TÜBINGEN. Der ehemalige Tübinger Busbahnhof am Europaplatz ist ein ganz besonderes Grundstück. Insgesamt 6.000 Quadratmeter groß, bestens an den öffentlichen Nahverkehr und ans Radnetz angebunden, mitten in der Stadt am Rand des Anlagenparks. Was damit geschehen soll, wird der Gemeinderat möglichst noch vor der Sommerpause entscheiden. Wohin die Reise gehen könnte, stelle Baubürgermeister Cord Soehlke am Mittwochabend den Tübingern vor. Er musste sich dafür aber auch einiges an Kritik anhören. Vor allem von einer Gruppe in der Unistadt, die sich dafür einsetzt, das Grundstück als Erweiterung des Parks zu nutzen.
Die Verwaltung favorisiert dagegen, die Hälfte des Platzes zu bebauen. Ein Teil soll öffentlicher Park werden mit einem Grünzug, der sich Richtung Zinserdreieck erstreckt. Auch der von vielen gehegte Wunsch nach einer Konzerthalle ist im Plan aufgenommen. Dafür will die Stadt vom Land das Gelände des ehemaligen Gesundheitsamts erwerben und als Reservefläche für eine Halle vorhalten.
Große Bandbreite an Nutzungen
Eine große Bandbreite an Nutzungen kann sich Soehlke an dieser prominenten Stelle der Stadt vorstellen. Drei bis fünf Baukörper mit einer Geschosshöhe von 4,5 bis 7 Geschossen könnten dort entstehen . Entwickeln will er die Fläche mit einer sogenannten Konzeptvergabe, das heißt, wer das beste Konzept hat, bekommt den Zuschlag. In Tübingen sind eine ganze Reihe an Quartieren so entstanden: unter anderem das französische Viertel, das Loretto-Areal, das Mühlenviertel und die Alte Weberei. Die Rechtsform, unter der die Verwaltung das Grundstück veräußern will, klingt einigermaßen kompliziert: erbbaurechtsersetzendes Wiederkaufsrecht. Die Stadt sichere sich damit die Möglichkeit des Rückkaufs, gleichzeitig bestehe aber kein Zwang dazu, erklärte Soehlke den juristischen Sprachwurm.
Dem Verwaltungsvorschlag ging eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit voraus. Die Tübinger waren aufgefordert, ihre Ideen einzubringen. Vorgaben von seitens der Stadt gab es dafür nicht. Das wurde rege genutzt. Rund 650 Vorschläge gingen ein. Die Bandbreite war groß, berichtete der Baubürgermeister. Die Verwaltung erarbeitete daraus acht Varianten und bewertete sie anschließend nach deren Nutzen für die Stadt, dem heutigen und künftigen Bedarf, den Auswirkungen auf die Gesamtstadt und Altstadt, das Klima und die Wirtschaftlichkeit.
Absage an einen Tübinger Tower
Einiges davon legte die Verwaltung schnell ad acta. Eine Markt- und Festfläche zum Beispiel. »Das haben wir auf dieser Fläche nicht für richtig erachtet«, sagte Soehlke. Schließlich habe man dafür schon ausreichende Flächen in der Stadt. Auch ein Konzerthaus, ein Kongresshotel oder ein Hallenbad kann sich der Baubürgermeister an dieser Stelle nicht vorstellen. Schon allein, weil eine Bebauung mit einem einzigen großen Gebäude städtebaulich unzureichend sei. Auch einem Hochhaus, einem zwölfgeschossigen Tübinger Tower, erteilte der Baubürgermeister eine Absage. Der Bau eines solchen Gebäudes sei äußerst stadtbildprägend. »Wir trauen uns nicht, so hoch zu bauen.«
Die Verwaltung ist auch dagegen, das gesamte Gelände in einen Park zu verwandeln. Es bestehe keine Notwendigkeit, den Anlagenpark um diese Fläche zu erweitern, so die Begründung. Außerdem werde damit eine Fläche, die zu den am besten an den ÖPNV angebundenen in der Stadt gehört, nur unzureichend genutzt. Ein Park an dieser Stelle verbessere zwar das Mikroklima in der Stadt, sei aber keineswegs gut für den globalen Klimaschutz. Bauliche Entwicklungen würden so auf ökologisch wertvollere Flächen verlagert, sagte Soehlke. In der von der Verwaltung vorgeschlagenen Variante sei außerdem eine intensive Begrünung vorgesehen. »Wir haben nicht vor, nur Beton zu bauen.«
Wirtschaftlichkeit war ein Kriterium unter vielen
Der Baubürgermeister wehrte sich gegen den am Abend geäußerten Vorwurf, nur aufs Geld zu schauen. Die Wirtschaftlichkeit sei nur ein Kriterium unter vielen gewesen. Mit Vehemenz wies er außerdem zurück, dass die Bürgerbeteiligung nur ein Feigenblatt gewesen und nicht ehrlich gemeint gewesen sei. »Ich würde Ihnen empfehlen, mich nicht als unehrlich darzustellen«, sagte Soehlke dem Tübinger, der das formulierte. Allerdings hätte er die Bürgerbeteiligung anders gestaltet. »Ich hätte lieber mit klaren Rahmenbedingungen gearbeitet.« Die Idee zur völlig offenen Beteiligung stamme nicht von ihm, sondern von Oberbürgermeister Boris Palmer.
Weiter geht es mit der Entscheidung in Sachen Europaplatz kommenden Donnerstag, 17. Juli, im Tübinger Planungsausschuss. »Unser Leitmotiv ist nicht das Geld. Wir orientieren uns nicht am Defizit der Stadt Tübingen«, versuchte AL-Stadtrat Christian Mickeler die Gemüter zu beruhigen. Zuvor trifft sich aber die Bürgerinitiative Stadtpark. Man wolle den Äußerungen des Baubürgermeisters einem Faktencheck unterziehen, kündigt die Initiative an. Treffpunkt ist am Montag, 14. Juli, 19 Uhr im 4-Häuser-Projekt in der Hechinger Straße 35. (GEA)

