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Tübinger CDU-Bundestagskandidat Naser: Zwischen Pfarramt und Politik

Wegen der Wahlrechtsreform der Ampelkoalition wurde dem Stimmenkönig bei der Bundestagswahl ein Mandat verwehrt. Jetzt ist Christoph Naser Pfarrer in Bodelshausen.

Christoph Naser (CDU) war Stimmenkönig bei der Bundestagswahl  im Wahlkreis Tübingen.  Statt seine Wähler als Abgeordneter in Be
Christoph Naser (CDU) war Stimmenkönig bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Tübingen. Statt seine Wähler als Abgeordneter in Berlin zu vertreten, ist er nun Pfarrer in Bodelshausen - dank der Wahlrechtsreform der Ampelkoalition. Foto: Hans Jörg Conzelmann
Christoph Naser (CDU) war Stimmenkönig bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Tübingen. Statt seine Wähler als Abgeordneter in Berlin zu vertreten, ist er nun Pfarrer in Bodelshausen - dank der Wahlrechtsreform der Ampelkoalition.
Foto: Hans Jörg Conzelmann

TÜBINGEN. Der Mann macht keinen unglücklichen Eindruck, neun Monate nach der Bundestagswahl. Obwohl er Grund dazu hätte: Christoph Naser holte als CDU-Kandidat zwar die meisten Erststimmen (31,7 Prozent), bekam aber kein Direktmandat - es fehlte ihm an Zweitstimmen (28,5 Prozent). Mit 54.250 Stimmen war er »Stimmenkönig« im Wahlkreis - und zog doch nicht in den Bundestag ein. Damit ging die letzte Chance auf wenigstens einen Vertreter in Berlin verloren - der Wahlkreis Tübingen-Hechingen hatte zuvor noch vier. Das Bedauern war groß. Funktionsträger wie Oberbürgermeister Boris Palmer bedauerten ebenso wie der damalige Landrat Joachim Walter, dass Naser und damit der Wahlkreis leer ausging.

Hauptberuflich ist Naser seit der verkorksten Wahl einen Schritt weiter. Damals war er noch Vikar in Tübingen. Seit September ist er Pfarrer in Bodelshausen, Hemmendorf und Hirrlingen. Das bedeutet Taufen, Hochzeiten, Bestattungen, Konfirmandenunterricht, Religionsunterricht in Hirrlingen Klasse 1 bis 4, den Vorsitz des Krankenpflegevereins, dazu seine Familie mit zwei Kindern - kein leichtes Paket, das er anstatt einer Bundestagsmandats übernimmt. Läuft man dabei in Gefahr, beides gleichzeitig zu betreiben? Nein, sagt Naser. Eine Mischung von Politik und Beruf komme nicht in Frage: »Als Seelsorger spielt Parteipolitik keine Rolle.«

Naser mischt weiter in Berlin mit

Offiziell heißt es, Tübingen werden von den gewählten Vertretern der Nachbarkreise »mitvertreten«. Das sind Thomas Bareiß (CDU) in Balingen und Michael Donth (CDU) in Reutlingen. Weniger bekannt ist, dass Christoph Naser in der Bundespolitik kräftig mitmischt, wenngleich auch fernab der Öffentlichkeit. Als »beratendes Mitglied« der CDU-Landesgruppe Baden-Württemberg im Bundestag berichtet er den 29 gewählten Kollegen regelmäßig in Online-Sitzungen von »seinem« Wahlkreis. Wie übrigens sechs weitere CDU-Wahlkreis-Kandidaten, die ebenfalls wegen des geänderten Wahlrechts keinen Sitz bekommen hatten.

Erst kürzlich hat sein Kreisverband die Geschäftsstelle in Tübingen erweitert, um Naser Platz für die Bürgersprechstunde zu schaffen, auch wenn er kein Abgeordneter ist. Vor wenigen Wochen ist er zum CDU-Kreisvorsitzenden gewählt worden und gibt sich als Sprachrohr der Bundespolitik vor Ort. So verschickte er erst unlängst einen Brief an die Rathäuser im Wahlkreis, in dem er die neuen Bundesregeln der Sportförderung vermittelt. Naser spricht von »meinen Bürgermeistern«, die nicht vom Informationsfluss aus Berlin abgeschnitten werden dürfen.

Bürger wenden sich weiter an ihn

Er habe seit der Wahl »hunderte Petitionen« bearbeitet, die ihm Bürger und Institutionen geschickt haben und die er nach Berlin weiterleitet. Er nehme regelmäßig an Sitzungen der Parteispitzen teil. Im Grunde betreibe er in Tübingen ein »verkleinertes Abgeordnetenbüro«, wie er sagt. Was in dreieinhalb Jahren bei der nächsten Wahl passiert, ist noch weit entfernt. Und doch wieder nicht: »Ich stehe zu meiner Verantwortung«, sagt Naser und meint damit wohl auch die Bundestagswahl 2029.

Die Ehrenamtlichkeit des Interims-Abgeordneten sei aber keine Dauerlösung. Das Provisorium müssen irgendwann ein Ende haben. Das sieht Naser in einer erneuten Wahlrechtsreform. Also alles zurück auf null -mit der Gefahr, dass der Bundestag auf annähernd 1.000 Sitze explodiert? Denn Ziel der alten Reform war es, die Zahl der Abgeordneten dauerhaft auf 630 zu begrenzen.

Naser hofft auf die Regierung. Union und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, das Wahlrecht wieder zu ändern und dazu eine Kommission einzusetzen, die noch in diesem Jahr Vorschläge vorlegen soll. Ziel ist es demnach, dass jeder Wahlkreisgewinner wieder in den Bundestag kommt. Außerdem soll das Parlament »grundsätzlich bei der aktuellen Größe verbleiben«.

Größere Wahlkreise, um Sitze kleinzuhalten

Als gebürtiger Schwäbisch Haller hat Naser Gefallen an der Bandbreite im Wahlkreis Tübingen-Hechingen gefunden - vom ländlichen Idyll über die Wissenschaft zum Bischofssitz in Rottenburg. Dass es so nicht bleiben kann, ist für ihn aber auch klar. Die Wahlkreise müssten größer werden, um bei einer erneuten Reform des Wahlrechts die Zahl der Sitze kleinzuhalten. »Unser Ziel ist, dass Wahlkreissieger ins Parlament einziehen.« Damit trifft Naser auch den Nerv von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner.

Sie sieht im aktuellen Wahlrecht die Erststimme entwertet. Es gebe »ein Legitimierungsproblem gegenüber der Bevölkerung und ein Repräsentationsproblem«. Naser rechnet vor, dass eine Million Stimmen in Deutschland für die Katz waren. 22 Abgeordneten ging es wie ihm. Klöckner sagt dazu: »Entweder muss man sagen, wir wollen ein anderes Wahlrecht, keine Erst- und Zweitstimme mehr. Oder man muss der Erststimme wieder zur Geltung verhelfen.«

Ob mit oder ohne Mandat, Naser muss dicke Bretter bohren. Seine Frau Prisca Scheffbuch ist Pfarrerin am Evangelischen Stift in Tübingen und hat jeden Morgen das gleiche Problem wie tausende Pendler. Die Regionalstadtbahn gibt es noch nicht, also stehen die Pendler im Stau. Die B 27 ist komplett überlastet, die Politik hat es nicht geschafft, belastbare Fahrspuren zu bauen. Hohe Priorität hat für Naser deshalb der Schindhaubasistunnel als Umfahrung der Südstadt, an dem ebenfalls schon seit Jahrzehnten herumgedacht wird. Der Tunnel ist frühestens zehn Jahre nach Baubeginn befahrbar, und begonnen ist noch nichts. Naser will weiterhin »Impulse« nach Berlin senden. Er ist 34 Jahre alt, angesichts langsam mahlender Mühlen wäre die Lebenszeit also nicht das Problem. (GEA)