TÜBINGEN. Die Tübinger Notärztin und Buchautorin Lisa Federle hält nicht viel vom Vorstoss des CDU-Gesundheitspolitikers Hendrick Streeck nach einer Altersgrenze für teure medizinische Behandlungen. »Ich finde es ganz schwierig, eine solche Grenze festzulegen. Es gibt 80-Jährige, die wandern noch und 50-jährige mit Atmungsproblemen«, so Federle. Kein Arzt könne genau sagen, wie lange ein Mensch noch lebe.
Es sie grundsätzlich sinnvoll, nicht jedem alles zu geben, geht die Notärztin auf Streecks Überlegungen ein. So komme es bei Notarzteinsätzen vor, dass der Arzt eine Triage machen müsse, weil er nicht allen Verletzten gleichzeitig helfen könne. Dabei könne der Arzt jedoch nicht nur das Alter eines Patienten als einziges Kriterium heranziehen, wenn es darum gehe, wer die besten Überlebenschancen hat und deshalb zuerst behandelt werde. »Meistens gehen wir nicht nach dem Alter, sondern nach der Schwere der Erkrankung oder Verletzung«, sagt Federle.
In einer Sache habe Streeck allerdings Recht. »Wir können nicht unbegrenzt in das System investieren. Manche Sache sind nicht finanzierbar«, sagt Federle. »Was nützt eine Lebertransplantation, oder eine Organtransplantation, wenn die Erkrankung und der Lebenswandel so sind, dass der Patient ohnehin nur noch ein halbes Jahr lebt? Was nützt ein neues Hüftgelenk, wenn der Patient ohnehin nicht mehr mobil ist?«, fragt sie rhetorisch. Deshalb würden solche Operationen auch nicht gemacht, sagt sie.
Eine generelle Altersgrenze für Behandlungen festzulegen, sei jedoch "nicht adäquat und nicht gerecht", sagt Federle. Im Übrigen, fügt sie hinzu, sei es viel sinnvoller, an anderer Stelle zu sparen. "Wenn wir die Bevölkerung aufklären, wann ein Arztbesuch sinnvoll und wann er komplett unnötig ist. Wenn wir die Leute motivieren zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen und wenn wir einen Teil der Bürokratie abschaffen würden, dann wäre dem Gesundheitssystem mehr geholfen, als mit einer solchen Debatte um starre Altersgrenzen.
Was Streeck gesagt hat
Der CDU-Gesundheitspolitiker und Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck hatte die Frage aufgeworfen, ob man sehr alten Menschen noch besonders teure Medikamente verordnen sollte. Es brauche in der medizinischen Selbstverwaltung »klarere und verbindliche Leitlinien, dass bestimmte Medikamente auch nicht immer ausprobiert werden sollten – es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte«, sagte er in der Talksendung »Meinungsfreiheit« des Senders Welt TV.
Streeck wies beispielhaft auf Erkrankungen wie fortgeschrittene Krebserkrankungen hin und den – offensichtlich theoretisch gemeinten – Fall, dass eine neue Studie über Möglichkeiten herauskomme, dabei die Sterblichkeit um zehn Prozent zu reduzieren. »Wenn man das aber bei einer 100-Jährigen macht, dann ist die Frage: Will man wirklich diese teuren Medikamente?«, sagte der Bundestagsabgeordnete, der als Virologe in der Corona-Zeit breiter bekannt geworden war.
Er berichtete auch von persönlichen Erfahrungen vor dem Tod seines an Lungenkrebs erkrankten Vaters. »Es wurde in den letzten Wochen, wo er gestorben ist, so viel Geld ausgegeben. Und es hat nichts gebracht. Es wurden die neuesten Therapien aufgefahren. Es hat nichts gebracht. Und er hat mehr dort ausgegeben als je in seinem ganzen Leben im Gesundheitswesen«, sagte er und resümierte: »Das ist einfach nur die Frage. Das gehört in die medizinische Selbstverwaltung.«

