TÜBINGEN.. »Es ist eine Lüge, dass die Mafia mit den Gastarbeitern nach Deutschland kam«, empörte sich Alessandro Bellardita vor 60 Zuhörern in der Volkshochschule Tübingen. Richtig sei vielmehr, dass die Gastarbeiter wegen der Mafia nach Deutschland gekommen seien. Denn die Mafia sei ein wesentlicher Grund für die Armut in Süditalien. »Die Leute sagen immer, es gibt die Mafia wegen der Armut, aber es ist umgekehrt, es gibt die Armut wegen der Mafia«, so Bellardita. Als Beleg dafür zitierte er eine Studie, nach der der Bau von 100 Metern Straße in Süditalien das zehnfache wie in Frankreich und das 15-fache wie in Deutschland koste - wegen der Profite der kriminellen Organisation. Die Mafia schaffe ein zweites Gesetz und eine zweiten Staat neben dem eigentlichen Staat und behindere diesen in seiner Entwicklung, sagte Bellardita. Diese Gefahr drohe auch in Deutschland, wenn nichts gegen die kriminelle Organisation getan werde.
Die Mafiaorganisationen Camorra, Cosa Nostra, Stidda, Sacra Corona Unita und die mächtigste von allen, die 'Ndrangheta hätten sich die großen deutschen Städte »wie in eine Art Besatzungszonen« aufgeteilt, um sich nicht in die Quere zu kommen. Mannheim gehöre der Cosa Nostra, Stuttgart, aber auch Reutlingen und Tübingen, der 'Ndrangheta und als Richter in Karlsruhe habe er es dort vor allem mit der Camorra zu tun gehabt, erzählte Bellardita.
»Die Leute sagen immer, es gibt die Mafia wegen der Armut, aber es ist umgekehrt, es gibt die Armut wegen der Mafia«
Aus seiner persönlichen Erfahrung als Staatsanwalt und Richter erzählte er von einem Camorra-Mann, den er in Karlsruhe beobachten ließ. »Er sah aus wie ein DDR-Funktionär aus einer Geschichtsdoku über die 1980er-Jahre: Ein älterer Mann mit Kastenbrille und Bauansatz«, erzählte Bellardita. Dieser Mafiosi habe eine Leasingfirma mit drei Autos besessen und sei beobachtet worden, weil er mit dieser Leasingfirma viel zu hohe Umsätze gemacht hat. »In Wirklichkeit hat er investiert. In Rockergruppierungen und in die albanische Mafia«, erzählte Bellardita. Die Anekdote beschreibe das Verhältnisse der verschiedenen Mafia-Gruppierungen untereinander. Der Grund, warum vor allem die 'Ndrangheta 80 Prozent des internationalen Kokainhandels kontrolliere, sei ihre Verschwiegenheit. »Es gibt kaum hochkarätige Aussteiger aus der 'Ndrangheta, die bei der Polizei ausgepackt haben«, sagt Bellardita. Als dieser Mafiosi dann verhaftet worden sei - was aufgrund eines Haftbefehls aus Spanien geschah - habe ihm der Gefängnisdirektor erzählt, dass für den Mann nicht die üblichen Gefängnisregeln galten. »Jeder im Knast wusste sofort, wer dieser Mann war. Keiner hat ihn angerührt.«
Die Gründe, warum die Mafia nach Deutschland expandiert habe, seien einerseits ein Rückzugsort und andererseits Geldwäsche. Italien sei die Bekämpfung der Mafia vor allem durch zwei Gesetze gelungen. Zum einen habe man das Strafmaß für die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung an das Strafmaß für die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation angepasst. Man habe in Italien erkannt, dass die Mafia staatliche Strukturen in ähnlicher Weise gefährde, wie es die Linksterroristen der Roten Brigaden - das Pendant zur deutschen RAF - getan hätten. Zum anderen habe man in Italien die Beweislastumkehr bei der Beschlagnahme von kriminellen Vermögen eingeführt. Das habe dazu geführt, dass die Mafia in ein Land auswich, in dem die Gesetze weniger streng waren, also nach Deutschland.
Es gebe in Deutschland zwar den Straftatbestand der Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung - dieser sei jedoch im Mindeststrafmaß auf dem Niveau eines Ladendiebstahls angesiedelt. Deshalb lohne es sich für deutsche Staatsanwälte kaum die Mitgliedschaft in der italienischen Mafia anzuklagen, die ohnehin schwierig nachzuweisen sei. Bei der Bekämpfung der Geldwäsche gebe es zwar Fortschritte - immerhin könne man seit 2023 Immobilien in Deutschland nicht mehr mit Bargeld bezahlen - doch die Beweislastumkehr für verdächtiges Vermögen gebe es immer noch nicht.
»Sie können nicht 30 bis 40 Milliarden Euro im Jahr mit Eisdielen und Pizzerias waschen«
Laut Bellardita hätten die Deutschen immer noch ein völlig falsches Bild von der italienischen Mafia. Dieses sei geprägt von den Pate-Filmen- So gebe es in Deutschland kaum noch die klassische Schutzgelderpressung. "Das wurde zwar versucht, aber weil es in Deutschland zu wenig italienische Gastronomen gab, versuchten sie es bei Griechen und Türken und die liefen dann zu Polizei und zeigten sie an. Das Risiko lohnte sich nicht". Stattdessen gebe es eine "Schutzgelderpressung 2.0" die vor allem über die Abnahme von Lebensmitteln funktioniere. Dabei gehe es vor allem um Geldwäsche. "Bei Geldwäsche geht es nicht vor allem darum, Profit zu machen, ein gewisser Verlust kann einkalkuliert sein, um Drogengeld zu legalisieren", sagt Bellardita. Dabei verliere die Gastronomie für die Geldwäsche an Bedeutung. »Sie können nicht 30 bis 40 Milliarden Euro im Jahr mit Eisdielen und Pizzerias waschen«, erklärt Bellardita. Die moderne Geldwäsche laufe über Online-Casinos, den Handel mit Krypto-Währungen und Beratungsleistungen. "Mit einem Steuerberatungsbüro können Sie viel größere Summen waschen wie mit einer Pizzeria", sagte Bellardita.
Die Gefahr, die Deutschland durch die Mafia drohe, zeige sich daran, dass derzeit ein Polizist und ein Staatsanwalt wegen Geheimnisverrat an die Mafia im Gefängnis sitzen, sagt Bellardita. Ein Problem sei dabei der Föderalismus der deutschen Polizei Behörden. »Bei der Operation Eureka waren auf italienischer Seite zwei Behörden und auf deutscher Seite ganze elf Behörden zuständig«, so Bellardita. Jedes Mal, wenn in einer dieser deutschen Behörden jemand versetz werde, gehe Wissen verloren. Bellardita forderte deshalb - analog zum staatsgefährdenden Terrorismus - die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts für die Organisierte Kriminalität.

