TÜBINGEN. Das Jahr 2015 ist in der Bundesrepublik untrennbar mit einem Satz der damaligen Kanzlerin Angela Merkel verbunden: »Wir schaffen das.« Die CDU-Politikerin sagte dieses vielzitierte und -diskutierte Statement im Höhepunkt der damaligen Flüchtlingswelle. Und während ein Selfie der Kanzlerin fast einen Skandal auslöste, war vor Ort Krisenmanagement gefragt. »Wir mussten Flüchtlinge in der Kreissporthalle unterbringen, mit Stockbetten und Planen, die wenigstens etwas Privatsphäre schaffen konnten«, erinnert sich Dr. Wolfgang Sannwald, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Landratsamt Tübingen.
Unter den beengten Verhältnissen in der umfunktionierten Sporthalle sei es rasch zu Spannungen gekommen, erinnert sich der 66-Jährige. Und: »Es fehlte hinten und vorne an Informationen.« Im Landratsamt machte man sich Gedanken - und ein Projekt wurde geboren, das so bundesweit wohl einmalig ist: Die Tuenews International. »Zu Beginn haben wir Wandzeitungen gestaltet, um sie in den Unterkünften auszuhängen«, berichtet Sannwald. Basiswissen, notdürftig übersetzt in verschiedene Sprachen. »Vor allem mit dem Arabischen haben wir uns schwergetan.«
Fünfsprachige Online-Zeitung
Dies fiel auch Youssef Kanjou auf. Der Anthropologe war Direktor des Nationalmuseums in Aleppo und floh im syrischen Bürgerkrieg nach Deutschland, wo ihn Kontakte zu den Archäologen der Uni Tübingen in die Stadt am Neckar führten. Kanjou bot seine Hilfe beim Übersetzen an - und beim Schreiben von Artikeln. Schnell wuchs das Team an, und damit auch der journalistische Anspruch. »Wir wollten über Themen schreiben, die Menschen mit Fluchterfahrungen nach ihrer Ankunft in Deutschland umtreiben«, erklärt Sannwald. Lokalredakteure der hiesigen Medien fanden sich als ehrenamtliche Coaches, um die journalistische Qualität der Artikel zu sichern. Heute gibt es eine 20-köpfige, internationale Redaktion, die Artikel in fünf Sprachen veröffentlicht: auf arabisch, deutsch, englisch, persisch und ukrainisch.
185 Wandzeitungen sind so entstanden - bis die Corona-Pandemie fünf Jahre später der Digitalisierung einen Vorschub leistete. Statt der Wandzeitungen entstand in kürzester Zeit eine Homepage, wurden die sozialen Medien und der Whatsapp-Messenger bespielt. »Ademola Adetunji aus Nigeria, der seit 2019 der Online-Redaktion angehörte, hatte schon länger Pläne für eine Homepage. Jetzt legte er los. Hajera Sheikh aus Pakistan und Rahima Abdelhafid aus Algerien posteten die Meldungen«, heißt es dazu in einem Artikel auf tuenews.de. Heute geht die Technik noch einen Schritt weiter. Anastasiia Nesterova, die junge Frau ist vor dem russischen Überfall auf die Ukraine geflohen und absolviert bei Tuenews einen Bundesfreiwilligendienst, hat zum Zehnjährigen in der Ukraine Schlüsselanhänger fertigen lassen, die über die RFID-Schnittstelle direkt auf die Website verlinken.
Verbindendes zwischen den Kulturen
Inzwischen ist der Themenmix auf Tuenews International immens angewachsen. Artikel, in denen etwa erklärt wird, dass künftig ein digitales Passfoto bei den Behörden benötigt wird, wurde bundesweit geteilt - bei vielen Integrationsdiensten hat sich der Wert der Tübinger Nachrichtenseite herumgesprochen. »Früher mussten die Mitarbeiter in den Ämtern jedem Geflüchteten solche Dinge einzeln erklären, heute reicht der Verweis auf Tuenews«, sagt Sannwald stolz. Zuletzt zählte die Internetseite in einer Woche allein 25.000 Besucher, im Jahr wurden zuletzt fünf Millionen Klicks registriert. Und viele Themen dürften mittlerweile auch Menschen ohne Fluchterfahrungen spannend sein - denn gerade in Tübingen bietet es sich an, die verschiedenen Kulturen miteinander zu verbinden. Etwa am Beispiel archäologischer Funde aus dem heutigen Syrien, die im Schlossmuseum ausgestellt sind. »Kulturelle Themen haben uns in ihrer Reichweite überrascht«, gesteht Sannwald. Es ist ein gutes Zeichen: Integration setzt kulturelles Verständnis voraus. Und sorgt vielleicht auch dafür, Auslandspropaganda wie RT-Deutsch zurückzudrängen.
8.800 Artikel sind seit 2020 entstanden, als die Tuenews digitalisiert wurden. 49 Städte und Landkreise - darunter Augsburg, Dortmund und Stuttgart, teilen regelmäßig Artikel aus der Unistadt. »Wir sind nah dran an der Zielgruppe, vor allem bei alltagsrelevanten Themen«, sagt Sannwald. Auch Landrat Dr. Hendrik Bednarz steht hinter dem Projekt. »Die Tuenews sind vielschichtig, sind weit mehr, als nur reine Informationsvermittlung«, sagt Bednarz. »Auf dieser Plattform können wir Gemeinsamkeiten transportieren.« Rund 80 Geflüchtete sind bereits für die Redaktion tätig gewesen, angestellt zumeist auf Minijobbasis. Seit 2017 stellt das Landratsamt jährlich 177.000 Euro zur Verfügung, um das Projekt zu finanzieren. Die Entwicklung einer Tuenews-App, die nun zum zehnjährigen Jubiläum an den Start geht, finanzierte das baden-württembergische Sozialministerium mit 120.000 Euro.
Neue App geht an den Start
Für die Zukunft braucht das Projekt aber nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch neue Ehrenamtliche - sowohl unter Menschen mit Migrationshintergrund als auch als Coaches mit journalistischer Erfahrung. »Ich gehe nächstes Jahr in den Ruhestand«, erklärt etwa Initiator Sannwald. Den Tuenews will er weitere drei Jahre erhalten bleiben - doch auch die anderen Coaches, zumeist Redakteure im Ruhestand, werden nicht jünger. Die Redaktionskonferenz findet übrigens einmal wöchentlich statt, dienstags ab 18 Uhr. (GEA)

