KUSTERDINGEN. »Was macht man mit so einer Straße, wenn weder Tempo 30 noch Schutzstreifen möglich sind?«, wollte Susanne Bailer wissen. Obwohl der Verkehrsminister des Landes seit Jahren grün ist, stehen nach wie vor die Autofahrer an erster Stelle in der Straßenverkehrsordnung, kritisierte die Mähringer Ortsvorsteherin. Das soll sich aber zumindest im Landkreis Tübingen jetzt ändern. Einen Überblick über das Radverkehrskonzept des Landkreises gab Johannes Untraut vom Tübinger Landratsamt am Mittwoch im Kusterdinger Gemeinderat.
Vor gut einem Jahr wurde das Konzept für die nächsten acht bis zehn Jahren im Kreistag verabschiedet. Es beinhaltet Orientierungs- und Handlungsrahmen für den Aufbau eines kreisweiten Netzes für den Alltags- und Freizeitverkehr auf zwei Rädern für zwölf Gemeinden. Die drei Großen Kreisstädte Tübingen, Mössingen und Rottenburg im Kreis haben ein eigenes Konzept. Ziel ist es, den Radverkehr zu erhöhen, um unter anderem zur Reduzierung der Treibhausgasemission beizutragen und Unfälle zu vermeiden.
Insgesamt 450 Schwachstellen weist das Konzept auf, die nach und nach behoben werden sollen, um die Nutzung der Wege auf dem Zweirad attraktiver zu machen. 70 Maßnahmen zur Verbesserung sind allein in Kusterdingen aufgeführt, deutlich mehr als in den Nachbargemeinden Kirchentellinsfurt (31) und Gomaringen (38). 13 dieser Maßnahmen sollen priorisiert umgesetzt werden. Zu den Verbesserungsverschlägen des Landkreises gehören Markierungen, Schutzstreifen, Fahrradstraßen, der Um- und Neubau von Radwegen und die Temporeduzierung für den Autoverkehr.
In diesem und im nächsten Jahr sollen unter anderem der Bau eines Radwegs zwischen Immenhausen und Mähringen (siehe Infokasten), Mittelinseln als Querungshilfen über die Kreisstraße K 6903 am Knoten zur B 28 in Jettenburg Richtung Tübingen sowie am Ortseingang Kusterdingen von Kirchentellinsfurt kommend realisiert und die Lücke beim Gewerbegebiet Helleräcker geschlossen werden.
Der Arbeitskreis Mobilität der Agendagruppe Klimaschutz auf den Härten hat sich ebenfalls Gedanken zu Verbesserungen gemacht. Er stellt fest, dass die Radwege von außerorts an den Ortseingängen häufig ohne Übergang in die Straße münden. Für Fahrradstraßen, deren mögliche Umsetzung insbesondere entlang der stark befahrenen Schinderklinge geprüft wird, erteilte Untraut dem Gemeinderat eine Absage: Nach derzeitigen Vorgaben sind die angedachten Flächen zu schmal. Da die Richtlinien im kommenden Jahr erneuert werden, gelten dann unter Umständen aber andere Regeln.
Auch den von der Gemeinde beantragten Schutzstreifen für Radfahrer in der Mähringer Bahnhofstraße wird es so nicht geben, bedauerte Untraut. »Wir sind sehr für Schutzstreifen, aber hier überwiegen die Nachteile durch parkende Autos und die Enge.« Man könne aber noch mal konkret über anderen Möglichkeiten sprechen, bot er der Ortsvorsteherin an. Untraut riet der Gemeinde außerdem, für 1 000 Euro im Jahr Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK) mit kompetenten Beratern zu werden. (ist)
ERSTE MASSNAHME IST BEREITS IN ARBEIT
Ausbau des Radwegs zwischen Immenhausen und Mähringen
Der geschotterte Feldweg zwischen Immenhausen und Mähringen wird zu einer offiziellen Verbindung ausgebaut. Damit soll eine der Lücken im Radwegenetz im Landkreis Tübingen geschlossen werden. Der neue, drei Meter breite Weg führt dann von Immenhausen aus entlang der Kreisstraße und dann über die Steinäckerstraße und die Steinstraße über eine Ampel direkt zum Schulgelände in Mähringen. Der Neubau des Radwegs kostet insgesamt gut 600 000 Euro, der Anteil der Gemeinde Kusterdingen beläuft sich auf 135 000 Euro. Die Gemeinde erhält dafür eine Förderung in Höhe von 72 000 Euro. Das Landratsamt Tübingen übernimmt die Abwicklung der Maß- nahme. (GEA)

