »Nordischen Modells« sei - also dass der Sexkauf unter Strafe gestellt wird. »Weniger Kunden bedeutet zudem weniger Auswahl.« Denn mehr Optionen geben mehr Möglichkeiten, zu selektieren.

»Es wird oft so dargestellt, als wären wir nicht fähig, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und müssten gerettet werden«, erklärt sie. Es sei auf Dauer belastend, immer in diese Schublade gesteckt zu werden. Was eher helfen würde: »Weniger Sondergesetze. Oder ein klarer Vermerk im Arbeitsgesetz, dass man nicht wegen seines Berufes stigmatisiert werden darf.« Eine klare Trennung zwischen Mensch und Arbeit könne zielführend sein.

Mit dem Prostitutionsgesetz war 2002 die Sexarbeit grundsätzlich legalisiert worden - allerdings mit Einschränkungen wie einer Anmeldung beim Ordnungs- und dem Gesundheitsamt. »Das gibt es aber nur für wenige Berufsgruppen, dass man da auch regelmäßig zur Beratung und einen Ausweis mit sich führen muss«, ergänzt Geschäftsführerin Ströbele. Ein weiteres Indiz, dass es mit der Gleichberechtigung der Sexarbeit im Vergleich zu anderen Berufsfeldern noch ein weiter Weg ist. (GEA)