TÜBINGEN. Jörg Kinzig, Direktor des Instituts für Kriminologie der Uni Tübingen, kennt sich mit Straftaten aus: Der Jurist beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Fragen, in welchem Umfang Strafen sinnvoll sind, wie bestraft werden soll und wer die Taten begeht. Beim GEA räumt er nun mit falschen Vorstellungen über Verbrechen und die Täter auf.
GEA: Herr Kinzig, wie arbeiten Sie als Kriminologe? Und wie sind Sie in dieses Feld gekommen?
Jörg Kinzig: Ich leite das Institut der Kriminologie an der Uni Tübingen, lehre und forsche. Ich habe Jura in Heidelberg, Lausanne und Freiburg studiert und beide Staatsexamina gemacht. In Freiburg gab’s ein Max Planck Institut für – so hieß es damals – ausländisches und internationales Strafrecht. Die hatten eine Abteilung Kriminologie, was ich im Studium als Wahlfach belegt hatte. Das fande ich – ganz naiv, wie jeder sonst auch – eben spannend. Dann wurde ich dort angestellt und habe im Bereich der Sicherungsverwahrung für gefährliche Straftäter promoviert. Und dann bin ich in der Forschung geblieben. Während meiner Laufbahn habe ich methodisch viel mit Aktenanalyse gearbeitet.
Das klingt sehr abstrakt. Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Kinzig: Sicher, nehmen Sie eines unserer aktuellen Forschungsprojekte: der Femizid. Darüber wird viel gesprochen und geschrieben, aber eigentlich weiß man nicht so ganz genau, was das ist. Die landläufige Begründung ist: Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist. Wir untersuchen jetzt in verschiedenen Bundesländern die Tötungsdelikte an Frauen innerhalb eines Jahres. Durch die föderalen Strukturen und die unterschiedlichen Behörden ist das allerdings ein recht mühseliges Geschäft (schmunzelt).
Und was genau untersuchen Sie?
Kinzig: Wir untersuchen die Konstellationen, in denen Frauen umgebracht worden sind. Und auch: Was sind das für Männer, die diese Taten begehen? Denn es sind in der Regel Männer. Es handelt sich bei den Fällen zudem um mehrere Meter Akten – pro Fall. Wir haben ein Team von ungefähr zehn Leuten, die mit diesen Massen an Informationen umgehen. Da es sich bei unserem Projekt um eine Vollerhebung handelt, verarbeiten wir auch wirklich alle Fälle, die in dem Untersuchungszeitraum passiert sind. Das sind ungefähr 300 Fälle aus fünf Bundesländern, darunter auch Baden-Württemberg. Eine Aufgabe wird sein, dieses Material sauber zu dokumentieren, damit auch andere Wissenschaftler darauf aufbauen können.
Können Sie schon etwas über die Ergebnisse Ihrer Untersuchung verraten, vielleicht ein Muster in den Taten erkennen?
Kinzig: Damit sind wir zurückhaltend. Auf der Täterseite schauen wir: Was sind das für Männer, wie alt, wie stellen sie sich dar? Ganz wichtig ist die Frage, was überhaupt ein Femizid ist. Ein Beispiel: Ein Ehepaar lebt glücklich zusammen, die Frau wird schwer dement, der Mann mit der Pflege überfordert und eines Tages bringt er sie um. Ist das jetzt ein Femizid oder lag es grundsätzlich an einer anderen Tatsache, der Überforderung? Es ist jetzt unsere Aufgabe, Ordnung in die unterschiedlichen Konstellationen zu bringen. Da sind wir dabei.
Geht es beim Femizid immer um ein Liebesverhältnis?
Kinzig: Nein, aber man muss schon immer nach dem Motiv schauen. Hätte das Opfer genausogut ein Mann sein können – wie beispielsweise bei einem Raubmord, bei dem es nur um Geld ging? Im Strafrecht gibt es die Unterscheidung zwischen Totschlag auf der einen Seite, der endet mit 15 Jahren Gefängnis. Und Mord auf der anderen Seite, da gibt’s zwingend eine lebenslange Freiheitsstrafe. Damit ein Totschlag zu einem Mord wird, braucht man ein Mordmerkmal. Heimtücke ist dabei noch recht einfach nachzuweisen. Schwieriger wird es mit niedrigen Beweggründen: Eifersucht oder Verzweiflung. Wie werten wir diese? Den Begriff Femizid gibt’s bei uns im Strafrecht bis jetzt nicht. Wäre eine Einführung sinnvoll? Diesen Fragen gehen wir nach.
Das klingt so, als wäre der Mörder immer der Mann.
Kinzig: Es gibt eine engere Gruppe der Intimizide, also die Tötung nach einer vorangegangenen Beziehung oder aus einer Beziehung heraus. Natürlich können auch Frauen, etwa wenn sie verlassen worden sind, einen Hass auf ihren Mann entwickeln; aber es kommt deutlich häufiger vor, dass der Mann die Frau umbringt – sei es nun, weil sie ihn verlässt, verlassen will oder er nur denkt, dass sie es will. Anders rum passiert das nicht oft. Aber wir versuchen in einer kleineren Arbeit, auch diesen Fällen nachzugehen.
Hat der kulturelle Hintergrund etwas mit den Taten zu tun?
Kinzig: Mitursächlich für Femizide können auch patriarchale Wertvorstellungen sein, also etwa die Auffassung, dass Frauen weniger wert seien als Männer. Auch das muss man thematisieren. Dabei werden allerdings sehr oft Straftaten dazu genutzt, Folgerungen für die Migrationspolitik abzuleiten. Diese Bereiche sollten stärker voneinander getrennt werden.
Wie meinen Sie das?
Kinzig: Schwere Straftaten, die leider immer wieder passieren können, sind selbstverständlich für die Betroffenen ganz furchtbar. Dennoch sollten wir unsere Migrationspolitik nicht von diesen Einzelfällen abhängig machen. Mein Kollege Dirk Baier hat geschaut, wie viele Ausländer in einem Jahr nicht durch Gewaltkriminalität auffallen. Die Antwort: 99,4 Prozent. Das sollte man immer im Blick behalten.
Welche Gruppe begeht denn die meisten Straftaten?
Kinzig: Junge Männer sind durch Kriminalität am stärksten belastet – unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Deshalb sagen wir in der Kriminologie: Die Nationalität ist ziemlich uninteressant. Wenn sie im Flüchtlingswohnheim auf engem Raum leben, zusammen mit anderen jungen Männern, ist es kein Wunder, wenn es mal knallt. Uns geht es um Belastungsfaktoren: Alter, Geschlecht, Lebensumstände – diese sind relevant, wenn man kriminelles Verhalten untersucht. Auch, wie Menschen aufwachsen, spielt natürlich eine große Rolle. Wenn Sie wie ich in einem behüteten Beamtenhaushalt groß werden, haben Sie natürlich ganz andere Startchancen.
Nun zeigen Statistiken wie die Polizeiliche Kriminalstatistik PKS immer wieder einen Anstieg der Kriminalität in Deutschland. Wie bewerten Sie diese Zahlen?
Kinzig: Witzig, dass Sie das fragen: Ich habe gerade einen Aufsatz über die Aussagekraft der PKS fertiggestellt. Der ist aber noch nicht erschienen. Kurz erklärt: Eine große Einschränkung der PKS ist, dass sie nur das Hellfeld zeigt – also nur das, was auch wirklich bei der Polizei landet. Stellen Sie sich vor: Die Körperverletzungen nehmen in der Statistik zu. Nun kann es aber sein, dass sie gar nicht wirklich zunehmen. Sie nehmen zum Beispiel statistisch nur deswegen zu, weil die Leute aufgrund einer Kampagne oder einer anderweitigen Sensibilisierung deutlich mehr anzeigen oder die Polizei mehr Tatverdächtige fasst, die Körperverletzungen begehen. Deswegen müsste man diese Ergebnisse der PKS ergänzen, und zwar um sogenannte Dunkelfelduntersuchungen.
Dunkelfelduntersuchungen?
Kinzig: Das sind repräsentative Bevölkerungsbefragungen. Um beim Beispiel zu bleiben, fragen Sie darin Personen Dinge wie: Sind Sie im letzten Jahr Opfer einer Körperverletzung geworden? Haben Sie die auch angezeigt? Wichtig ist, dass diese Befragungen regelmäßig durchgeführt werden. Sonst nützen sie wenig. Da sind wir in Deutschland aber noch nicht so gut aufgestellt.
Warum?
Kinzig: Weil es Geld kostet. Auf kommunaler Ebene machen das Stuttgart und Mannheim seit einiger Zeit schon. Dadurch ergibt sich ein deutlich besseres Bild, dann sind die Zahlen auch belastbar. Denn eine absolute Zahl sagt relativ wenig aus. Es ist wie bei allen Momentaufnahmen: Mal eine Befragung machen oder in eine Statistik gucken, das bringt nicht viel. Nehmen Sie die Messerangriffe, die erst seit Kurzem in der PKS als eigene Deliktart geführt werden. Dass sie zuletzt gestiegen sind, sollte man natürlich ernst nehmen. Für eine fundierte, wissenschaftliche Aussage muss man aber noch ein paar Jahre warten, bis man belastbare Zahlen hat. Dann kann man Entwicklungen ablesen und vielleicht auch Ursachen identifizieren.
Das heißt, man kann noch gar nicht sagen, ob es mehr Angriffe mit Messern gibt als früher?
Kinzig: Aussagekräftig ist in der Regel nur eine längerfristige Betrachtung. Denken Sie etwa an den Rückgang in der Corona-Pandemie. Journalisten machen gerne den Fehler und schauen nur aufs Vorjahr, beispielsweise auf einen Anstieg. Wir haben aber über einen längeren Zeitraum betrachtet – wenn man zehn, 20 Jahre zurückschaut – keine dramatische Kriminalitätsentwicklung.
Was können die Medien machen, um das komplexe Thema richtig darzustellen?
Kinzig: Unterschiedliche Perspektiven einnehmen, erklären. Das wird ja auch gemacht, ist aber nicht so einfach. Grundsätzlich sollten Experten eingebunden werden, die die Zahlen richtig einordnen können. Ich habe bei der Kriminalpolitik genauso wie bei der Schulpolitik das Gefühl, dass jeder meint, mitreden zu können. Alle waren ja in der Schule oder schauen Krimis. Und Vorsicht vor Social Media – da wird sehr viel Unsinn geschrieben.
Was schauen Sie denn für Krimis?
Kinzig: Da bin ich ganz altmodisch: Der Münsteraner Tatort ist schon ganz nett, den schaue ich auch.
Und was ist mit dem Phänomen »True Crime«?
Kinzig: (lacht) Einige meiner Mitarbeiter hören die Podcasts, die es da so gibt, sehr gerne. Ich habe noch nie einen gehört. Die Faszination allerdings hat einen frühen Vorläufer aus meiner Jugend, den es heute noch gibt: Aktenzeichen XY… ungelöst. Da ging das Grauen und Schaudern durch das Wohnzimmer. Irgendwie faszinieren Verbrechen: Schauen Sie sich allein die vielen Krimis an. Wie viel da getötet wird im deutschen Fernsehen! Das hat jetzt mit den Podcasts und Ferdinand von Schirach eine neue mediale Form und einen neuen Höhepunkt erreicht. Sex und Crime sind halt für viele interessant. (GEA)

