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Tübinger Motette: Nicht ein Ausfall seit 80 Jahren

In Tübingen findet seit 80 Jahren jeden Samstag - mit Ausnahme der Schulsommerferien - die Motette statt: ein Gottesdienst, bei dem die liturgische Musik im Vordergrund steht. Doch mittlerweile lockt nicht nur Kirchenmusik hunderte Besucher wöchentlich in die Stiftskirche, wie Kantor Ingo Bredenbach verrät.

Ingo Bredenbach ist der vierte Kantor, der in der Tübinger Stiftskirche wirkt, seitdem die Motette im Jahr 1945 eingeführt wurde
Ingo Bredenbach ist der vierte Kantor, der in der Tübinger Stiftskirche wirkt, seitdem die Motette im Jahr 1945 eingeführt wurde. Für das nächste Konzert ist schon alles aufgebaut. Foto: Paul Runge
Ingo Bredenbach ist der vierte Kantor, der in der Tübinger Stiftskirche wirkt, seitdem die Motette im Jahr 1945 eingeführt wurde. Für das nächste Konzert ist schon alles aufgebaut.
Foto: Paul Runge

TÜBINGEN. Von dieser Statistik kann die Deutsche Bahn nur träumen: Seit der Uraufführung der ersten Tübinger Motette - am Samstag, 1. Dezember 1945, damals noch in der Spitalkirche - ist nach dem Wissen von Ingo Bredenbach noch nie eine Motette ausgefallen. »Unter meiner Ägide auf jeden Fall nicht«, erzählt der Kantor der evangelischen Stiftskirche, der seit 2010 in Amt und Würden ist. In diesem Jahr durfte das Musik-Format (siehe Box) sein 80-jähriges Bestehen in Tübingen feiern, pünktlich zum ersten Advent.

Und seitdem kein Ausfall: Das darf insbesondere auch mit Blick auf die Corona-Zeit beeindrucken. Obwohl das kulturelle Leben in Deutschland während der Pandemie sukzessive heruntergefahren wurde - Stichwort Veranstaltungsverbot und Kontaktbeschränkungen - erklang gar prächtige Blechblasmusik hoch vom Turm der Stiftskirche bis hinab in die Altstadt. »Die Menschen standen überall in den Gassen«, sagt Bredenbach mit leuchtenden Augen. »Ich erinnere mich noch, dass viele zu 'Der Mond ist aufgegangen' mitgesungen haben.« Es sei ein »erhebendes« Gefühl gewesen, trotz der gesellschaftlich schweren Zeit. Die aus der Not geborene Idee dazu kam von seiner Frau. Der erfahrene Organist selbst hatte die Blechbläser immer wieder über das Glockenspiel begleitet, dessen neun Glocken über ein Piano direkt angespielt werden können.

Was ist die Motette?

Die Tübinger Motette ist ein Gottesdienst, bei dem der Schwerpunkt auf der geistlichen Musik liegt und der jeden Samstag um 20 Uhr in der Stiftskirche stattfindet. Laut Kantor Ingo Bredenbach besuchen im Schnitt rund 450 Menschen die sakralen Konzerte, die von Chor- über Posaunenmusik bishin zu Jazz-Ensembles ein breites musikalisches Spektrum abbilden.

»Auch die Pfarrer lassen sich darauf ein und beziehen sich im Gebet auch immer auf die Musik«, erklärt Bredenbach. Idealerweise verbinde sich so alles zu einem »Kunstwerk« an sich. Das Vorbild ist die Motette in Leizig, wo in der Thomaskirche Johann Sebastian Bach einst Kantor war. (pru)

Bredenbach ist der vierte Kantor der Stiftskirche, der sich seit 1945 in Tübingen neben seinen anderen kirchenmusikalischen Projekten um die Motette kümmert und dem Format - wie seine Vorgänger schon auch - zu immer mehr Bekanntheit verhilft. »Es ist schon mehr als 50 Prozent meiner Arbeitskraft, die in die Organisation fließt«, weiß der 66-Jährige. Waren die ersten Jahrzehnte der Motette vor allem unter Begründer Walter Kiefner noch von evangelischer Chor- und Orgelmusik sowie Bach-Werken und zeitgenössischen Komponisten geprägt, ist der Rahmen schon länger nicht mehr so streng und klassisch wie einst.

Bredenbachs Handschrift findet sich vor allem in den Jazz-Ensembles wieder, die er seit seiner Tätigkeit als Kantor immer wieder einlädt. Auch hat er die »Besondere Motette« ins Leben gerufen, die sich durch ein erweitertes Konzept auszeichnet: So beispielsweise die Silvester-Motette, die üblicherweise am letzten Tag des Jahres von 22 bis 23.45 Uhr dauert. Danach stoße man noch auf das neue Jahr an, erzählt er. Mittlerweile sei das ein »jour fixe« für viele Tübinger und Besucher von außerhalb.

Ausgebucht bis in den Sommer

»Die Akustik in der Stiftskirche ist ideal für ihre Größe«, schwärmt der Kantor. Selbst ein Solo-Klavierspiel gehe nicht unter, was aber nicht zuletzt an dem riesigen Bösendorfer-Flügel liege, der den Raum mit seinem satten Klang gut füllen könne. Um die guten Voraussetzungen wüssten auch die Musiker, die sich zahlreich auf einen Motetten-Termin bewerben.

Die zieht es indes aus ganz Deutschland nach Tübingen, auch internationale Künstler sind schon in der Stiftskirche aufgetreten. Bredenbach bekommt so viele Anfragen, »dass wir pro Woche zwei Motetten bestücken könnten.« Entsprechend viel Aufwand koste es, die Qualität hoch zu halten und die passenden Ensembles auszuwählen. Bereits bis August des kommenden Jahres sei der Musikerplatz in der Stiftskirche am Samstagabend ausgebucht. »Dazu kommen noch viele Anfragen von Konzertreisenden«, sagt Bredenbach. Das könne dann schon auch mal wehtun, einem guten Chor aus dem hohen Norden absagen zu müssen, weil man bereits ausgebucht sei. Allein die spezielle »Nacht der Chöre«, bei der über drei Stunden zahlreiche Ensembles auftreten, koste mehrere Wochen Vorbereitungszeit. Aber die lohne sich. »Da ist es in der Stiftskirche immer rappelvoll.«

Format funktioniert in Tübingen super

Durch die großen Variationen im Programm ziehe die Motette auch immer eine andere Klientel an - nicht nur das »hochinteressierte Bildungsbürgertum«, wie Bredenbach weiß. Dass Tübingen in dieser Hinsicht besonders ist - »eine Insel der Seeligen« nennt sie der Kantor - ist dem ehemaligen Rektor der Hochschule für Kirchenmusik durchaus bewusst. »Die Leute hier sind musikalisch und theologisch interessiert«, so seine Einschätzung. Das verhelfe zu vielen Zuhörern: Insgesamt besuchen die Motette mehrere Tausend Menschen pro Jahr. Im Jahr 2018 waren es rund 20.000. Ein reges Interesse ist auch deshalb wichtig, weil die Kollekte einen nicht unerheblichen Anteil an der Finanzierung der Motette hat.

So sehr Bredenbach sein Amt auch liebt - lange wird er es der 66-Jährige nicht mehr ausfüllen. »Ich vermute, dass meine Stelle ab Oktober ausgeschrieben wird«, verrät er. »Es ist eine tolle Arbeit - sehr erfüllend und ich kann als Veranstaltungsplaner so viel selber bestimmen.« (GEA)