TÜBINGEN. Wird sich die Ameisenart Tapinoma Magnum - in Italien heimisch, in Deutschland aber eine bisher eher unbekannte Art - im Zuge von Globalisierung und Klimawandel weiter ausbreiten? Können Tübinger die beiden bekannten Siedlungen der Ameise im Beethovenweg und im Burgholzweg erfolgreich eindämmen? Die Antworten auf diese Fragen sind offen. Das Beispiel der baden-württembergischen Grenzstadt Kehl zeigt allerdings, dass der Mensch wohl langfristig wird lernen müssen, mit den Ameisen zu leben. Was auch unproblematisch sein kann, zumindest zeitweise, wie das Beispiel des Burgholzwegs zeigt.
Dort wurde der Stadtverwaltung über den Online-Schadensmelder schon vor zwei Jahren mitgeteilt, dass dort eine ungewöhnliche Ameisenansammlung vorherrsche. Doch damals hatten die Unistädter die neue Ameisenart noch nicht auf dem Schirm. Mitarbeiter des Bauhofs schauten vorbei, bemerkten, dass das große Krabbeln nicht auf öffentlichem Raum stattfand - und zogen wieder ab. Erst zwei Jahre später, nachdem der Biologe Dr. Christian Wolff im Beethovenweg Alarm geschlagen hatte, wurde Tapinoma Magnum auch im Burgholzweg eindeutig identifiziert. An derselben Stelle, an der vor zwei Jahren bereits gewarnt wurde - weshalb die Verwaltung nun davon ausgeht, dass Tapinoma Magnum hier bereits seit diesem Zeitraum eingewandert ist.
Bislang kam es dadurch offenbar nicht zu Schäden an kritischer Infrastruktur, auch wenn einige Anwohner in ihren Vorgärten Ameisenköder ausgelegt haben. Denn Tapinoma Magnum hat die Angewohnheit, sich auszubreiten und Superkolonien zu schaffen - was sogar Probleme mit der Statik nach sich ziehen kann, wie in Kehl, wo ein Spielplatz abgebaggert werden musste, weil die Standsicherheit in Schieflage geraten war. Besiedeln die Ameisen im Rahmen ihrer Ausbreitung auch Stromverteilerkästen, kann dies zu Ausfällen bei der Strom- und Internetversorgung kommen, auch wenn die Ameisen diese Habitate nicht gezielt auswählen. Zudem werden heimische Ameisenarten von ihren aggressiveren Artgenossen verdrängt - kurzum: Tapinoma Magnum hat in Tübingen keine Freunde.
Schon seit der Entdeckung der Kolonie schütten Anwohner im Beethovenweg heißes Wasser aus Wasserkochern in die Bauten der Ameise, um deren Verbreitung einzudämmen. Doch das Wasser dringt kaum in die Tiefe vor, kühlt zugleich wohl zu schnell ab, bevor es den Nestern wirklich gefährlich werden kann. Nun bringt sich die Stadt ein - mit moderner Technik zur Schädlingsbekämpfung. Erstmals wurde nun im Burgholzweg eine Heißwasserdüse, einer Löschlanze der Feuerwehr nicht unähnlich, eingesetzt, um Tapinoma Magnum zu bekämpfen. Marco Stemmler, Gartenbauer aus Tübingen, hatte hierfür das nötige Spezialwerkzeug mitgebracht. Einen Anhänger, der das Wasser auf die nötige Temperatur bringt. Die städtischen Mitarbeiter steuerten eine Bohrmaschine bei, um der Heisswasserdüse, die etwa einen halben Meter tief in den Boden reichen kann, den Weg freizumachen.

Im Burgholzweg hat die Aktion nach kurzer Zeit einen durchschlagenden Erfolg: Als die Heisswasserdüse in ein neues Loch eingebracht wird, aus dem zuvor nach dem Bohren viele Ameisen herauswuselten, sprudeln plötzlich zahllose weiße Eier heraus - die Düse hat ins Nest getroffen. Minutenlang spült es immer wieder neue Eier an die Oberfläche. Am Ende bringt Stemmler an dieser Stelle noch einen Stärkeschaum auf, der die Hitzewirkung verlängern soll. Mit der Heisswasserlanze kümmert sich Stemmler sonst eher um die Eindämmung des Riesen-Bärenklaus, doch auch die Tapinoma-Magnum-Bekämpfung ist damit gut möglich. Der Hersteller der Heisswasserlanze, erzählt Stemmler, arbeitet bereits an einer neuen Lanze, die noch tiefer in den Boden eindringen soll.
Aktuell arbeitet sich die Ameise vor allem entlang der Gehwege und der Bordsteine vor, im Burgholzweg sind die Tiere auf mehr als 100 Metern länge zu finden. In diesem Bereich bohrt die Stadt jetzt Löcher in die Gehwege, um das kochend heiße Wasser einbringen zu können. In der Hoffnung, noch mehr Treffer in den Nestern der Kolonie zu landen. Im Burgholzweg arbeiten die Schädlingsbekämpfer auch in den Gärten - es ist ein Knochenjob, die Heisswasserdüse auch in Steingärten in den Boden zu treiben. Auf den Privatgrundstücken dürfte die Stadt indes nur ausnahmsweise tätig werden - eigentlich müssen die Anwohner hier selbst Schädlingsbekämpfer beauftragen. »Wir brauchen natürlich auch immer die Genehmigung der Eigentümer, um auf Privatgrundstücken tätig zu werden«, erklärt Ordnungsamtsleiter Lukas Haderlein, der im Burgholzweg auch selbst immer wieder zur Hilti griff. Eines scheint indes sicher: Tapinoma Magnum dürfte die Unistädter noch eine ganze Weile beschäftigen. (GEA)



