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Aktuell Katastrophenschutztag

Tübinger Helfer mit klarer Botschaft an Innenminister Strobl

Am Kepler-Gymnasium in Tübingen fand am vorletzten Schultag in den sechsten Klassen der landesweite »Katastrophenschutztag« statt. Auch der baden-württembergische Innenminister war zu Gast.

Innenminister Thomas Strobl lässt sich von den Schülern des Kepler-Gymnasiums zeigen, wie sich ein Wasserlauf mit Sandsäcken um
Innenminister Thomas Strobl lässt sich von den Schülern des Kepler-Gymnasiums zeigen, wie sich ein Wasserlauf mit Sandsäcken um Häuser herum umleiten lässt. Foto: Alexander Thomys
Innenminister Thomas Strobl lässt sich von den Schülern des Kepler-Gymnasiums zeigen, wie sich ein Wasserlauf mit Sandsäcken um Häuser herum umleiten lässt.
Foto: Alexander Thomys

TÜBINGEN. Vor dem Kepler-Gymnasium in Tübingen standen am Dienstag zahlreiche Einsatzfahrzeuge. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, der Malteser Hilfsdienst und das Rote Kreuz waren gekommen, um den Sechstklässlern zu zeigen, was im Katastrophenfall zu tun ist. Vor zwei Jahren initiierte das Innenministerium gemeinsam mit dem Kultusministerium den Katastrophenschutztag, um die Schüler für das zu sensibilisieren, was im Notfall zu tun ist. »Wir als Hilfsorganisationen wurden damals ein wenig überrumpelt«, erzählt Thomas Mangold, im Landkreis für die Brandschutzerziehung zuständig und vielen als »Feuerwehrmann Tom« bekannt.

Doch die Hilfsorganisationen aus dem Landkreis Tübingen reagierten schnell, um »vor die Lage zu kommen«, wie es bei Einsatzkräften heißt. »Wir haben uns zusammengesetzt und etwas daraus gemacht.« Über alle Hilfsorganisationen hinweg. So wurde eine gemeinsame Präsentation entwickelt, in der die Schüler über Katastrophen informiert werden - und über die verschiedenen Hilfsorganisationen und ihre Aufgaben. Viel wichtiger aber: Gemeinsam wurden Ideen für Praxisbeispiele gesammelt, um die Sechstklässler in verschiedenen Modulen ganz praktisch erleben zu lassen, wie sie sich und anderen helfen können.

»Erst wurden wir überrumpelt. Dann haben wir uns zusammengesetzt und etwas daraus gemacht«

Beim THW etwa galt es, eine Spielstadt mit kleinen Sandsäcken zu schützen und das Wasser an den Häusern vorbei zu leiten. Um zu spüren, was die Einsatzkräfte und viele Spontanhelfer im Notfall wirklich leisten, wurden nebenan auch echte, kiloschwere Sandsäcke befüllt und zu einem Damm vor einem Kellerfenster gestapelt. Die DLRG-Helfer klärten über die Gefahr von Strömung auf, das DRK informierte über Erste Hilfe und bei den Maltesern ging es darum, was bei einer Evakuierung in das Notfallgepäck gehört - und was nicht. Bei der Feuerwehr war Teamwork gefragt, um ein Licht mittels Kurbeln mit Strom zu versorgen. Jede Menge Infos zum Löschfahrzeug und der Drehleiter inklusive. »Wir wollen den Kindern ganz praktisch zeigen, wie sie sich und anderen helfen können«, erklärt Konrad Steibli von der DLRG-Wasserrettung. Und Thomas Mangold ergänzt, wie emotional die Schüler bei der Evakuierungsübung reagierten, als ihnen bewusst wurde, dass sie im Eifer des Gefechts den Rollstuhlfahrer (ein Schüler hatte die Aufgabe bekommen, diesen darzustellen) zurückgelassen hatten. »Da haben dann alle geschluckt«, sagt Mangold. »Und etwas gelernt.«

Die Praxisstationen sind dabei modular aufgebaut - am Kepler-Gymnasium wurden alle vier sechsten Klassen, insgesamt 120 Schüler, in acht Gruppen aufgeteilt, sodass die Hilfsorganisationen acht Stationen aufboten. »Das System ist modular und skalierbar, wir können uns also an die jeweilige Schulgröße anpassen«, erklärt Mangold. Dieser »Tübinger Weg« strahlte bis nach Berlin aus: Beim bundesweiten Förderpreis Helfende Hand war die Tübinger Ausgestaltung des Katastrophenschutztages das einzige aus Baden-Württemberg nominierte Projekt. Neben einen dritten Platz räumten die Helfer aus dem Kreis Tübingen auch den Publikumspreis ab. Weshalb nun auch Landesinnenminister Thomas Strobl das Kepler-Gymnasium besuchte, um den Hilfsorganisationen für den Preis zu gratulieren.

»Der Katastrophenschutztag war eine Idee des Landes, die wir gerne umsetzen. Aber wir brauchen auch die nötige Unterstützung dafür«

Zu seiner Überraschung gaben die Hilfsorganisationen den Preis an den Innenminister weiter. »Ohne ihre Idee würden wir heute nicht hier stehen«, begründete dies Steibli. Doch der Preis, der einen »Ehrenplatz im Ministerium« bekommen soll, wie der »etwas beschämte« Innenminister versprach, sollte zugleich als Erinnerung dienen an die Kritik, die Strobl in Tübingen auch zu hören bekam. Denn das 25-köpfige Team aus den Hilfsorganisationen, dass die Katastrophenschutztage schultert, muss im Kreis insgesamt 40 Schulen bedienen. An Werktagen, in der Unterrichtszeit - und das komplett ehrenamtlich. »Unsere Helfer haben hierfür allesamt Urlaub genommen«, betont Steibli. Und während die Feuerwehrleute - je nach Gemeinde unterschiedliche - Entschädigungen erhalten, bleiben die allermeisten Helfer der anderen Hilfsorganisationen auf ihrem Aufwand sitzen, bis hin zu den Spritkosten.

»Die Helfenden sind allesamt mit Herzblut dabei«, betonte Kreisbrandmeister Sebastian Raudszus, der von Strobl ein »gerechtes System, dass dem hohen Engagement gerecht wird«, einforderte. Eine Forderung, die auch der Landesfeuerwehrverband bereits formuliert hatte. Vielen Helfenden, das war am Rande zu hören, würde auch eine Freistellung helfen. In dieselbe Kerbe schlug auch Landrat Joachim Walter. »Der Gewinn des Publikumspreises zeigt: Die Idee kommt bei den Menschen an.« Doch sei der Katastrophenschutztag eben eine Idee des Landes gewesen. »Wir setzen sie vor Ort gerne um, aber wir brauchen auch die notwendige Unterstützung.«

»Ich nehme die Frage mit, wie wir diese zusätzliche Belastung honorieren können«

Innenminister Strobl hatte gut zugehört. In seiner Ansprache dankte er für die Weitergabe des Preises und verwies auf die hohen Summen, welche die Landesregierung in den Katastrophenschutz investieren würde. Der Innenminister versprach aber auch, die Frage »mitzunehmen«, wie sich die »zusätzliche Belastung« durch die Katastrophenschutztage honorieren lasse. In Tübingen sei der Gedanke des Tages »ganz toll umgesetzt« worden. Dies bekräftigen auch die Schüler, die auf den Ruf von Thomas Mangold »einer für alle« mit einem lautstarkten »und alle für einen« antworteten. Und auch Schulleiterin Ulrike Schönthal dankte den Einsatzkräften für ihr Engagement. Angesichts vieler Krisen und Unglücke in der Welt sei es entlastend für die Schüler, zu erfahren, wie sie sich in Notfällen helfen könnten. (GEA)