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Aktuell Einsatz

Tunnelübung in Dußlingen: Rauch bremst Helfer aus

Großübung im Dußlinger B 27-Tunnel mit rund 220 Kräften: Feuerwehr, DRK, Polizei und Behördenvertretern aus dem Tübinger Kreisgebiet waren im Einsatz.

Unfall im Tunnel mit mehreren Fahrzeugen und Verletzen: Für die Großübung wurden extra alte Autos in den Tunnel verfrachtet.
Unfall im Tunnel mit mehreren Fahrzeugen und Verletzen: Für die Großübung wurden extra alte Autos in den Tunnel verfrachtet. Foto: Jürgen Meyer
Unfall im Tunnel mit mehreren Fahrzeugen und Verletzen: Für die Großübung wurden extra alte Autos in den Tunnel verfrachtet.
Foto: Jürgen Meyer

DUßLINGEN/GOMARINGEN/NEHREN. Ein führerlos in den Tunnel einrollendes Auto, ein gegen die Wand prallender Lastwagen, eine Schleuder-Kollision nach Überholmanöver, dazu ein nicht eingefahrener Kranausleger sowie ein Lkw-Brand nach heiß gelaufenen Bremsen – und die Hochwasserkatastrophe vom Juni 2021. Damals war nach Starkregen der Nehrener Wiesbach über sein Ufer getreten und hatte sich in beide Röhren der B 27 ergossen. Binnen Minuten lief der Tunnel bis fast unter die Decke voll, Autoinsassen und auch Feuerwehrleute gerieten in Lebensgefahr. »In diesem Tunnel ereignen sich alle möglichen Unglücks-Szenarien, das glaubt man gar nicht«, sagt Dußlingens Bürgermeister Thomas Hölsch. Umso wichtiger ist, dass die Hilfs- und Rettungsorganisationen auf alle Fälle so gut wie möglich vorbereitet sind. Wer hätte vor 13 Jahren, als die erste der beiden 486 Meter langen Tunnelröhren freigegeben wurde, mit dem Gedanken gespielt, dass eines Tages einmal die DLRG mit einem Rettungsboot in die geflutete Bundesstraße ausrücken muss?

Röhreneinfahrt Ost: In den verrauchten Tunnel können nur noch Atemschutzträger.
Röhreneinfahrt Ost: In den verrauchten Tunnel können nur noch Atemschutzträger. Foto: Jürgen Meyer
Röhreneinfahrt Ost: In den verrauchten Tunnel können nur noch Atemschutzträger.
Foto: Jürgen Meyer

Daher gibt es alle paar Jahre - zuletzt 2019 - eine einsatzechte Großübung, bei der Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehren und Behörden das Zusammenspiel unter realistischen Bedingungen üben. »Was nicht geübt wird, klappt nicht«, ist sich Klaus Tappeser sicher, in dessen Regierungsbezirk es 14 große Straßentunnels gibt. Die Übung diene dazu, die Notfallmaßnahmen für den Ernstfall zu üben - weswegen sie nicht öffentlich stattfinden kann. Zuschauer hatten also keine Möglichkeit, in die für den Verkehr gesperrten Tunnelröhren zu blicken. So gab es, trotz Ankündigungen in der Tagespresse, verunsicherte Bürger, die sich erkundigten, was da vorgefallen sei.

Die Rauchwand zieht durch den fast 500 Meter langen Tunnel und nimmt jede Sicht.
Die Rauchwand zieht durch den fast 500 Meter langen Tunnel und nimmt jede Sicht. Foto: Jürgen Meyer
Die Rauchwand zieht durch den fast 500 Meter langen Tunnel und nimmt jede Sicht.
Foto: Jürgen Meyer

»Man muss auch bedenken, dass die Führungskräfte ausscheiden und taktische Erfahrung durch den Generationswechsel verloren geht«, so Hölsch, der mit 30 Dienstjahren erfahrenste Rathauschef im Kreisgebiet Tübingen. Dessen Landrat Joachim Walter erläutert als Chef der Kreisbehörde, in dessen Zuständigkeit der Tunnel liegt, dass die Übungen den Abschluss der halbjährigen Instandsetzungs- und Reinigungsarbeiten bilden. Schon am Nachmittag war wieder freie Fahrt auf der B 27. An Hölsch gewandt sagte er: »Sie müssen aushalten, dass sich heute unterhalb von Dußlingen ein kleiner Schrottplatz ansammelt«.

Denn Einsatzleiter Sebastian Raudszus, der seit einem Jahr der neue Kreisbrandmeister ist, hatte mit seinem Team vier für die eingesetzten Helfer geheime Szenarien erarbeitet. Die Straßenmeisterei hatte in der Oströhre, der Richtung Tübingen führenden B 27, zahlreiche Wracks und Fahrzeuge drapieren lassen. Am Samstagvormittag waren rund 220 Helfer dafür aufgeboten worden - ein kleinerer Teil aktiv bei der Unglücksbewältigung vor Ort, viele weitere außerhalb des Tunnels und im Hintergrund.

Wie eine mobile Wand schiebt sich der Rauch durch die Röhre.
Wie eine mobile Wand schiebt sich der Rauch durch die Röhre. Foto: Jürgen Meyer
Wie eine mobile Wand schiebt sich der Rauch durch die Röhre.
Foto: Jürgen Meyer

Szenario 1: Ein E-Fahrzeug bleibt auf Höhe der Radaranlage auf der rechten Spur liegen, drei Personen warten im Pannenfahrzeug auf die Polizei. Der Verkehr fließt links vorbei. Während sich die von Nehren kommenden Beamten mit einem Fahrzeug nähern, kommt es zu einem nicht geplanten Zwischenfall: Die Tunnelschranken schließen sich, stoppen den Dienstwagen, sodass die Polizisten zu Fuß zur Pannenstelle laufen müssen. Per Funk wird von der Leitstelle die Schrankenöffnung veranlasst.

Der Rettungswagen ist schon auf dem Weg.
Der Rettungswagen ist schon auf dem Weg. Foto: Jürgen Meyer
Der Rettungswagen ist schon auf dem Weg.
Foto: Jürgen Meyer

Nun kommt es, wieder im Drehbuch mit Szenario 2, im rückwärtigen Stau zu einem heftigen Auffahrunfall mit mehreren eingeklemmten Verletzten. Der Tunnel muss voll gesperrt werden. Lautsprecherdurchsagen in Deutsch und Englisch fordern die imaginären Autofahrer im Tunnel dazu auf, eine Rettungsgasse zu bilden. Die alarmierten Wehren aus Dußlingen und Gomaringen fahren von Norden her als »Geisterfahrer« in die östliche Tunnelröhre bis zur Einsatzstelle vor. Die Nehrener Feuerwehr und das DRK mit Notarzt fahren ebenfalls gegen die übliche Fahrtrichtung in die westliche Röhre ein. Über eine Servicetüre können die Helfer in die andere Röhreneinfahrt laufen.

Sanitätspersonal auf der unfallfreien Gegenröhre bereitet die Versorgung der Verletzten vor.
Sanitätspersonal auf der unfallfreien Gegenröhre bereitet die Versorgung der Verletzten vor. Foto: Jürgen Meyer
Sanitätspersonal auf der unfallfreien Gegenröhre bereitet die Versorgung der Verletzten vor.
Foto: Jürgen Meyer

Nun beginnt Szenario 3: Der Havarist beginnt zu brennen. Für den Qualm sorgen Spezialisten der Leipziger Brandschutz Consult. Sie erzeugen künstlichen und gesundheitlich unbedenklichen Rauch, der sich, durch die realen Windströmungs-Verhältnisse, wie eine bewegte Mauerwand durch den Tunnel ausbreitet. An den beiden Enden steigt der Rauch aus den Röhren und wirkt auf die nichtsahnenden Verkehrsteilnehmer, die die Umleitungsstrecke über die Tunneldecke fahren, bedrohlich echt.

Sicht gleich null: Löschtrupp der Feuerwehr Gomaringen im verrauchten Tunnel.
Sicht gleich null: Löschtrupp der Feuerwehr Gomaringen im verrauchten Tunnel. Foto: Jürgen Meyer
Sicht gleich null: Löschtrupp der Feuerwehr Gomaringen im verrauchten Tunnel.
Foto: Jürgen Meyer

»Your live is in danger«: Die hallende Warndurchsage eskaliert zu einer dramatisch klingenden zweisprachigen Warnschleife: »Achtung, hier spricht die Leitzentrale. Feuer im Tunnel! Verlassen Sie sofort den Tunnel. Es besteht Lebensgefahr. Folgen Sie den Fluchtwegzeichen«. In Minutenschnelle geht die Sicht gegen null. Tatsächlich sind nur die Lichter der Fluchtwegmarkierung zu sehen. Nur noch Atemschutzträger können sich jetzt im Tunnel bewegen, retten, bergen, löschen. Womit Szenario 4 greift. Denn der Rauch zieht nicht nur in eine Richtung, sondern in beide. Dadurch wird die Fluchttüre in der Tunnelmitte zum kürzesten Durchgang in die unverrauchte Nachbarröhre. Die Feuerwehr Tübingen-Lustnau kann mit dem ferngesteuerten Hochleistungslüfter KUF 60 für klare Sicht sorgen. Mit einer Luftleistung von bis zu 90.000 Kubikmeter Raum pro Stunde bei 165 Kilometern pro Stunde.

Von Links: Nehrens Bürgermeister Egon Betz und Dußlingens Schultes Thomas Hölsch sowie Landrat Joachim Walter, Gomaringens Bürge
Von Links: Nehrens Bürgermeister Egon Betz und Dußlingens Schultes Thomas Hölsch sowie Landrat Joachim Walter, Gomaringens Bürgermeister Steffen Heß und der Chef des Regierungspräsidiums Tübingen, Klaus Tappeser, erfreuen sich am reibungslosen Ablauf der Übung. Foto: Jürgen Meyer
Von Links: Nehrens Bürgermeister Egon Betz und Dußlingens Schultes Thomas Hölsch sowie Landrat Joachim Walter, Gomaringens Bürgermeister Steffen Heß und der Chef des Regierungspräsidiums Tübingen, Klaus Tappeser, erfreuen sich am reibungslosen Ablauf der Übung.
Foto: Jürgen Meyer

Derweil hat sich am Betriebsgebäude die Einsatzzentrale gebildet, bei der die Feuerwehr Mössingen dazustößt. Und der Einsatzleitwagen des DRK-Kreisverbandes. Für die Experten dient die Übung als Kommunikationstest für die Verständigungsfähigkeit der Funkgeräte im Tunnel. Wie auch immer die finale Auswertung verläuft, in einem waren sich die Teilnehmer nach der zweistündigen Übung im Dußlinger Feuerwehrmagazin einig: Das Mittagessen-Feldkochteam des DRK Mössingen-Ofterdingen hat sehr gute Arbeit geleistet. (GEA)

DRK-Kräfte bereiten das Essen für 220 Helfer vor.
DRK-Kräfte bereiten das Essen für 220 Helfer vor. Foto: Jürgen Meyer
DRK-Kräfte bereiten das Essen für 220 Helfer vor.
Foto: Jürgen Meyer