KIRCHENTELLINSFURT. Die Vohrers wollen nun offiziell Mitglieder im Fischereiverein werden. Am Montag haben Clemens und Vildana den Aufnahmeantrag losgeschickt, »per Einschreiben«. 260 Euro pro Person kostet allein dieser Schritt, nochmal 260 Euro dann die Jahresgebühr. Ein nicht ganz billiges Unterfangen. »Aber das ist es uns wert. Wir wollen die Vereine vor Ort unterstützen«, sagt Clemens. Mittlerweile hat der schon vor einem Jahr gefaste Entschluss – denn ungefähr so lange dauert’s, bis man den Angelschein hat – noch eine ganz andere Tragweite bekommen.
Die Vohrers, Betreiber der »K’Ufer«-Gastronomie, sind bekanntermaßen im Clinch mit dem Fischereiverein Reutlingen, dem die Karl und Ernst Epple Kiesbaggerei GmbH & Co. KG gehört. Und somit auch der Baggersee und der Großteil des Ufers. »Wir wollen auf diesem Weg signalisieren, dass wir kein Problem mit den Anglern haben«, betont Vildana. Und damit auch Einfluss nehmen auf die Stimmung im Verein ihnen gegenüber. Denn – so ihr Eindruck – ein Großteil der Mitglieder sei gar nicht richtig über den Zoff und die Fakten informiert.
Lange Liste an Streitpunkten
Ob’s gelingt? Die Weichen sind jedenfalls nicht unbedingt auf Versöhnung gestellt. Ein Banner am Schankwagen, der Sandstrand, die Blasmusik beim Weißwurst-Frühstück, die Stand-up-Paddler auf dem See, angeblich verdreckte Toiletten: Die Liste der Streitpunkte wächst stetig an. Und dabei könnte alles so schön sein.
Sieben Stand-up-Paddler sind gegen 14 Uhr auf dem See zu sehen, ein Ruderboot und rund 15 Schwimmer. Im Schatten dösen an diesem heißen Sommerferientag vor allem Schüler und Familien vor sich hin. Eine Frau versucht unfallfrei in den See zu gelangen. Gar nicht mehr so einfach, denn das Ufer ist an der Einstiegsstelle steil – und die Leiter ist nicht mehr dran. Die Vohrers haben sie abmontiert, weil sie laut deren Aussage nicht mehr sicher waren. Der Fischereiverein stelle Anzeige wegen dieses Vorgehens und sprach laut Vohrers von »Diebesgut«.
So schön wie der Gardasee
»So bitter«, kommentiert Ulrike Engl den Streit. Sie holt sich ein Erfrischungsgetränk am Kiosk. »Ich kann das nicht nachvollziehen. Endlich macht mal jemand was am See – und es ist auch endlich wieder sauber.« Sie wird gar fast poetisch: »Was musst du an den Gardasee, wenn du hier einen hast« Und wünscht den Vohrers »Gutes Durchhalten«.

Ähnlich empfinden das Jasmin Lang und Julian Werner aus Betzingen. Sie kommen mit den Kindern gerade wegen des Sandstrands. Und sie hoffen stets, dass ein Plätzchen am schattigen Teil frei ist. Ihr Urteil: »Es liegt kein Müll rum und ist viel sauberer als früher – wir sehen nur Vorteile.«
Eine Gruppe von Abiturientinnen aus Kusterdingen und Tübingen pflichtet ihnen bei. Zwei Rentnerinnen, die gerade im Aufbruch sind, finden: »Das ist super – wie Urlaub«. Sie wundern sich, warum der Sand den Fischen schaden soll.
Wünsche: Einstiegsleitern und mehr Schatten
Sind alle Besucher also wunschlos glücklich? Nahezu. Hermine Kuttler und Karl Seyfang aus Rübgarten sind fast täglich da. Sie haben festgestellt, dass die beiden Einstiegs-Leitern links am Ufer vermisst werden. Petra und Norbert Senft aus Ohmenhausen würden sich insgesamt mehr Schatten wünschen. Als sie hören, dass manche Schwimmer die sechs Euro fürs Parken teuer finden, verweist Petra Senft darauf, dass Gäste, die nur kurz über Mittag da sind und etwas konsumieren, ihre Parkgebühren zurückkriegen. Und Norbert Senft sagt lächelnd: »Dafür zahlst du hier auch keinen Eintritt.«
Patricia Bosch aus Gomaringen bietet mit ihrem Mann Sascha seit Mai den SUP-Verleih an. Die 36-Jährige berichtet von ausgesprochen positiver Resonanz. Offenbar wollen auch viele aus der Generation Ü 60 Stand-up-Paddling ausprobieren. Und am Wochenende läuft viel über Vor-Reservierung. Die zehn Boards sind ständig im Einsatz. Der Umgang damit falle auch Ungeübten leicht. Und viele Paddler sparen sich Transport, Aufpumpen und Wegpacken und leihen sich lieber eins.
Hans-Peter Heinzel hat die Problematik am See als früherer CDU-Gemeinderat über Jahrzehnte verfolgt. Aktuell ist er der einzige Vertreter der KfK-Liste im Gremium und verweist darauf, dass die Eigentümer die Nutzung durch die Öffentlichkeit erlauben müssen. Der See habe an Attraktivität gewonnen. Er geht hier gern mit seiner Frau spazieren und scherzt: »Wie unser Lieblings-Ort Venedig: am Wasser und flach – nur die Brücken fehlen.« CDU-Gemeinderat Peter Beckert bekommt von Besuchern durchweg positive Rückmeldungen. Er hofft, dass die Kommunikations-Probleme zwischen allen Beteiligten bald behoben werden können.
Fischereiverein zieht vor Gericht
Während der Bade-Betrieb bei mehr als 35 Grad seinen etwas trägen Gang geht, steht Bürgermeister Bernd Haug »ein bisschen ratlos« am GEA-Mobil. Die Gemeinde hat das Ufer von der Karl und Ernst Epple Kiesbaggerei GmbH & Co. KG gepachtet. Und es an die Vohrers weiterverpachtet. Womit er sehr glücklich war, sagt Haug. Die Situation am Baggersee hat ihm seit seinem Amtsantritt 2015 nämlich viel Kopfzerbrechen bereitet. Mit den Vohrers sei endlich wieder ein geregelter Badebetrieb möglich gewesen, und die Gemeinde ist nicht mehr in der Haftung.
Das Gastro-Konzept des Ehepaars hätte man in vielen Runden mit allen Beteiligten besprochen, auch mit dem Fischereiverein. Damals habe sich kein Widerspruch geregt. Doch nun stelle der Fischereiverein sogar die Rechtmäßigkeit des Bebauungsplans – Grundlage für die Gastronomie am See – in Frage. Will der Verein diesen nun durch ein sogenanntes Normenkontrollverfahren kippen? »Ich gehe davon aus, dass dem so ist«, sagt Haug. »Im Mai wurde eine entsprechende Klage beim Verwaltungsgerichtshof Mannheim eingelegt.« Er schweigt, holt tief Luft und sagt: »Ich sehe das Ziel hierbei nicht.« Auch die Gemeinde habe mittlerweile einen Anwalt hinzugezogen. Die Situation ist verfahrener als je zuvor.
Nicht Teil des Pachtvertrags?
Der Fischereiverein dagegen hat ein klares Ziel vor Augen mit der Klage: »Wir möchten damit für alle Parteien eine Klarheit der Gegebenheiten erreichen.« Dass sich der Bürgermeister dezidiert hinter das Gastro-Konzept stellt, stört die Vorstandschaft des Vereins mächtig. Dieses sei übrigens nicht Teil des Pachtvertrags, den man mit der Gemeinde geschlossen habe. Man vermisse zudem ein »ordentliches und neutrales Verwaltungshandeln«, heißt es in einer Stellungnahme. Eine Vertrauensbasis sei aktuell nicht mehr gegeben, aufgrund »vieler schädlicher Aussagen und Handlungen der Gastronomiebetreiber und der Gemeinde.«
Bürgermeister Haug sagt, dass dem Verein doch beim Kauf schon klar gewesen sein müsse, dass man die Öffentlichkeit ein Stück weit »mitkauft«. Schließlich liege ein sogenanntes »Gemeingebrauchsrecht« auf dem See. Das bejahen die Fischer auch. »Die Badegäste sind uns wichtig.« Man sehe jedoch die »Belange der Angelfischerei und des Naturschutzes« nicht ausreichend berücksichtigt und fühle sich nicht ernst genommen.
Ob die Vohrers in den Fischereiverein aufgenommen werden, entscheidet am Ende der 14-köpfige Gesamtausschuss mit einfacher Mehrheit. Die nächste Sitzung findet im Oktober statt, lässt die Vorstandsriege wissen. Weist aber sogleich auch darauf hin, dass aktuell eine »vorläufige Pause bei den Aufnahmen« bestehe. (GEA)





