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Uni Tübingen erforscht die Burgengeschichte im Land

Bislang lag die Erforschung der rund 3.000 Burgen in Baden-Württemberg in Händen von Einzelnen, Vereinen oder den Denkmalämtern. Jetzt möchte das neue Zentrum für Burgenforschung an der Universität Tübingen die Forschung bündeln.

Die Burg Oberer Greifenstein erhob sich in exponierter Lage auf einem von der Hochfläche hervorspringenden Felsen gegenüber der
Die Burg Oberer Greifenstein erhob sich in exponierter Lage auf einem von der Hochfläche hervorspringenden Felsen gegenüber der alten Holzelfinger Steige. Foto: Jürgen Meyer
Die Burg Oberer Greifenstein erhob sich in exponierter Lage auf einem von der Hochfläche hervorspringenden Felsen gegenüber der alten Holzelfinger Steige.
Foto: Jürgen Meyer

TÜBINGEN. Ungebrochen ist die Begeisterung für Burgen und Schlösser, sind sie doch eindrucksvolle Zeugnisse der Vergangenheit. Das beweisen hohe Besucherzahlen wie die rund 150.000 Gäste, die jährlich Schloss Lichtenstein im Kreis Reutlingen besuchen. Die Erforschung der beeindruckenden Relikte lag bisher häufig bei Vereinen oder Denkmalämtern, geschah aber weniger durch Universitäten. Dies ändert sich nun durch das Zentrum für Burgenforschung, das am Donnerstag an der Universität Tübingen eröffnet wurde. Leiter ist Dr. Michael Kienzle, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mittelalterarchäologie. Für das musikalische Rahmenprogramm der Veranstaltung sorgte ein Living History – Team mit authentischen Instrumenten, Liedern und Kleidung des Hochmittelalters.

»Gemeinsam begehen wir heute einen bedeutenden Schritt: die Eröffnung eines Zentrums, das als Plattform für den interdisziplinären Austausch und als zentrale Anlaufstelle für Forschung und Lehre in der Burgen-, Schloss- und Befestigungsforschung dienen wird«, sagte Professor Dr. Samuel Wagner, Prorektor der Universität Tübingen, in der voll besetzten Schlosskirche. Wagner dankte den anwesenden Landtagsabgeordneten Cindy Holmberg (Grüne) und Manuel Hailfinger (CDU), die sich für die Anschubfinanzierung von 80.000 Euro durch das Land Baden-Württemberg eingesetzt hatten. »Ihr Besuch unterstreicht erneut die enge und produktive Zusammenarbeit von Universität und Land.«

Der Prorektor der Universität Tübingen Professor Dr. Samuel Wagner (2. von links) stellte die Verantwortlichen des Burgenzentrum
Der Prorektor der Universität Tübingen Professor Dr. Samuel Wagner (2. von links) stellte die Verantwortlichen des Burgenzentrums vor (von links): Professor Dr. Natascha Mehler, Leiter Dr. Michael Kienzle, Dr. Christian Kübler und Professor Dr. Sigrid Hirbodian. Foto: Gabriele Böhm
Der Prorektor der Universität Tübingen Professor Dr. Samuel Wagner (2. von links) stellte die Verantwortlichen des Burgenzentrums vor (von links): Professor Dr. Natascha Mehler, Leiter Dr. Michael Kienzle, Dr. Christian Kübler und Professor Dr. Sigrid Hirbodian.
Foto: Gabriele Böhm

Burgenforschung und -vermittlung seien an deutschen Universitäten bisher nicht institutionalisiert, so Wagner. »Durch den großartigen Einsatz von Forscherinnen und Forschern an der Universität Tübingen wird sich das nun jedoch ändern.« In den vergangenen Jahren sei es ihnen gelungen, in den Fächern Archäologie des Mittelalters und Geschichtliche Landeskunde und in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und weiteren regionalen Projektpartner, einen Schwerpunkt in der Burgenforschung zu etablieren. Wagner dankte besonders den Professorinnen Dr. Sigrid Herbodian und Dr. Natascha Mehler sowie Dr. Michael Kienzle und Dr. Christian Kübler, den Verantwortlichen des Burgenzentrums. Sein Dank galt auch dem Reutlinger Journalisten Wolfgang Bauer, der durch seine Berichterstattung über die Forschung auf dem Hohengenkingen den Aufbau des Zentrums intensiv unterstützt habe.

Das Zentrum für Burgenforschung sei nicht nur eine akademische Einrichtung, sondern auch eine Brücke in die Gesellschaft. Wertvolle Beiträge zu aktuellen Debatten sollen geleistet und neue Wege der Wissenschaftskommunikation, der Öffentlichkeitsarbeit und des Wissenstransfers erschlossen werden. Burgen prägten als Teil des kulturellen Erbes das kollektive Gedächtnis. Es seien historische Bauwerke des Erinnerns, Symbole von Macht und Territorialität sowie Sehnsuchtsorte und touristische Ziele.

»Bereits 2014 hatten wir mit dem Sonderforschungsbereich Ressourcen/Kulturen eines der frühestens interdisziplinären Burgenprojekte«, so Professor Hirbodian. In der zweiten Förderphase habe der Tübinger Archäologe und Historiker Michael Kienzle im Teilprojekt »Ressourcenerschließung und Herrschaftsräume im Mittelalter: Klöster und Burgen« aus archäologisch-historischer Perspektive die Entstehung und Entwicklung der mittelalterlichen Adelsherrschaft Greifenstein im Echaztal bei Pfullingen untersucht.

Rund 5.000 Besucher hatte das Living-History Event der Tübinger Archäologen in Pfullingen 2024.
Rund 5.000 Besucher hatte das Living-History Event der Tübinger Archäologen in Pfullingen 2024. Foto: Gabriele Böhm
Rund 5.000 Besucher hatte das Living-History Event der Tübinger Archäologen in Pfullingen 2024.
Foto: Gabriele Böhm

Wissenschaftliche Grabungen fanden statt, deren Durchführung und Auswertung nicht nur der Lehre dienten und Seminare sowie Dissertationen nach sich zogen, sondern auch die regionale Bevölkerung durch Führungen, Ausstellungen, Vorträge, Filme, eine Homepage und ein auf empirischer Forschung basierendes Living-History-Event mit rund 5.000 Besuchern für das Projekt begeisterte. Hierfür war Kienzle mit dem Nachwuchspreis für Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet worden. »Wir sind froh, dass wir ihn als wissenschaftlichen Leiter gewinnen konnten«, betonte Hirbodian. »Er ist sozusagen das Burgenzentrum.«

Dieses sei bereits sehr aktiv. Unter anderem findet aktuell in Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Marburger Arbeitskreis für europäische Burgenforschung und der Deutschen Burgenvereinigung die viertägige Tagung »Burg und Konflikt in Mittelalter und Neuzeit« statt, bei der es auch um Fragen der Verantwortung für Erhalt und Sanierung von Burgen geht.

Bisher habe man für das Zentrum leider nur einen Büroraum zur Verfügung, erläuterte Professor Dr. Natascha Mehler. »Es muss uns gelingen, nach der zweijährigen Anschubfinanzierung mit dem Zentrum selbstständig zu werden.« Leider sei es aktuell nicht möglich, allen Anträgen von Kommunen nachzukommen, die eine Untersuchung ihrer Burgen wünschten.

»Viele Gemeinden sind, wie Lichtenstein, nach alten Herrschaftssitzen benannt«, so Kienzle. »Wir haben in Baden-Württemberg eine unglaubliche Burgendichte in den unterschiedlichsten Formen vom frühen Mittelalter bis zu frühneuzeitlichen Festungen.« Bisher wurden rund 3.000 Burgen gezählt, nur ein Bruchteil sei erforscht. Glücklicherweise stünden heute High-Tech-Methoden zur Verfügung, mit denen beispielsweise der Untergrund einer Burgruine durchleuchtet werden könne. »Unsere Leitgedanken sind Forschung, Vermittlung und Vernetzung zur Zusammenführung bisheriger Einzelergebnisse«, erläuterte Kienzle. Dies wecke auch die Begeisterung der Öffentlichkeit, so dass Burgenforschung durchaus auch einen ökonomischen Wert haben könne.

»Das neue Zentrum ist ein Lichtblick der Hoffnung gegen das Vergessen, was vergangene Generationen leisteten«, betonte Journalist Wolfgang Bauer. »Der Bau und die Bewirtschaftung von Burgen gaben dem Land ein neues Gesicht.« Burgen seien, anders als Bauwerke in Ortschaften, selten überbaut worden und daher »Zeitkapseln«.

Professor Dr. Armand Baeriswyl, Schweizer Mittelalterarchäologe und Historiker beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern, betonte ebenfalls den Wert des neuen Zentrums zur Bündelung bisheriger Einzelerforschungsergebnisse, die oft von Lehrern, Pfarrern, Landesdenkmalämtern oder Vereinen lokal begrenzt erarbeitet worden seien.

Burgen, so Cindy Holmberg, seien »Geschichte zum Anfassen« und identitätsstiftend für ganze Regionen. »Sie stehen wie kaum ein anderes Kulturgut für die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.« Umso wichtiger sei es, sich gemeinsam für ihren Schutz einzusetzen. »Wissenschaftlich fundiert, gesellschaftlich getragen und politisch unterstützt.« Manuel Hailfinger betonte, die Unterstützung des Burgenzentrums zeige, wie konkret Politik etwas bewegen könne. »Es ist wichtig, in der Erforschung und Vermittlung alle Menschen mitzunehmen.« (GEA)

www.greifenstein.de