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Preis für Gomaringer Jugendhaus und Mössinger Mühlegärtle

Im Wettbewerb »Beispielhaftes Bauen im Landkreis Tübingen« zeichneten die Architektenkammer und das Landratsamt 23 Projekte aus. Eingegangen waren 101 Arbeiten

Das Gomaringer Jugendhaus mit Funpark wurde von der Architektenkammer ausgezeichnet.
Das Gomaringer Jugendhaus mit Funpark wurde von der Architektenkammer ausgezeichnet. Foto: Jens Kramer
Das Gomaringer Jugendhaus mit Funpark wurde von der Architektenkammer ausgezeichnet.
Foto: Jens Kramer

KREIS TÜBINGEN. Der Architektur entkommt man nicht. Ist sie gut, dann schafft sie Lebensqualität. »Sie zieht sich durch alle Lebensbereiche, umgibt uns wie eine zweite Haut«, sagt die Geschäftsführerin der Architektenkammer Baden-Württemberg, Carmen Mundorff. Im Landkreis Tübingen ist es einigen Architekten gelungen, eine überaus passende Haut für die unterschiedlichen Lebensbereiche zu entwerfen. Von der Architektenkammer und dem Landratsamt ausgezeichnet wurden unter anderem das Gomaringer Jugendhaus, das Mössinger Mühlegärtle und der Tübinger Europaplatz.

Den Wettbewerb »Beispielhaftes Bauen im Landkreis Tübingen« gibt es seit über 40 Jahren. 105 Arbeiten aus den Jahren 2017 bis 2025 wurden eingereicht. Davon kamen 35 Arbeiten in die engere Wahl. In zwei schweißtreibenden Tagen im Juli durchquerte die sechsköpfige Jury den Landkreis und sah sich die Objekte direkt vor Ort an. Was sie zu sehen bekamen, begeisterte immer wieder, berichtete Kunsthistoriker Ernst Seidl, Direktor des Museums der Uni Tübingen und Sprecher der Jury. Ausgezeichnet wurden am Ende 23 Arbeiten. Am 12. November werden Bauherren und Architekten mit Urkunden und Plaketten im Landratsamt Tübingen gewürdigt.

Mit wenig Mitteln viel erreicht: das Mössinger Mühlengärtle wurde ausgezeichnet
Mit wenig Mitteln viel erreicht: das Mössinger Mühlengärtle wurde ausgezeichnet Foto: Jürgen Meyer
Mit wenig Mitteln viel erreicht: das Mössinger Mühlengärtle wurde ausgezeichnet
Foto: Jürgen Meyer

Bewertet wurden die Gebäude, Landschaftsanlagen und städtebaulichen Projekte unter verschiedenen Gesichtspunkten: die äußere Gestaltung, die Zuordnung der Räume und ihre Zweckmäßigkeit, die Angemessenheit der Mittel und Materialien und der Umgang mit dem städtebaulichen Kontext und der Umwelt. Die Entscheidung, was gute Architektur ausmacht, habe sich dabei in den vergangenen 40 Jahren deutlich verändert, berichtet Dr. Heinrich Giese, Architekt und Vorsitzender der Tübinger Kammergruppe. Während in den 80er Jahren noch Stararchitekten mit ihren Bauten Zeichen setzten, haben heute soziale und ökologische Kriterien deutlich an Gewicht gewonnen.

Das ist an der Auswahl der ausgezeichneten Arbeiten deutlich zu spüren. So hat die sechs Juroren das Grundkonzept für das Gomaringer Jugendhaus überzeugt. Für Jugendliche sei in der Coronazeit sehr wenig getan worden, sagt Seidl. Die Gomaringer haben das wieder wettgemacht. Dabei füge sich das Haus perfekt in die Umgebung ein. Das Gebäude sei auf kleiner Fläche gebaut, erlaube aber viele Nutzungen. Die Besucher danken es. Das Haus samt Funpark werde sehr gut angenommen, erzählen Seidl und Mundorff. Die Skateranlage war jedenfalls voll, als die Juroren vorbeikamen.

Begeistert hat die Fachleute auch das Mössinger Mühlegärtle. »Hier wurde mit sehr geringen Mitteln unglaublich viel gemacht«, sagt Seidl. Eine kleine Brücke, große Bäume, große Trittsteine und Bachzugänge, Staudenflächen machen das Mühlegärtle zum idealen Rückzugsort für heiße Tage. Entwickelt wurde die Anlage mit der Bürgerschaft zusammen. Das kleine Mössinger Idyll wird ebenfalls rege genutzt. Davon konnten sich die Juroren bei ihrer Fahrt überzeugen.

Im Tübinger Regal leben Flüchtlinge und Studenten gemeinsam unter einem Dach.
Im Tübinger Regal leben Flüchtlinge und Studenten gemeinsam unter einem Dach. Foto: Laurian Ghinitoiu
Im Tübinger Regal leben Flüchtlinge und Studenten gemeinsam unter einem Dach.
Foto: Laurian Ghinitoiu

Dass auch Gebäude der Kreisbau ausgezeichnet wurden, freute Landrat Joachim Walter ganz besonders. Schließlich sitzt er im Aufsichtsrat der Baugesellschaft. Der Bau, der sich nun mit der Plakette schmücken darf, ist sehr besonders: Mit dem Tübinger Regal wurde Wohnraum für Studenten und Geflüchtete geschaffen. Es war ein Experiment, von dem niemand zu Beginn wusste, wie es wohl ausgehen wird. Gebaut wurde das Mehrfamilienwohnhaus auf der Tübinger Wanne mit gebrauchten Lehmziegeln. Laubengänge ermöglichen Begegnungen zwischen den Bewohnern. Das Konzept ging auf. Das Gebäude sehe auch nach sechs Jahren immer noch aus wie am ersten Tag, sagt Mundorff. Architektur ermöglicht hier Integration. Damit ist das Tübinger Regal weitaus mehr als eine reine Unterbringung von Flüchtlingen, sagt Walter.

Besonders gefreut hat sich Seidl über die Umgestaltung des Europaplatzes. 20 Jahre sei er mit dem Zug in die Unistadt gependelt. »Immer wenn ich ausgestiegen bin, hatte ich mit einem Depressionsschub zu kämpfen«, sagt der Kunsthistoriker und spielt damit auf den vormals tristen grauen Busbahnhof mit Bahnunterführung an. Das ist vorbei. Aus dem viel geschmähten Europaplatz wurde ein schöner Tübinger Ort mit Aufenthaltsqualität, der rege genutzt wird. »Das zu schaffen, ist höchste Kunst«, loben Mundorff und Seidl.