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Tübinger Zollbeamtin: »Unternehmen oft verunsichert«

Die Tübingerin Anke Brucklacher hat als selbständige Zollberaterin mehr Aufwand durch Trump

Anke Brucklacher hat schon Dinoknochen »tarifiert«, die in die Schweiz gingen – als »ausgestorbene Art und Teile davon«, mit ein
Anke Brucklacher hat schon Dinoknochen »tarifiert«, die in die Schweiz gingen – als »ausgestorbene Art und Teile davon«, mit einer eigenen Warentarifnummer. FOTO: WEBER
Anke Brucklacher hat schon Dinoknochen »tarifiert«, die in die Schweiz gingen – als »ausgestorbene Art und Teile davon«, mit einer eigenen Warentarifnummer. FOTO: WEBER

TÜBINGEN. »Das Schöne an meiner Arbeit ist die Vielseitigkeit und der Kontakt zu Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Geschäftsmodellen.« Durch diese Begegnungen erlebt Anke Brucklacher gerade auch hautnah die Verunsicherung ihrer Kunden, seit das Wort »Zölle« in diesen Tagen in aller Munde ist. Die selbständige Zollberaterin aus Tübingen beobachtet, dass es nicht allein die höheren Zölle der Trump-Regierung sind, die ihre Geschäftspartner bei Exporten in die USA ratlos zurücklassen. »Es ist auch der Schlingerkurs des US-Präsidenten, der zusätzliche Sorgen bereitet. Meine Kunden fragen sich, was da sonst noch alles auf sie zukommt«, so Brucklacher, Geschäftsführerin des von ihr gegründeten Unternehmens »Zollfuchs«.

Gemeinsam suche man dann nach Lösungen, um Grenzabgaben zu sparen. »Auch Alternativen können dabei in den Fokus rücken. Etwa die Gründung eines Unternehmens in den USA, was aber den Nachteil hat, dass das sehr teuer sein kann.« So bleibe ihren Kunden oft nur die Wahl, im Land zu bleiben, die höheren Zölle zu zahlen und weniger Gewinn zu machen. »Die wahren Auswirkungen werden erst zum Ende des Jahres ablesbar sein, wenn Unternehmen ihre Bilanzen machen.« Baden-Württemberg ist das exportstärkste Bundesland. Die schrumpfenden Absatzmärkte in den USA belasten die Autoindustrie und die Zulieferbetriebe hier in der Region stark.

»Ich rate, ruhig zu bleiben, auch wenn das nicht leicht fällt«

Als selbständige Zollberaterin unterstützt die Diplom-Betriebswirtin (BA) Unternehmen im Zollprozess. »Ich helfe, die komplexen Vorschriften und Abläufe im Zusammenhang mit dem internationalen Warenverkehr zu verstehen, einzuhalten und Zölle, Steuern und andere Abgaben korrekt zu berechnen.«

Brucklacher prüft Zolltarife und bereitet die erforderlichen Dokumente für den Import und Export vor. »Mein Ziel ist, den Warenverkehr reibungslos und rechtssicher zu gestalten, Kosten zu minimieren und Verzögerungen beim Zoll zu vermeiden.« Sie gibt vor Ort in den Betrieben auch Schulungen.

Durch die neuen US-Zölle hat Brucklacher bei der Ausfuhr bestimmter Waren mehr zu beachten, ihre Arbeit ist aufwändiger geworden. Das gilt zum Beispiel beim Export von Maschinen in die USA, in denen verschiedene Materialien wie Stahl, Aluminium und Kupfer verbaut sind. »Ich könnte die Maschine als Ganzes verzollen, aber jetzt wird es eventuell günstiger für den Kunden, wenn ich das Material einzeln herausrechne. Neuerdings muss ich auch angeben, woher der verarbeitete Stahl oder das eingesetzte Aluminium stammen. Je nach Land bemessen sich danach unterschiedliche Zollsätze.« Diese ändern sich auch für andere Warengruppen laufend. Die US-amerikanische Zollpolitik ist in ständiger Bewegung, wie auch die jüngsten Verhandlungen mit China zeigen.

Zoll-Deals, nachträgliche Ausweitungen der Zölle, neue Handelsgespräche und wieder neue Deals: »Trumps Handelspolitik ist unbeständig und kaum vorhersehbar«, so Brucklacher. Das schaffe für Unternehmen eine schwierige Situation. »Trotz der Unberechenbarkeit des US-Präsidenten und seiner Politik rate ich, ruhig zu bleiben und die Entwicklungen mit Bedacht zu verfolgen, auch wenn das nicht leicht fällt.« Bei allem sei wichtig, sich gut zu informieren und aktuelle Entwicklungen zu verfolgen.

Von Dinosaurierknochen bis zum Mäuseherz für Forschungszwecke, wie vielseitig Brucklachers Arbeit tatsächlich ist, zeigt sich an den Waren, die sie für den Export schon »tarifiert« hat. Um die Zollformalitäten abzuwickeln, muss sie jedem Produkt, das über die Grenze geschickt werden soll, die passende Warennummer zuordnen.

Diese findet sie im »Warenverzeichnis für die Außenhandelsstatistik«, das jährlich vom Statistischen Bundesamt aktualisiert und herausgegeben wird. »Ob Stuhl oder Kugelschreiber, Brille oder Laptop, jeder einzelne Gegenstand um uns herum trägt für die Ausfuhr eine Nummer, die ich dann in die entsprechenden Formulare eintragen muss.«

Die achtstelligen spezifischen Warennummern, die dafür vorgesehen sind, muss Brucklacher nicht auswendig lernen. Sie weiß, wo sie im Warenverzeichnis fündig wird, das reicht. »Auch die Dinosaurierknochen, die in die Schweiz gingen, haben selbstverständlich eine Warentarifnummer«, erklärt die Zollexpertin. Als »ausgestorbene Art und Teile davon« tragen die Fossilien den Warencode 97052200.

»Für mich ist das alles andere als lästige Bürokratie«

Seien es Schlafsäcke oder Flüssigkeitspumpen, Kunststoffboxen oder die ab 2026 hinzukommenden »Segmente für Windkraftanlagen«, die Einreihung in den jeweiligen Zolltarif sind für sie alles andere als lästige Bürokratie. »Ich mache die Tarifierung wirklich gerne und freue mich immer, wenn ich einen Vorgang erfolgreich abgewickelt habe und alle zufrieden sind.«

Brucklacher kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. »Ich habe meinen Traumjob gefunden.« Das liegt nicht nur an außergewöhnlichen Zielgebieten wie die Neumayer-Station in der Antarktis. Damit Forscher der Uni Tübingen dort arbeiten konnten, wickelte sie den Zoll für Geräte ab, die mit auf die Reise gingen. Ihre Arbeit macht ihr auch deshalb so viel Spaß, weil vor dem Zoll alle gleich behandelt werden. »Ohne Ausnahmen.« (GEA)

TIPP ZUM UMGANG MIT FORMULAREN

»Nur das ausfüllen, was verlangt ist«

Formulare sind Teil der Zollmaterie. Während vielen Menschen bereits der Anblick von Formularen für die jährliche Steuererklärung Schweiß auf die Stirn treibt, bleibt Anke Brucklacher im Umgang mit diesen Papieren gelassen. »Ich fülle gerne Formulare aus, sie strukturieren Vorgänge.« Als Bewältigungsstrategie fürs Bearbeiten von Formularen rät sie, einen klaren Kopf zu behalten. »Genau lesen und nur das ausfüllen, was verlangt ist.« Die Zollberaterin hat ihrem Unternehmen, dessen geschäftsführende Gesellschafterin sie ist, den Namen »Zollfuchs« gegeben. »Diese Bezeichnung habe ich gewählt, weil mein Hund wie ein Fuchs aussah.« Der Name sei griffig, er gehe direkt ins Ohr. »Man weiß sofort, um was es geht.« (raw)