TÜBINGEN. Lässt sich ein Gebäude aus Holz bauen, ganz ohne Leim, frei von Chemiekalien? Was auf den ersten Blick utopisch klingt, hat sich die Firma »TRIQBRIQ« auf die Fahnen geschrieben. Im Tübinger Stammwerk an der August-Bebel-Straße entstehen hierfür derzeit 8.000 Holzbausteine im Monat - genügend, um daraus sechs bis acht Einfamilienhäuser zu bauen. Aber auch ein Supermarkt ist auf diese Weise bereits entstanden. Aus thermisch getrockneten Holz entstehen in der Unistadt Bausteine, die sich nach dem Zusammenstecken durch Zapfen fest verbinden lassen. Eine Mauer lässt sich so in kürzester Zeit hochziehen, während nebenbei Kindheitserinnerungen aufflackern: erinnert das Bauen doch stark an die Produkte eines bekannten dänischen Klemmbausteinherstellers. Doch statt quietschbuntem Plastik im Miniaturformat sind die Tübinger Holzbausteine zwischen neun und 14 Kilogramm schwer - je nach gewünschter Wandstärke.
Bei der Vorführung im Tübinger Stammwerk wächst so eine Eckwand in kürzester Zeit stabil in die Höhe. »Wir halbieren die Rohbauzeit der Gebäudehülle«, erklärt Johannes Klein vom Partnermanagment der Firma bei einer Besichtigungstour, die jeden zweiten Donnerstag durchgeführt wird. »Teilweise dauert der Bau auch nur ein Viertel der Zeit.« Ein Bungalow mit 170 Quadratmetern Wohnfläche jedenfalls war nach zweitägiger »Stellzeit« hergestellt; ein 2,5-geschossiges Wohnhaus wurde von acht Bauarbeitern in sechs Tagen aus Holzbausteinen errichtet. Diese bestehen aus kleineren Holzbauteilen, die verschachtelt zusammengesteckt werden. »Bei den Dachgiebeln kann man die einzelnen Briqs sogar quer durchsägen - und sie bleiben stabil«, verrät Klein.

Die Vorteile liegen aber nicht nur in der schnellen Bauzeit. Für seine Bausteine nutzt das Unternehmen unter anderem Schadholz, das ansonsten nur zu Hackschnitzeln verarbeitet den Weg in die Verbrennung finden würde. Und: Holz ist ein natürlicher Kohlenstoffspeicher, verbautes Holz bindet also das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid. "Beton an sich ist ein toller Werkstoff", betont Klein. "Aber wäre Beton ein Staat, wäre er nach den USA und China der drittgrößte CO2-Emittent auf der Welt." Kein Wunder also, dass die ungewöhnlichen Holzbausteine auf Interesse stoßen. Auch bei der GWG Tübingen, die ein Mehrfamilienhaus aus 2588 Briqs gebaut hat. Und auch die Politik hat das Unternehmen, welches die Idee von 2002 bis 2021 entwickelte, längst im Blick, gilt doch der Bausektor durch seine hohen CO2-Emissionen als ein Sorgenkind in Sachen Klimaschutz.
Das damalige Start-up wurde mit einer Förderung durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Höhe von 800.000 Euro gefördert. »Durch die Förderung konnten wir unsere erste Produktionsanlage beschaffen«, erklärt Lewin Fricke, bei Triqbriq unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. »Zusätzlich wurde ein Teil der Förderung auch für den Holzeinkauf verwendet.« Es hat sich gelohnt: Inzwischen entsteht in Tübingen eine zweite Produktionslinie, bei der hochmoderne Roboter die einzelnen Holzelemente präzise aussägen und zu den Briqs, den Holzbausteinen, zusammensetzen. Zehn Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen inzwischen, das regelmäßig Innovationspreise abräumt, zuletzt etwa den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2025. Auch das Wirtschaftsforum der SPD zeichnete das Unternehmen jüngst aus.

Von einer Krise in der Baubranche spüren die Tübinger indes nichts. »Entgegen der Marktlage freuen wir uns sehr über das unglaubliche Interesse an unserem System. Aktuell ist tatsächlich unsere größte Herausforderung, unsere Produktion schnell genug zu skalieren, um die bestehende Nachfrage zu decken«, berichtet Fricke. 2026 will das Unternehmen einen siebenstelligen Umsatz erreichen - und geht von Profitabilität aus. Ein Partnerunternehmen in Österreich will in Voralberg eine eigene Produktionslinie aufbauen und den österreichischen Markt bedienen. Auch in Deutschland sucht Triqbriq nach weiteren Partnern, die Briqs herstellen - der Vertrieb soll dann von Tübingen und dem Verwaltungssitz Stuttgart aus gesteuert werden. Durch die dezentrale Produktion sollen die Transportwege kurz gehalten werden. »Vor allem in der Kundenberatung und im Vertriebsinnendienst werden wir daher stark wachsen«, geht Fricke derzeit auch von einem Zuwachs beim Personal aus. Aktuell sind zehn Mitarbeiter bei Triqbriq beschäftigt. Auch räumlich will sich das Unternehmen in Tübingen weiterentwickeln: In einer benachbarten Halle soll eine Triqbriq-Markenwelt entstehen, um das Holzbaustein-System noch anschaulicher vorstellen zu können. (GEA)
Was Bauherren beachten sollten
Wer mit den Holzbausteinen von Triqbriq bauen möchte, sollte sich vorab gut beraten lassen. Wichtig ist auch eine gute zeitliche Planung, denn in der Vergangenheit kam es öfters vor, dass Bauherren durch das hohe Tempo des Mauerbaus aus Holzbausteinen überrascht wurden und es dann Wartezeiten gab, ehe die Dachdecker zum Einsatz kamen. Da die Mauern ohne Mörtel oder Leim entstehen, kann nahezu temperaturunabhängig gebaut werden - rund fünf Minuten werden dabei für einen Quadratmeter Wandfläche benötigt. Im Vergleich zum klassischen Ziegelstein sind die Briqs teurer, die schnelle Bauzeit gleiche diesen Nachteil aber wieder aus, so Triqbriq. (ath)

