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Tübinger Landrat über Raketen-Angriff bei Israel-Reise

Landrat Joachim Walter, seine Frau Doris und Kreisarchivar Wolfgang Sannwald waren vor wenigen Tagen in Israel, als das Land vom Iran beschossen wurde. Wie er den Angriff erlebt hat.

Nahostkonflikt - Israel
Erneut greift der Iran laut dem israelischen Militär mit Raketen an. (Archivbild) Foto: Ohad Zwigenberg/DPA
Erneut greift der Iran laut dem israelischen Militär mit Raketen an. (Archivbild)
Foto: Ohad Zwigenberg/DPA

TÜBINGEN. »Das große Interesse überrascht uns etwas«, gestand Landrat Joachim Walter im voll besetzten Saal des Kreistags Tübingen. Das Interesse galt keiner normalen Dienstreise. Die Zuhörer wollten aus erster Hand zu erfahren, wie es war, in Israel die Gegenangriffe des Iran zu erleben. Zuvor hatte Israel iranische Atomkraftanlagen angegriffen und hochrangige Militärs des Landes getötet.

Der israelische Landeshistoriker Jakob Eisler war dabei. Er hatte die im vergangenen Jahr geschlossene Partnerschaft des Landkreises Tübingen mit dem Hof HaCarmel in Israel vermittelt. Weil Raketen von Huthi-Rebellen aus Jemen, die als schiitische Religionsgruppe vom iranischen Regime unterstützt werden, dem Flughafen Tel Aviv immer näher kamen, blieben vier junge Projektmitarbeiter, mit denen Joachim Walter die Gedenkstelle Yad Vashem besuchen wollte, zu Hause.

Die Delegation des Kreises Tübingen nach der Israelreise (von links): Doris und Joachim Walter, Jakob Eisler und Wolfgang Sannwa
Die Delegation des Kreises Tübingen nach der Israelreise (von links): Doris und Joachim Walter, Jakob Eisler und Wolfgang Sannwald. Foto: Foto: Michael Sturm
Die Delegation des Kreises Tübingen nach der Israelreise (von links): Doris und Joachim Walter, Jakob Eisler und Wolfgang Sannwald.
Foto: Foto: Michael Sturm

Vor Abflug schrumpfte die Reisegruppe

Die Gruppe aus Tübingen reiste am 13. Juni an. Sie reisten nach Haifa im Norden des Landes, die Heimatstadt von Jakob Eisler. Dort wohnten sie im achten Stockwerk eines Hotels. Von dort aus besuchten sie Joachim Walters Gegenüber im Landkreis Hof HaCarmel, Asif Izak. Dessen Frau arbeitet als Lehrerin an einer gemischt arabisch-israelischen Schule.

Hof HaCarmel, stellte Landrat Joachim Walter fest, sei »ein Teil von Israel, der anders tickt. Es ist ein Glücksfall, dass wir auf diesen Landkreis gestoßen sind.« Dennoch bereitet man sich dort genau wie anderswo im Land auf den Ernstfall vor: Die mobile Einsatzleitstelle befindet sich in einem vorher ausrangierten Schulbus. Die Polizei verfüge über 150 Freiwillige, und je 500 Rettungssanitäter und Feuerwehrleute. Dabei umfasst Hof HaCarmel weniger als 30.000 Einwohner.

Wolfgang Sannwald verschlief den Alarm

Am frühen Morgen des 14. Juni kam der erste große Alarm. Im ganzen Land heulten Sirenen auf. Die Handys meldeten Warnungen. Landrat Walter machte ein Foto aus dem Hotelfenster im achten Stock: Eine Rakete war in die Raffinerie von Haifa eingeschlagen. Drei Tote. Alle Menschen waren wach. Nur einer schlief weiter: Wolfgang Sannwald. Joachim Walter: »Wir hatten das Fenster offen und die Klimaanlage aus. Er nicht.« Das Ehepaar Walter klopfte so lange an dessen Tür, bis der Tübinger Kreishistoriker erwachte und sie in den Schutzraum im zweiten Untergeschoss des Hotels begleitete: Eine ehemalige Diskothek mit abgewetztem Mobiliar und einer Reihe weißer Plastikstühle.

»Man wird in Israel medial gut geführt. Man weiß schnell, wo ist was passiert«, stellte der Landrat fest. Die Handy-Apps meldeten, das Land habe den Iran angegriffen. Die Alarm-Apps funktionierten so, dass sie regional reagierten und den Menschen zehn Minuten Zeit einräumten, um den nächsten Schutzraum aufzusuchen. »Ich habe seitdem sehr unruhig geschlafen«, gestand Wolfgang Sannwald, der 25 Alarmierungen innerhalb der Tage in Israel registrierte.

In Israel haben alle im Ernstfall Rucksäcke mit wichtigen Dokumenten griffbereit

Jakob Eisler erzählte, er habe in einer Nacht sechs Alarmierungen erlebt: »Sechs Mal runter in den Schutzraum, sechs Mal wieder rauf!« Die Menschen in Israel seien auf solche Situationen eingestellt. Jede(r) habe einen Rucksack mit den wichtigsten Dokumenten griffbereit, wenn der Alarm losgehe. Seine früheste Erinnerung an den Ernstfall war der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973, den Eisler als Kind erlebte.

Doris Walter stellte fest: »In Hotels stehen alle Türen offen.« Eisler ergänzte: »Man kann zu völlig fremden Menschen gehen.« Darauf wären auch seine Eltern angewiesen: In ihrem Haus gibt es keinen Schutzraum. Sie leben in einem Viertel von Haifa, das in den 1920er Jahren angelegt wurde. Man könne davon ausgehen, dass Häuser, die vor der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 gebaut wurden, über keinen unterirdischen Schutzraum verfügen.

Häuser die vor 1948 gebaut wurden haben meist keinen Schutzraum

»Es ist etwas Alltägliches«, sagte Eisler. »Man kennt die verschiedenen Alarmsignale. Man versucht gesittet den nächsten Luftschutzkeller zu erreichen. Man folgt den Schildern. Das ist im Unterbewusstsein verankert.« Doch sein vor fast 90 Jahren in Wien geborener Vater sträubte sich. »Ich wollte ihn in der zweiten Kriegsnacht zu meiner Schwester bringen, er wollte das Haus nicht verlassen.«

Eislers Vater sagte, er habe schon Schlimmeres erlebt. Etwa die Bombardierung von Saloniki 1941 durch die Italiener. Die Stadt im Norden Griechenlands war eine Etappe auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, die für die Familie endete, als sie das damalige Mandats-Palästina erreichte, das Territorium des heutigen Israel. Er wolle nicht noch einmal vertrieben werden. Nach einem heftigen Streit mit seinem Sohn gab Eislers Vater erst nach, als eine Rakete in der Nähe einschlug. An dieser Stelle der Erzählung verlor Eisler die Fassung.

Eislers Vater wollte sein Haus nicht verlassen

Für die Tübinger Reisegruppe ging es nun darum, aus dem Land zu kommen. Der Reisevermittler in Stuttgart wartete bereits auf ihre Meldung. Wolfgang Sannwald bedauerte, dass sie auf der Autobahn an vielen biblischen Orten vorbeirauschen mussten. Immerhin blieb ihm der Eindruck von Jerusalem: »Eine Stadt in Spannung!« Am 17. Juni erreichte die Tübinger Gruppe die Grenze zu Ägypten. Für den Übertritt waren Trinkgelder fällig. Am selben Tag flogen sie vom Touristenort Scharm el-Scheich über Istanbul zurück nach Stuttgart. (GEA)