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Schmerzliche Streichungen in Tübingen

Die Stadt Tübingen muss an vielen Stellen sparen. Davon stark betroffen ist auch das Tübinger Zimmertheater

Am Tisch von links nach rechts: der scheidende Zimmertheater-Geschäftsführer Roman Pertl, Kulturbürgermeisterin Dr. Gundula Schä
Am Tisch von links nach rechts: der scheidende Zimmertheater-Geschäftsführer Roman Pertl, Kulturbürgermeisterin Dr. Gundula Schäfer-Vogel, Moderator Prof. Dr. Claus Claussen, Jochen Gewecke vom Freundeskreis LTT, Dr. Karin Bürkert (Ludwig-Uhland Institut) und Paula Zimmermann (Jugendgemeinderat). FOTO: SCHERTLIN
Am Tisch von links nach rechts: der scheidende Zimmertheater-Geschäftsführer Roman Pertl, Kulturbürgermeisterin Dr. Gundula Schäfer-Vogel, Moderator Prof. Dr. Claus Claussen, Jochen Gewecke vom Freundeskreis LTT, Dr. Karin Bürkert (Ludwig-Uhland Institut) und Paula Zimmermann (Jugendgemeinderat). FOTO: SCHERTLIN

TÜBINGEN. In Zeiten klammer Kassen und nicht genehmigtem Haushalt setzt die Stadt an vielen Stellen den Rotstift an und muss schauen, wo gespart werden kann. Davon betroffen ist auch das Tübinger Zimmertheater. Der zugehörige Freundeskreis traf sich zu einem Perspektivengespräch unter dem Motto »Was ist uns Theater wert«?

Die Runde im Pop-Up-Store »Eckstein« in der Langen Gasse bestand aus dem scheidenden Geschäftsführer des Zimmertheaters Roman Pertl, Kulturbürgermeisterin Dr. Gundula Schäfer-Vogel, Jochen Gewecke vom Freundeskreis LTT, Dr. Karin Bürkert vom Ludwig-Uhland-Institut und Jugendgemeinderätin Paula Zimmermann. Professor Dr. Claus Claussen moderierte die Diskussion. Mit rund 40 Personen war der Raum gut gefüllt.

Brauchen wir das Theater?

Zur Vorgeschichte: Ende Februar hatte Peer Maria Ripberger vorzeitig seinen Posten als Intendant und Geschäftsführer des Zimmertheaters niedergelegt, ebenso wie Roman Pertl. Begründet wird dies mit den städtischen Sparauflagen für das Haus, welche 26 Prozent ab 2026 betragen. Pertl konstatierte »unüberbrückbare Differenzen zwischen Theaterleitung und Stadtverwaltung in der Bewertung der betriebswirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten« hinsichtlich des kommenden Jahres.

Moderator Claussen stellte dem Podium ob dieser schmerzlichen Streichungen zu Beginn die Frage: »Brauchen wir das Theater?«, was von Jugendgemeinderätin Zimmermann klar bejaht wurde. Sie schränkte jedoch ein, dass ihre damalige Schulklasse beim Besuch des Büchner-Stücks »Woyzeck« geteilter Meinung war. »Manche fanden es sehr gut, andere eher abstoßend. Ich denke, dass Theater auch für einige sehr weit weg ist. Es gehört aber dazu, so wie Kino oder Sportveranstaltungen.«

Jochen Gewecke betonte die Vorbildfunktion des Theaterspiels: »Wir sind alle kulturelle Wesen und das Theater kann zeigen und lehren, wie man auf der öffentlichen Bühne agieren und Verantwortung übernehmen kann.« Als Beispiel dafür nannte er die Reels, die Influencer in den sozialen Medien posten.

Dr. Karin Bürkert zählte zusammenfassend auf, welche wichtige Rolle das Theaterspiel und Theaterpädagogik haben: Unterhaltung, kulturelle Bildung, Hilfe bei der Persönlichkeitsentwicklung, Resilienz und wichtig für die Demokratie. »Theater sind Begegnungsorte. Subventionen sind nötig, jeder muss sich das leisten können.«

Zimmertheater-Geschäftsführer Pertl stellte fest, dass das »Publikumsverhalten sich vehement geändert« habe. Und weiter: »Wir sind als Arbeitgeber hochspezialisiert und auch wir haben Fachkräftemangel. Die Rahmenbedingungen sind wichtig. Um das alles, was genannt wurde leisten zu können, brauchen wir mehr Leute und mehr Geld. Eine Erhöhung der Ticketpreise wird uns nicht retten.«

Kulturbürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel verteidigte die Sparmaßnahmen: »Ich habe mich stark dafür gemacht, dass es im Kulturbereich keinen Kahlschlag gibt und mit Augenmaß gehandelt wird, also ein gerechtes Sparen.« Sie nannte auch eine Zahl: »Es gibt immerhin noch rund 800.000 Euro Zuschuss fürs Zimmertheater.«

Ehrenamt stark gefordert

In der Publikumsrunde wurde auf die Bedeutung der kleinen und freien Theatergruppen hingewiesen, die Möglichkeit der Nutzung von Synergieeffekten erwähnt und mehr Mäzenatentum von ansässigen Wirtschaftsbetrieben gefordert. Letztgenanntes unterstützte Claussen: »Als Universitäts- und Kulturstadt muss man den Bürgern etwas bieten.« Die Zukunftsprognose von Jochen Gewecke für das Theater ist düster: »Der Freundeskreis kann es nicht alleine schaffen und es wird in den nächsten Jahren viel Ehrenamt wegbrechen.« (uhl)