Logo
Aktuell Gerichtsprozess

Prozess nach Entführung in Mössingen: Statt zur Schule zum Dealer gegangen

Die Tat schockiert: Am Beginn dieses Jahres sollen mehrere Jugendliche und junge Männer aus dem Raum Mössingen einen damals 16-Jährigen wegen angeblicher Schulden eingesperrt und regelrecht gefoltert haben. Nun wurde der Prozess vor dem Hechinger Landgericht fortgesetzt.

Die Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht Hechingen waren enorm, alle Besucher wurden kontrolliert und mussten sich ausweisen.
Die Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht Hechingen waren enorm, alle Besucher wurden kontrolliert und mussten sich ausweisen. Viele Angehörige der jungen Angeklagten waren gekommen, nicht alle erhielten einen Platz im Sitzungssaal. Foto: Alexander Thomys
Die Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht Hechingen waren enorm, alle Besucher wurden kontrolliert und mussten sich ausweisen. Viele Angehörige der jungen Angeklagten waren gekommen, nicht alle erhielten einen Platz im Sitzungssaal.
Foto: Alexander Thomys

HECHINGEN/MÖSSINGEN. Schon der Prozessauftakt machte Schlagzeilen. Wegen angeblicher Schulden aus Drogengeschäften sollen zu Beginn dieses Jahres mehrere Heranwachsende und junge Männer einen damals 16-Jährigen in Mössingen entführt, in einem Keller festgehalten und mit Schlägen und Todesdrohungen traktiert haben (wir berichteten). Nun wurde der Prozess vor dem Landgericht Hechingen fortgesetzt.

Dabei ging es zunächst um die Frage: Wer sind die jungen Männer, die sich - so die Staatsanwaltschaft - zu einem derartigen Gewaltexzess hinreißen ließen? Vor Gericht wurden zunächst die Berichte der Jugendgerichtshilfe verlesen, die Einblicke in die Lebenswelt der jungen Männer ermöglichten. Anschließend beantworteten die Angeklagten teils Nachfragen des Gerichts, verweigerten aber in vielen Fällen auch die Antwort, etwa wenn es um deren gewohnte Tagesabläufe oder den eigenen Drogenkonsum ging.

Viele Fragen bleiben ungeklärt

Auch woher einer der Männer Schulden in Höhe von rund 20.000 Euro habe, wollte der 18-Jährige vor Gericht lieber nicht beantworten. Geläutert gaben sie sich dagegen allesamt, was ihre Zukunftspläne angeht: Sie streben nach eigenem Bekunden Ausbildungen an, antworteten die Angeklagten unisono auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen von Richter Volker Schwarz, dem Vizepräsidenten des Landgerichts Hechingen. Auch von Schuldgefühlen und Scham berichteten die Angeklagten, einer absolvierte in der Justizvollzugsanstalt ein Gewaltpräventions- und Antiaggressionstraining. Alle Angeklagten sitzen derzeit in Untersuchungshaft.

Wie weit es mit der zur Schau gestellten Reue wirklich geht, das wissen wohl nur sie sieben Angeklagten selbst. Bemerkenswert war allerdings, dass sich die vier jüngsten Angeschuldigten allesamt gegen Gespräche mit den jugendpsychologischen Sachverständigen Dr. Michael Karle und Sebastian Sennock - beide sind in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Tübingen tätig - verwahrten. Die Sachverständigen wurden anschließend vom Vorsitzenden Richter entlassen. Zuvor hatten sie erklärt, dass es ihnen unmöglich sei, ein Gutachten zum Reifegrad der jungen Männer ohne deren Mitwirken zu erstellen. Schließlich müsste hierzu ein Kriterienkatalog beachtet werden, der mehrstündige Gespräche erfordern würde, hatte Dr. Karle zuvor erläutert.

Lieber zocken und chillen

Gemeinsam ist den allermeisten Angeklagten, die zum Tatzeitpunkt zwischen 16 und 19 Jahre alt waren, eine vollkommen verkorkste Bildungsgeschichte. Den Realschulabschluss erreichte nur einer der sieben Angeklagten, viele verließen die Schule ohne jeden Abschluss. Er habe »in den Tag hineingelebt«, berichtet einer der Angeklagten, die Schule habe er ab der siebten Klasse »nicht mehr regelmäßig« besucht. Und stattdessen Cannabis konsumiert - einer gab an, schon als Zwölfjähriger zum Joint gegriffen zu haben. Ein 19-Jähriger berichtet, er habe die neunte Klasse wiederholen müssen. Da er den Stoff schon kannte, sei er »eigentlich nur zu den Klassenarbeiten« in die Schule gegangen.

»Zocken und chillen« stand dagegen auf dem Programm, auch später habe er »kein Interesse an einer Ausbildung« gehabt und vielmehr »den Alkoholkonsum massiv gesteigert«. Ein junger Mann, 2006 in Rumänien geboren, brachte es immerhin bis zur Mittleren Reife. Einen Ausbildungsplatz fand er dagegen nicht - stattdessen verbrachte der Heranwachsende seine Zeit mit Thaiboxen, Besuchen im Fitnessstudio und einem veritablen Betäubungsmittelkonsum: Alkohol, Medikamente, »Badesalze« und ähnliches konsumierte der junge Mann, der nach eigenen Angaben schon als Zwölfjähriger mit dem Kiffen begann.

Elf weitere Verhandlungstage geplant

Bemerkenswert ist: Die Angeklagten stammen teils aus Großfamilien, in denen viele Geschwister achtbare Karrieren hingelegt haben - bis hin zum Studium der Betriebswirtschaftslehre. »Keine Erklärung« hatte einer der Angeklagten auf die Frage, weshalb ausgerechnet er derart ins Nichtstun und den Drogenkonsum abgedriftet sei. Er habe einfach »keine Lust zu Lernen« gehabt, sagte der junge Mann und ergänzte: »Ich habe große Schuldgefühle, wie mein Leben bisher gelaufen ist.«

Mit den Aussagen zur Person der Angeklagten schloss Richter Schwarz die öffentliche Sitzung, nichtöffentlich diskutierte die Kammer anschließend mit der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern über mögliche Verfahrensabsprachen, um den Mammutprozess - weitere elf Fortsetzungstermine sind bereits terminiert - eventuell mit Geständnissen zu verkürzen. Eine erste Gesprächsrunde am Vormittag hatte »zu keinerlei Ergebnissen geführt«, hatte Richter Schwarz am Nachmittag verkündet. Der Prozess wird am 18. November fortgesetzt. (GEA)