OFTERDINGEN. Rund 24 Millionen Weihnachtsbäume werden dieses Jahr in deutschen Wohnzimmern aufgestellt, teilt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald mit. Gefühlt stammt die Mehrzahl der Bäume aus dem Ofterdinger Rammert. Zumindest musste man dieses Eindruck am Samstag bekommen. Da hatte das Forstrevier Steinlach-Wiesaz wieder zum »Weihnachtsbaum selber schlagen«-Event eingeladen. Und der Ansturm der Baumsuchenden war erneut gewaltig. Fast sechs Stunden lang war der Freiluft-Markt geöffnet, zu dem Aberhunderte aus der gesamten Region strömten.
Entlang des querenden Waldweges, der auch Teil des Radwegenetzes Rottenburg-Ofterdingen ist, parkten Autos dicht an dicht. Vom Abstellplatz war es noch mindestens eine halber Kilometer Fußmarsch bis zur »Marktzentrale« mit Verpflegungsstand, Lagerfeuer und Kasse. Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sah, folgte einfach den Klängen eines Blechbläser-Septetts: ein Konglomerat aus Forstleuten, Jagdhornbläser und Weihnachtsmusik-Liebhabern.
Zum siebzehnten Mal gabs frische Fichten, Kiefern und Weißtannen im Angebot. Echte Bio-Regionalware, aufgewachsen im rauen Klima des Waldgebiets im abgeschiedenen Tal des Katzenbachs. Deshalb unverfälscht filigran und stachelig – und unverschämt günstig. Die Fichte für schlappe sieben, die Kiefer für zehn und die Luxus-Weißtanne für den gehobenen Anspruch für 25 Euro. Komplettpreis, versteht sich. Nur Setzlinge sind mit 1,40 Euro billiger.
Während andernorts im ganzen Land die Preise für Weihnachtsbäume in dieselbe Höhe wachsen. Im Baumarkt unseres Vertrauens zahlt man als Einstiegspreis allein nur für den laufenden Meter mindestens 12 Euro. Eine dänische Nordmanntanne in Durchschnittsmensch-Größe kostet dort rund 90 Euro. Nun mag man zurecht einwenden, dass die Rammert-Bäume mit der durch Fülle und Pracht gesegneten Abies nordmanniana nicht annähernd mithalten können. Aber bitteschön, welchen Charme haben denn hochgezüchtete verholzende Pflanzen? Können sie mit den stabilen Zweigen einer wilden Fichte mithalten, die sich ideal für eine überschaubare Deko eignen? Haben sie den langlebigen Kiefern etwas entgegenzusetzen? Sind Nordmanntannen, die wie EU-Eier in Güteklassen unterteilt werden, dem individuellen Wuchs eines Rammert-Bäumchens vorzuziehen? Wo sie doch nicht einmal in Spurenelementen den milden Tannenduft ausströmen oder den weihnachtlich-intensiven Harzgeruch einer Kiefer in die gute Stube bringen?
Forstrevierleiter Reinhold Gerster stand in der imaginären Informationstheke seines Freiluft-Supermarktes geduldig und freundlich Rede und Antwort. Für »die zehn Prozent Neukunden«, die den Ablauf der sich nach wie vor größter Beliebtheit erfreuenden Aktion nicht kannten, wiederholte er unablässig die Grundregeln: »Freie Auswahl. Keine großen Lücken zwischen den Nachbarbäumen schlagen. Stamm immer am Boden absägen.«
Für die Suchenden, die - überraschenderweise - keinen Baum mehr direkt am Weg fanden, hatte er stets denselben »Geheimtipp« parat: »Laufen Sie den Weg ganz nach hinten.« Die Gefahr, dass man bis zur einen Kilometer entfernten Gemarkungsgrenze nach Bodelshausen/Dettingen keinen adäquaten Baum finde, gehe gegen null. »Da waren zwei Leute für zwei Stunden von der Bildfläche verschwunden. Und dann schleppten die einen wahren Prachtbaum an. Ich war versucht, den zu konfiszieren und selber zu behalten«, scherzte er und trieb seine Kundschaft unaufhaltsam an: »Ich habe Sie hier hergelockt, damit sie helfen den Wald zu pflegen. Mehr sägen!«
Trotz der harten Arbeit - wegloses Suchen im nasskalten Unterholz, schweißtreibendes, stacheliges von-Hand-Sägen, kilometerlanger Rücktransport zum Fahrzeug - herrscht eine gelöst-fröhliche Stimmung vor. »Das hier ist doch Entspannung pur?« fragte der Förster rhetorisch die glücklich von dannen ziehenden Familien - für Kinder gabs nämlich zusätzlich einen kleinen Baum gratis dazu. Und: Im Rammert nervt und gängelt kein Verkäufer. »Die Leute können sich ihren Lieblingsbaum selbst aussuchen«. Die Übertragung der vollen Verantwortung für den Kauf auf den Kunden, käme gut an. Für Unsichere gabs zu Beginn eine kleine Nadelkunde und ein gutes Gewissen: »Ein wild gewachsener Weihnachtsbaum aus unserem Wald hat den besten ökologischen Fußabdruck.«
Aber Gerster drohte auch mit dem schlechten Gewissen: »Gut, wenn Sie aus Umweltgründen Ihren Baum nicht einnetzen lassen.« Für Notfälle stand aber dennoch ein Netzgerät parat - abseits, und mit drei Euro Zusatzkosten, »als schwäbische Hürde«. Dann könne man auch gleich einen Plastikbaum kaufen. Dessen Ökobilanz verheerend ist; nicht nur, weil das Zeugs zum Großteil aus dem fernen Osten kommt, sondern irgendwann als Plastikmüll endet.
Der Erlös kam wieder dem Jugendhaus Ofterdinger und der Jugendfeuerwehr zugute. Die hatten sich das aber auch redlich verdient: Während die Floriansjünger den Verkehr durch den Forst in geordnete Bahnen lenkten, sorgten die Jugendlichen für Lagerfeuerstimmung mit Roten Würsten und Stockbrot und warmen Getränken. (GEA)









