TÜBINGEN. Kult ist ein dämlicher Begriff, der eher nach Traktor klingt. Der Begriff Legende klingt nach Eleganz und passt daher wesentlich mehr zu den schwarz lackierten Rennmotorrädern mit dem goldenen Wappen der englischen Herstellerfirma Vincent-HRD. Welche Faszination von dieser Marke ausgeht, verraten die Geschichten, die ihre Besitzer erzählen. Etwa Nick Parcharidis: »Ich habe mir einen Kindertraum erfüllt!«
Der gebürtige Grieche aus dem bayerischen Forsten bei Erding ist Kfz-Mechaniker mit einer kleinen Firma. Für seine Vincent Rapide, Baujahr 1950, gab er 2019 drei BMW-Motorräder an einen Händler ab, der diese Maschinen einfacher verkaufen konnte als die hochpreisige Vincent. Parcharidis wollte »einfach eine Maschine zum Schrauben.« Während der Corona-Zeit restaurierte er den Motor. Seitdem fuhr er rund 5.000 Kilometer damit.
Die Firma Vincent baute nur 25 Jahre lang Motorräder
Die Vincent von Parcharidis ist ein vergleichsweise junges Gefährt, denn die britische Herstellerfirma stellte 1953, nach 25 Jahren, die Produktion ein. Die Geschichte der Firma begann früher: Der Rennfahrer Howard Raymond Davies aus Wolverhampton gewann Rennen mit seinem Eigenbau. Seine Firma musste Davies 1928 nach vier Jahren verkaufen. Damit gingen auch die starken Motoren an die Firma Vincent über, welche die Initialen von Davies – HRD – dem eigenen Namen anfügte. Sie hatte ihren Sitz in Stevenage.
Dort wuchs Andy Davenport auf. Er lebt noch immer dort und er bietet Führungen durch das alte Werksgelände an. »1981, als Lehrling, habe ich mir meine erste gekauft«, sagte der heute 61-Jährige. Davenport ist Clubsekretär des Vincent Owner Clubs – der Vereinigung von weltweit rund 2500 Besitzern einer Vincent. Und deren Vorsitzender heißt Stewart Wood. Wie Davenport reiste er extra für die Vincent-Tage nach Tübingen, denn: »Das Boxenstop ist ein fantastisches Museum!«
Die Motorleistungen der Vincent gelten noch heute als legendär
Mit britisch-trockenem Humor gab er Vincent die »Schuld an meiner Karriere«: Wood, der im mittelenglischen Rugby lebt, ist heute Chefingenieur der britischen Motorradmarke Triumph. Mit zwölf Jahren saß er erstmals auf einem Motorrad. Es war eine Vincent: »Sie gehörte einem Freund meines Vaters. Ein großzügiger älterer Mann, der mich seine Maschine fahren ließ.« Doch erst vor acht Jahren erwarb er sich seine erste eigene Vincent. »Jetzt habe ich vier. Ich bin süchtig!«
Wood brachte zwei 99 Jahre alte Maschinen mit, die gebaut wurden, als die Firma noch HRD hieß. Sie standen im Inneren des Museums. Beide sind noch voll funktionsfähig. Wie fahren sie sich? »Als würdest Du an der Tourist Trophy, dem berühmten Rennen auf der Insel Man, teilnehmen. Als wäre es das Jahr 1926.« Legendär ist die Geschichte um die Höchstgeschwindigkeit der Vincent: Die habe seinerzeit nie ermittelt werden können, weil es den Testern zu schnell war.
Am Samstag führte eine Ausfahrt von Tübingen in den Schwarzwald und zurück
Am Samstagmorgen versammelten sich die Fahrer vor dem Museum Boxenstop zu einer Ausfahrt in vier Gruppen durch den Schwarzwald. Darunter auch eine Gruppe mit besonderen Gefährten: Sie saßen auf Maschinen des Schweizer Rennfahrers und Motorradbauers Fritz Egli, der stets Vincent-Motoren verwendete. Vor zwei Jahren war Egli, heute fast 90 Jahre alt, bei den ersten Vincent-Tagen dabei.
Dann ging es los. Die meisten Maschinen sprangen sofort an. Welch schöner Sound! Aber: »Heute morgen, beim Losfahren, bin ich acht Mal gesprungen«, erzählte Hubertus Schwabenland aus dem südbadischen Kandern. Das heißt, zum Starten der Maschine wuchtete er sein komplettes Körpergewicht ins Pedal. Angelika Petrasch aus Münstertal rief herüber: »Man muss sie liebhaben, sonst springen sie nicht an!« (GEA)

