OFTERDINGEN. Dem Ofterdinger Markungs-Spaziergang am Sonntag, organisiert von der örtlichen Sektion des Albvereins, schickte der Ortschroniker Werner Gimmel voraus, es gehe an diesem Tag um »Dinge der Zukunft und der Vergangenheit.« Nicht ganz 70 Menschen spazierten mit. Es ging über den Endelsberg und um den Friedhofsberg herum. Werner Gimmel hatte an jeder Station historische Daten und Anekdoten parat.
Manfred Lutz, Vorsitzender des Ofterdinger Albvereins, war schon vor Beginn höchst zufrieden: »Werner Gimmel hat eine super Route ausgesucht!« Der ersten Station ging ein für manche mittlerweile anspruchsvoller Anstieg voraus. Die Gruppe stieg den Endelberg hinauf. Erste Station: Das Gewann »Auf Stetten« auf halber Höhe, hergeleitet von »auf den Stätten« – die Gegend war früher besiedelt.
Von hier aus bot sich ein wunderbarer Überblick über den Ort. Am Fuß des Endelbergs zieht sich heute das Industriegebiet entlang. Es liegt im früheren Schwemmland der Steinlach, das sich, bis zur Säge, durch den ganzen Ort zieht. Früher habe es im ganzen Gebiet tatsächlich ziemlich viele Steine gegeben, so Gimmel. Dazu befindet sich das Gebiet über einer Schicht aus Ölschiefer. Daher seien die Äcker, die hier früher angelegt wurden, nicht gut gewesen.
Wasserhäusle früher Ziel von Schulausflügen
Ein Blick hinüber zum Friedhofsberg, die höhere der beiden benachbarten Erhebungen. Der ursprüngliche Name des Endelbergs war "Minderberg" – über die Jahrhunderte wurde dieser Ausdruck immer mehr verballhornt, bis die heutige Bezeichnung von Amts wegen festgehalten wurde. Oben auf dem Endelberg thront das Wasserhäusle. "Vor ungefähr 60 Jahren haben wir einen Schulausflug hier hoch gemacht, "erinnerte sich Edith Keck. Seither war ich nicht mehr hier."
So dürfte es den meisten Teilnehmern des Spaziergangs ergangen sein. Das Gelände des Wasserhäusles, noch immer umzäunt, war einige Jahre für die Öffentlichkeit nicht erreichbar. Auch weil sich fast undurchdringliches Dickicht gebildet hatte. Werner Gimmel hatte früher in der Woche einen Labyrinth-artigen Weg hindurchgefräst. Später sollte sich herausstellen, dass er dabei seine Brille verloren hatte – die nun von einem Teilnehmer gefunden wurde.
Die Legende vom verschwunden Geldpäckchen
Oben angekommen ließ Pauline Leibold die nachfolgenden Spaziergänger wissen: »‘S dürfet net älle nuff, sonst kracht der Deckel raa!« Einige der Nachzügler werden daher aus akustischen Gründen nicht in den Genuss einer Anekdote aus den frühen 1950er Jahren gekommen sein, die sich um eine Justizposse und bösen Blamage für die örtliche Polizei drehte.
Damals ging bei der Firma Jakob Schmid und Söhne ein Erpresserbrief mit Geldforderung ein. Das Geld sollte am Wasserhäusle deponiert werden. In der ganzen Gegend waren Beamte. Drei lauerten oben auf dem Wasserhäusle. Sie überwachten Fäden, welche zum Geldpaket führten. Irgendwann zogen sie an den Fäden – das Paket war weg. »Niemand verlor Geld«, erinnerte sich Gimmel, »im Päckchen befanden sich lediglich Papierschnitzel.« Der Erpresser wurde nie gefunden.
Endelbergtrasse würde die Landschaft durchschneiden
An der Ost- und Nordseite des Friedhofsbergs würde die neu zu bauende »Endelbergtrasse« der B 27 vorbeiführen, wenn es denn zu einer Umfahrung Ofterdingens käme. Die Böden dort seien nicht besonders wertvoll, andererseits würden einzelne Besitzer viel an Landfläche verlieren, bei zu wenig an Kompensation. Gimmel gab zu bedenken: »Die Bevölkerung wächst stetig. Wir fressen unsere Landschaft.«
Am Ende spazierte die Gruppe durch den Ofterdinger Friedhof, nicht nur um Olaf zu begrüßen, den Pfau, der im Februar dieses Jahres hier sein Domizil aufschlug und seither von manchen als lebendes Markenzeichen dieser parkähnlichen, weitläufigen Anlage angesehen wird. Dort oben stand einst die frühere Kirche Ofterdingens, die 1567 abgebrochen wurde.
1522 wurde unten im Ort die neue evangelische Kirche eingeweiht, wenige Jahre nach der Reformation, die der württembergische Herzog Ulrich seinen Untertanen, also auch den Ofterdingern verordnete. Die alte Kirche war dem Heiligen Mauritius gewidmet, der Sage zufolge ein römischer Zenturio, der sich nach der Alpenüberquerung der Römer bei Sankt Moritz (!) geweigert haben soll, sich an der Erschlagung von Christen zu beteiligen. (GEA)

