Logo
Aktuell OB-Wahl

Ulrike Baumgärtner will Tübingen auf verschiedenen Ebenen voranbringen

Die Tübinger Oberbürgermeister-Kandidatin Ulrike Baumgärtner (Grüne) gibt »Bürgermeisterkurse« und weiß, worauf es ankommt.

OB-Kandidatin Ulrike Baumgärtner liebt den Blick über die Stadt vom Plateau oberhalb der Mühlstraße aus. FOTO: STÖHR
OB-Kandidatin Ulrike Baumgärtner liebt den Blick über die Stadt vom Plateau oberhalb der Mühlstraße aus. FOTO: STÖHR
OB-Kandidatin Ulrike Baumgärtner liebt den Blick über die Stadt vom Plateau oberhalb der Mühlstraße aus. FOTO: STÖHR

TÜBINGEN. An ihrem Lieblingsort über den Dächern der Unistadt hat sie auch die Entscheidung getroffen, für das Amt der Tübinger Oberbürgermeisterin zu kandidieren. »Hier ist man mittendrin und hat trotzdem die Ruhe und den Weitblick, um sich wichtige Dinge noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.« Ulrike Baumgärtner (Grüne) ist mit dem Fahrrad aus dem Tübinger Ortsteil Weilheim gekommen, in dem sie auch Ortsvorsteherin ist, vom Regen überrascht worden und bürstet sich für das Foto noch schnell die nassen blonden Haare.

Seit einem Jahr befinde sie sich schon im Wahlkampf, sagt die 43-Jährige. Und wie man den aufzieht, ist ihr bestens vertraut: Seit 2016 gibt sie an der Hochschule Kehl »Bürgermeisterkurse«. Ihr Motto: »Gemeinsam sind wir Tübingen«. Dabei geht es der promovierten Politologin um Grundsätzliches: Wie machen wir basisdemokratisch Kommunalpolitik? Um der Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. »Ich bin seit 15 Jahren in der Politik.« Ihre drei wichtigsten Themen – die Neuausrichtung der Wohnungspolitik, Willkommenskultur und ein Klimainnovationsfond – hat sie auf diversen Veranstaltungen bereits vorgestellt.

Als Ausgleich auf den Zeltplatz

So will sie neuen und vor allem günstigen Wohnraum über die Sanierung von Bestandsgebäuden schaffen, dem Fachkräftemangel mit attraktiven Angeboten entgegenwirken und die Energie- und Klimakrise als Chance zur Investition in moderne Umweltsysteme nutzen.

Was sie als Erstes tun würde, sollte sie die Wahl am 23. Oktober, beziehungsweise in einem zweiten Wahlgang am 13. November gewinnen? »Ich würde alle Mitarbeiter besuchen und kennenlernen«, sagt sie. »In der neuen Position ankommen.« Dazu gehören auch bunte Topfblumen auf dem Schreibtisch und eine von einer Freundin selbst getöpferte Kaffeetasse, die sie als Studentin geschenkt bekommen hat. Fotos ihres Mannes und ihrer drei Kinder wird sie nicht aufstellen. »Das ist zu klischeehaft.« Die beiden Töchter, vier und neun Jahre alt, und der siebenjährige Sohn sollen sie lieber ab und zu im Büro besuchen.

Als ihren Hauptcharakterzug sieht Baumgärtner ihre Fähigkeit, auf andere zugehen und zuhören zu können. Dabei will sie aber sich selbst treu bleiben. Die Stärken ihrer Mitbewerber liegen ihrer Meinung nach bei Amtsinhaber Boris Palmer, der als unabhängiger Kandidat antritt, in dessen Bekanntheit, bei Sofie Geisel (SPD) in deren Lebenserfahrung.

»Der typische Tübinger brennt für seine Stadt und will sie voranbringen«, hat Baumgärtner beobachtet. Sie lebt seit über 20 Jahren hier und kennt Tübingen aus unterschiedlichen Lebensphasen und den damit verbundenen Blickwinkeln. So versteht sie sowohl die Bedürfnisse junger Menschen nach Party-Locations – »wir hatten als Studenten viel mehr« – als auch den Wunsch nach Verkehrssicherheit für Kinder und Barrierefreiheit für ältere Menschen. »Meine Mutter ist mit dem Rollator unterwegs.« Als ein Vorbild nennt Baumgärtner Eleanor Roosevelt, die die Menschenrechtscharta mitentworfen hat, aber nur als Ehefrau des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt wahrgenommen wird. Mit ihr hätte sie sich gerne mal unterhalten.

Vollkommenes Glück ist für sie ein Zelt- urlaub mit der Familie im Appenzeller Land, mit den Bergen und Hintergrund, einer Tasse Kaffee, der Sonne im Gesicht und dem Läuten der Kuhglocken. »Die Kuhglocken sind ganz wichtig«, betont sie. Das größte Unglück, das ihr widerfahren ist, war der Tod ihres ersten Mannes, der 2010 drei Jahre nach der Hochzeit an den Folgen einer Lungenembolie gestorben ist.

Sie sei ein religiöser Mensch, sagt Baumgärtner von sich. In der Gemeinschaft der evangelischen Kirche habe sie immer Trost gefunden. »Da kann man einfach sein.« Und auch vor wichtigen Entscheidungen geht sie in die Kirche. Ihre Lieblingsbeschäftigungen sind die Gartenarbeit und stricken. »Das ist unglaublich beruhigend.« Am liebsten strickt sie Socken, »das ist nicht so langweilig«. In der Coronazeit habe sie einen Pullover angefangen, der ist aber immer noch nicht fertig, gesteht sie lachend.

Eine Art politisches Vorbild ist Marieluise Beck, eine der Frauen der ersten Stunde bei den Grünen. »Die haben damals richtig viel verändert«, sagt die OB-Kandidatin. Eine politische Phrase, die Baumgärtner überhaupt nicht leiden kann: »Dafür bin ich nicht zuständig.« Stattdessen würde sie lieber jemanden benennen, der helfen kann. Welche Frage sie ihren Mitbewerbern stellen würde? Von Boris Palmer würde sie gerne wissen, ob ihm die Stadtteiltreffs wirklich so wichtig sind, wie er behauptet. Und Sofie Geisel würde sie gerne fragen, wie sie sich einen Neustart für die Stadtbahn ohne die Grünen vorstellt.

Auf eine einsame Insel würde Baumgärtner neben ihrer Familie ein schönes Buch – am liebsten ein Gesellschaftsporträt wie »Unterleuten« von Juli Zeh – mitnehmen. Außerdem einen guten Wein – bevorzugt trockenen Roten aus Spanien oder Italien – und ein kuscheliges Kopfkissen, »da käme ich endlich wieder zum Schlafen«, sagt sie lachend. (GEA)

www.gea.de/obwahl-tuebingen