TÜBINGEN. Nach Schätzungen des Bundesverbands der Pflege- und Adoptivfamilien (pfad-bv) fehlen jedes Jahr bundesweit rund 4.000 neue Pflegeeltern. Für die jeweiligen Kinder und Jugendlichen ist das oft eine katastrophale Situation, denn: »Die Unterbringung in einer Pflegefamilie erfolgt nicht selten aus einer Gefährdungssituation heraus«, sagte Barbara Brüchert als Leiterin des Bereichs Jugend und Bildung beim Paritätischen Baden-Württemberg beim Pressegespräch in der Tübinger Jugendhilfe-Einrichtung kit.
Kinder, die in einer Pflegefamilie untergebracht werden sollen, sind laut Brüchert »häufig stark verunsichert, sie zeigen psychische Verhaltensauffälligkeiten und Bindungsstörungen«. Regina kann mit ihren 19 Jahren ein Lied davon singen: Sie kam schon im Alter von sieben Monaten in die Familie von Andrea Leitgeb, die damals selbst schon vier eigene Kinder hatte, darunter die 23-jährige Lara.
Mit vielen Schwierigkeiten und Herausforderungen
»Ich kenne mich mit mir selbst ganz gut aus«, sagte Regina. Im Gespräch erwies sich die junge Frau als extrem reflektiert, sagte auf die Frage, ob sie selbst mal Pflegekinder aufnehmen würde: »Ich bin noch ziemlich jung, weiß aber nicht, ob ich die Nerven aufbringen würde, die dafür notwendig wären.« Ihre Pflegemutter sei für sie aber immer »der Fels in der Brandung« gewesen.
Gezofft haben sie sich in der Familie dennoch immer wieder. Davon berichtete auch Andrea Leitgeb als studierte Sozialpädagogin und seit 30 Jahren Pflegemutter. Sie stand als Familie drei Jahrzehnte lang mit ihren Kindern, ihrem Mann und den jeweiligen Pflegekindern »in der Öffentlichkeit«: Das Jugendamt hatte immer ein Auge auf die Familie, der Fachdienst der kit-Jugendhilfe war stets zur Stelle, hat beraten, unterstützt, gefördert.
Aber Leitgeb hat sich auch der Wut, den Aggressionen der Pflegekinder ausgesetzt, den Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sie mit sich bringen. Regina war nicht das einzige Pflegekind. Es gebe schon einen Unterschied zu den eigenen, leiblichen Kindern – was sich im Kindergarten, in der Schule, beim Arzt und an anderen Orten immer wieder zeigt. Regina sagte etwa: »Wenn mich der Arzt nach Vorerkrankungen in meiner Familie fragt, dann weiß ich oft nichts darüber.«
Warum tust du dir das an, werde Andrea Leitgeb immer wieder gefragt. Sie habe sich ja nicht nur mit den Problemen und Schwierigkeiten in der Herkunftsfamilie der Pflegekinder beschäftigt, sondern auch mit den eigenen »blinden Flecken«. Die eigenen Probleme, Herausforderungen, das gesamte Umfeld werden ja auch von kit (und obendrein vom Jugendamt) überprüft, bevor eine Pflegefamilie überhaupt ein Kind aufnehmen kann.
Man müsse sich schon daran gewöhnen, derart durchleuchtet zu werden, sagte Leitgeb. »Das sind ja intime Prozesse, die da geprüft werden.« Und Wera Thomßen von der kit-Jugendhilfe betont: »Es braucht Standfestigkeit für diese Tätigkeit, das macht man nicht einfach so.« Um die 200 Anfragen nach Pflegestellen für Kinder und Jugendliche hatte kit im vergangenen Jahr aus dem gesamten Bundesgebiet. »Dabei konnten wir nur ein Kind vermitteln«, so Thomßen. Das zeige eindeutig, wie dringend Pflegefamilien benötigt werden.
Quasi als Entgelt erhalten Pflegefamilien 430 Euro pro Monat für ein Pflegekind. Hinzu kommen für Sonderaufwand wie Kleidung, Ernährung und Sonstiges zwischen 748 und 1.050 Euro monatlich. Der Pflegesatz kann bis zum Vierfachen erhöht werden, wenn – wie im Fall von Andrea Leitgeb – mindestens ein Elternteil eine fachliche Qualifikation mitbringt. Dennoch müssten »Pflegefamilien noch besser unterstützt werden«, so Barbara Brüchert. Denn: Für Versicherungen und Altersvorsorge etwa müssten die Pflegeeltern zumeist selbst sorgen.
Warum Andrea Leitgeb trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen auch nach 30 Jahren noch für ihre Tätigkeit »brennt«? Sie zieht die Schultern hoch, »ich habe schon immer Kinder geliebt«, sagte sie. Und wenn sie mit ihren leiblichen Kindern und mit dem 19-jährigen Pflegekind Regina das Ergebnis sieht, dann habe sie als Mutter nicht alles falsch gemacht. Mit der kit-Jugendhilfe habe sie aber auch immer den Fachdienst im Hintergrund, der bei Problemen zur Seite steht. (GEA)

