TÜBINGEN. Die Mädchenarbeit in Tübingen »ist aus der Innenstadt und der ganzen Region nicht mehr wegzudenken«, sagt Linda Amazu als eine von fünf Mitarbeiterinnen. Sie hat auch allen Grund dazu, schließlich hat die Einrichtung das baden-württembergische Sozialministerium überzeugt, dass ein Projekt des Treffs unter dem Namen »Sisterhood Stories« gut und wichtig ist. 80.000 Euro erhält der Mädchen*treff dafür, »das hört sich viel an, auf drei Jahre verteilt reicht das Geld aber gerade für eine 35-Prozentstelle«, so Mitarbeiterin Lea Walz.
Schon 1990 wurde der Mädchen*treff gegründet – und zwar von Jugendhaus-Mitarbeiterinnen, von der Mädchen- und der Autonomen Frauenhausarbeit. »Es ging darum, sichere Räume auch für Diskriminierungserfahrungen zu finden«, sagt Amazu. Die Räumlichkeiten des Treffs wurden im Lauf der 35 Jahre größer, die Standorte haben sich bis in die Weberstraße zu heute fünf Räumen in der Weberstraße vergrößert. Platz zum Toben, zum Basteln, Werkeln, zum Rückzug, zum Reden und für Beratung ist dort vorhanden – dazu eine Küche, in der Mittagessen für die Grundschülerinnen bereitet wird, zum Teil unter aktiver Mithilfe der Mädchen.
Treff seit 35 Jahren aktiv
Natürlich ist die Mädchenarbeit auch nach 35 Jahren immer noch wichtig, vielleicht sogar wichtiger denn je. Und das nicht allein wegen der vielfältigen Problemlagen, denen geflüchtete Mädchen und junge Frauen ausgesetzt sind. »Wir bieten den Kindern und Jugendlichen hier Freizeitangebote, sind aber auch für sie da, um sie bei Themen wie Flucht, Freundschaft, Rollenbilder, Liebesbeziehungen, sexuelle Gewalt, Ausbildung, Gesundheit und viel mehr zu unterstützen«, sagt Linda Amazu.
Das Projekt »Sisterhood Stories« startete am 1. Oktober. Worum es geht? »Geflüchtete Mädchen fallen in anderen Projekten und in anderen Einrichtungen oft durch«, sagt Lea Walz. »Wir haben aber einen sehr guten Zugang zu jungen Mädchen mit Zuwanderungsgeschichte«, so Amazu. Das geschieht über Besuche in internationalen Vorbereitungsklassen, Kontakte zu anderen Jugendhäusern, zur Schulsozialarbeit in Tübingen und zu anderen Einrichtungen. Zielgruppe des »Sisterhood«-Projekts sind 14- bis 27-jährige Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte. »Wir wenden uns vor allem an schwer erreichbare Teilnehmerinnen«, sagt Amazu.
Vermehrt psychische Belastungen festgestellt
Im Projektverlauf rechnen die Initiatorinnen mit 150 bis 200 Teilnahmen von jungen Frauen. Gemeinsames Kochen, Förderung der Kreativität, Empowerment, »Storytelling-Abende«, moderierte Gespräche auch zu aktuellen Themen sollen den Austausch von Erfahrungen und ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl ebenso wie interkulturelles Verständnis fördern. »Türöffner für die Gruppe ist die offene Arbeit bei uns im Mädchen*café«, sagt Linda Amazu.
»Neben den vielfältigen Freizeitangeboten hier im Haus, unterstützen wir die Besucherinnen bei Bewerbungen, wir beraten und vermitteln zu anderen sozialen Einrichtungen und Stellen«, betont Lea Walz. Was die fünf Mitarbeiterinnen des Treffs im Lauf der vergangenen Jahre registriert haben, sind vermehrt psychische Belastungen. Die sind natürlich auf die Fluchterfahrungen zurückzuführen, aber auch auf die aktuelle politische Lage der Kinder, Jugendlichen und jungen Frauen. Diskriminierung spiele immer wieder eine Rolle, oftmals der unsichere Aufenthaltstitel im Asylverfahren.
»Im Sisterhood-Projekt sind wir noch in der Vorlaufphase, ab Januar wird es dann eine Regelmäßigkeit geben«, betont Linda Amazu. In dem Projekt (und in der täglichen Arbeit im Mädchen*treff sollen Kinder und Jugendliche) selbst bestimmen, was für sie wichtig und richtig ist.
Vergangenes Jahr 122 Kinder und Jugendliche betreut
Die fünf Hauptamtlichen im Treff setzen bei ihrer Arbeit auch auf das Ehrenamt – viel auf Peers, Gleichaltrige, die oftmals ein Praktikum in der Einrichtung gemacht haben und sich dann weiter einbringen wollen. »Das ist eine Besonderheit bei uns, da sind wir richtig stark«, betont Amazu.
»Wir machen Ferienprogramm, Selbstverteidigungskurse und noch viel mehr.« Insgesamt haben im vergangenen Jahr 122 Kinder und Jugendliche den Treff besucht, sie waren rund 2.100 Mal dort. 46 Personen wurden 2024 rund 130 Mal beraten. »Das zeigt die kontinuierliche Begleitung von schwer erreichbaren geflüchteten Mädchen – sie sind hier angebunden«, sagt Lea Walz. (GEA)
Der Tübinger Mädchen*treff
Das * im Tübinger Mädchen*treff steht dafür, "dass auch queere, nicht-binäre oder trans Menschen im Treff ihren Platz finden. "Ein Teil der städtischen Regelfinanzierung ist für die Beratung queerer Jugendlicher vorgesehen", so Walz. Die Arbeit im Treff braucht aber weitere Fördermittel – wie etwa die vom Sozialministerium für "Sisterhood Stories". Der Schwerpunkt der Arbeit im Mädchen*treff findet seine Zielgruppe mit rund 90 Prozent unter Mädchen und jungen Frauen mit Zuwanderungsgeschichte.

