TÜBINGEN. Die durchschnittliche Verschuldung bei jugendlichen Ratsuchenden beträgt 7.200 Euro. Rat finden diese bei der Jugend-Schulden-Beratung Tübingen, die seit zehn Jahren Unterstützung bei finanziellen Schwierigkeiten leistet.
Im Gegensatz zu klassischen Beratungsangeboten versucht die Jugend-Schulden-Beratung, ein niederschwelliges Angebot zu leisten. Zu erreichen ist die Beratungsstelle beispielsweise auch über WhatsApp. »Am Anfang habe ich alle gesiezt«, erzählt der festangestellte Mitarbeiter Heiner Gutbrod. »Später habe ich gemerkt, dass wollen die Jugendlichen gar nicht.« Außerdem »rufen junge Menschen manchmal an und sagen, sie können morgen leider nicht zum Termin erscheinen, auch darauf sind wir eingestellt.«
Viele brechen Beratung ab
Typisch sind auch sogenannte Jojo-Übergänge, erklärt Gutbrod. Es gäbe nicht mehr den klassischen Weg über Schule, Arbeit, Ausziehen und Familie gründen. Stattdessen werden Jobs gekündigt oder Beziehungen beendet. Durchschnittlich dauert eine Beratung zwei Jahre, ein Drittel der Jugendlichen brechen die Beratung früher ab. »Die meisten bleiben aber länger als sie es sich vorgestellt haben«, erklärt Heiner Gutbrod.
Laut dem aktuellen Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Kreditreform ist die Gruppe der bis unter 30-Jährigen im Vergleich zum vergangenen Jahr als einzige angewachsen. Das könnte unter anderem an Unternehmen wie Klarna liegen, die ein sogenanntes »Buy now, pay later«, auf deutsch »Kaufe jetzt, zahle später«-Prinzip anbieten. Eine ratsuchende Person aus Tübingen hat so zum Beispiel rund 2.860 Euro Schulden bei Klarna aufgenommen.
»Wir haben es oft mit Seiltänzern zu tun«, sagt Berater Gutbrod. Einer seiner ersten Ratsuchenden hat sich zum Beispiel über Handyverträge und Online-Bestellungen verschuldet. Über einen Schuldenvergleich konnte Lukas Fischer dann innerhalb von 2 Jahren schuldenfrei werden. Heute ist Fischer Teamleiter eines Fahrradverleihs der Deutschen Bahn in Stuttgart, Familienvater und zahlt seinen neuen Kredit für das Haus ab. Ganz so glücklich verläuft es allerdings nicht immer, andere Ratsuchende kämpfen zum Beispiel noch lange gegen Schufa-Einträge an. »Anlässlich der EM bin ich gespannt, wie sich die Freigabe des Wettmarkts auf die jungen Spielsüchtigen auswirkt«, bemerkt Gutbrod.
Baustein der Sozialarbeit
Rund hundert junge Erwachsene fragen jedes Jahr bei der Beratungsstelle an, etwa die Hälfte fragt nach intensiver Beratung. Dadurch werde die Jugend-Schulden-Beratung Tübingen »ein unentbehrlicher und anerkannter Baustein der Tübinger Sozialarbeit«, stellt Hans-Ulrich Weth vom Vorstand des Vereins Verein für Schuldnerberatung fest.
»Man muss sicher auf festem Boden gehen können, ehe man mit dem Seiltanzen beginnt«, zitiert Weth. Deswegen wird der Verein vom Landkreis Tübingen und anderen Paten unterstützt. Nur so wird auch die Festanstellung für den Beraterposten möglich und es können kleine Überbrückungskredite ausgestellt werden. »Wäre ja peinlich, wenn die Jugend-Schulden-Beratung selbst in Verschuldung gerät.« (loze)

