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Ortscheck Kusterdingen: Von Adeligen und »Auweldern«

Auf den Härten hat’s etliche Besonderheiten: fünf Wappen, einen jüdischen Friedhof und etwas, das Jazzmusiker zu fesseln scheint

Altes Geschirr im Klosterhof.  FOTO: STURM
Altes Geschirr im Klosterhof. FOTO: STURM
Altes Geschirr im Klosterhof. FOTO: STURM

KUSTERDINGEN. Fünf Teilorte bilden die Gesamtgemeinde Kusterdingen, die auf einer Hochebene, den »Härten«, über dem Neckar- und dem Echaztal liegt. Neben ihrer besonderen Lage zwischen Tübingen und Reutlingen hat die über 8 600 Einwohner zählende Gemeinde einige Besonderheiten zu bieten.Wappen. Kusterdingen gehört zu den drei Gemeinden in Baden-Württemberg, die kein eigenes Wappen haben. Jeder der fünf Teilorte auf den Härten hat nach der Eingemeindung 1975 sein eigenes Wappen behalten. Ein einheitliches Emblem stand zwar immer wieder zur Diskussion, und auch der Geschichtsverein Härten hat sich bereits einige Male damit befasst, es ist in der Bevölkerung aber nicht gewünscht.

Heimatmuseen. In Wankheim, In der Kerf 42, haben Inge und Walter Bauer die Heimatstuben eingerichtet. Seit Jahrzehnten sammelt das Paar Alltagsgegenstände, die früher zum Waschen, Kochen, Bügeln oder Nähen, zum Pflügen und zur Flachserzeugung gebraucht wurden. Der Kern der Sammlung sind 50 Trachtenpuppen. Im Bürger- und Kulturhaus beim Klosterhof in Kusterdingen, Tübinger Straße 5-7, informiert ein kleines Museum über das bäuerliche Leben im 19.  Jahrhundert in Kusterdingen. Matthias Bader betreibt in der Scheune seines Elternhauses in Jettenburg mit dem Höfle ebenfalls ein Heimatmuseum. Und auch in Mähringen gibt es eine umfangreiche Sammlung von Alltagsgegenständen früherer Generationen: Walter Riehle hat sie über Jahrzehnte zusammengetragen und füllt mittlerweile zwei Scheunen in der Neckar-Alb-Straße. Alle Museen bis auf den Klosterhof sind privat und nur sporadisch sowie auf Anfrage geöffnet.

Jüdischer Friedhof. Auf Wankheimer Gemarkung befindet sich ein jüdischer Friedhof. Er wurde 1774 von der jüdischen Gemeinde in Wankheim begründet und ist der älteste der drei jüdischen Friedhöfe in den Landkreisen Tübingen und Reutlingen. 137 Grabsteine sind erhalten. Das älteste Grab stammt von 1788. Obwohl die Wankheimer Juden im späten 19. Jahrhundert nach Tübingen und Reutlingen zogen, nutzten sie den Friedhof weiter. Weil das Kulturdenkmal zu verfallen droht, wird es jetzt saniert. Eigentümerin ist heute die israelitische Kultusvereinigung Württemberg.

Elf Jazzprofis in einer Gemeinde: Einige standen im Klosterhof auf der Bühne.  FOTO: SPIESS
Elf Jazzprofis in einer Gemeinde: Einige standen im Klosterhof auf der Bühne. FOTO: SPIESS
Elf Jazzprofis in einer Gemeinde: Einige standen im Klosterhof auf der Bühne. FOTO: SPIESS

Die Toskana vor der Haustür. Über die Alpen nach Italien? Mit Auto oder Flugzeug? Nicht nötig. Die Kusterdinger können ihre Toskana bei einem Spaziergang erleben. Westlich von Wankheim lockt ein erhebender Rundumblick von der Burg Teck über den Roßberg und den Dreifürstenstein, das Steinlachtal hoch bis zum Hohenzollern. Mitten durch die Härten-Toskana verläuft der Hauptwanderweg 5. Wer zu Fuß vom Nordrand des Schwarzwaldes bis ins Allgäu gehen möchte, kommt hier durch. Und der erste Kusterdinger Rundwanderweg führt natürlich auch hier entlang. Manche Nachbarn finden die Bezeichnung Toskana für die schöne Ecke zwar übertrieben, müssen aber zugeben, dass man dort schöne Ausblicke hat.

Noch vor den Pyramiden. In Kusterdingen trafen schon die ersten Siedler ein, da hatte Pharao Cheops in Ägypten seine Pyramide noch nicht gebaut. Um 3000 vor Christus existierte auf der Hohen Mark ein Bandkeramikerdorf. 1 000 Jahre später muss es auch eins in Wankheim gegeben haben. Bei Mähringen wird eine römische Ansiedlung vermutet (etwa 50 vor bis 250 nach Christus). In Jettenburg wurden Grabhügel aus der Hallstattzeit von 800 bis 500 vor Christus gefunden. In Immenhausen hat man Reihengräber aus dem siebten Jahrhundert entdeckt mit Schwertern und Lanzenspitzen, geht aber davon aus, dass erste Siedler auch schon um 3000 vor Christus auftauchten.

Vor 900 Jahren. Für Feiern heute ist entscheidend, wann ein Ort zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde. Für das Dorf Kusterdingen ist das nicht ganz eindeutig. Schließlich beschloss man, 2008 die 900-Jahr-Feier auszurichten. In Wankheim wurden die 900 Jahre seit der ersten Erwähnung 2011 gefeiert.

Adeliges »von«. Härten-Bewohner kommen aus Kusterdingen, aus Jettenburg, aus Mähringen und aus Immenhausen – aber von Wankheim. Klingt adelig? Ist es auch im Ursprung. Im Jahr 1111 wird ein »Hartnidus de Wancheim« aufgeführt. Wo genau die Burg gestanden haben mag, ist nicht klar, aber nordwestlich des Ortes findet sich immerhin der Flurname Burgstall – was ein ernstzunehmender Hinweis sein könnte. Während viel später alle anderen Härtendörfer württembergisch wurden, galt im Rittergut anderes Recht. Die Bürger mussten andere Steuern entrichten. Die Soldaten gehörten zu einem anderen Aufgebot. Erst Napoleon macht der Zersplitterung in kleine und kleinste Territorien ein Ende.

Einmalige Jazzdichte. Keine andere Gemeinde dieser Größenordnung kann mit solch einer hohen Dichte an professionellen Jazzmusikern aufwarten. Eine Zählung vor Kurzem ergab elf: Dörte Pape (Gesang), Rudolf Mauz (Klarinette), Patrick Bebelaar (Piano), Albert Mayer-Mikosch, Lothar Schmitz und Phillipp Tress (alle Gitarre), Paul Müller, Horst Götz, Fritz Feger und Axel Kühn (alle Bass) und Walter Stegmaier (Schlagzeug). Mit Patrick Bebelaar, Lothar Schmitz und Axel Kühn leben sogar drei Jazzpreisträger des Landes Baden-Württemberg auf den Härten.

Am Neckar. Auch wenn das für manchen Bewohner oben auf den Härten ungewohnt klingen mag: Kusterdingen liegt am Neckar. Der Abschnitt des Neckartal-Radweges zwischen Tübingen und Kirchentellinsfurt führt über Kusterdinger Gemarkung.

Schutzgebiet mit Bahn-Anschluss. Unterhalb des Kusterdinger Hangwaldes liegt im Neckartal das zwölf Hektar große Naturschutzgebiet Blaulach. Vermutlich das einzige Schutzgebiet mit Bahn-Anschluss, denn die Gleise der Strecke von Tübingen nach Kirchentellinsfurt führen mitten durch diesen letzten erhaltenen ehemaligen Altarm des Neckars.

 

Wo die »Auwelder« leben. Dialekt-Forscher haben Ende der 1960er-Jahre die Härten-Bewohner als Objekt der Wissenschaft entdeckt und Sprachaufnahmen gemacht. Der Erste, der redete wie ein waschechter Kusterdinger, als ihn die Forscher befragten, stammte ursprünglich aus der Ukraine. Die ersten Vokabeln, die man Onophrius Dumendiak auf den Härten beigebracht hatte, als er dort Arbeit bekam, waren: »Guck, so!« Die Sprachforscher beschrieben die Kusterdinger als »weltoffen und freundlich zu Fremden«. Der Maulwurf hieß hier Auwelder. Zur Begrüßung sagte man nicht etwa »Grüß Gott«, sondern kleidete dies in Frageform: »So – bischd au dô?« oder »So – bischd drhoim?«

 

ORTSCHECK ONLINE

Auf der GEA-Internetseite gibt es alle Beiträge zum Ortscheck zum Nachlesen sowie ein Video. (GEA)

www.gea.de/themen/ortscheck+2020 www.gea.de/videos