TÜBINGEN. Es war ein Mammut-Projekt, an dem Vertreter vieler wissenschaftlicher Disziplinen der Uni Tübingen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in Hannover beteiligt waren: Kriminologen, Rechtswissenschaftler, Soziologen und Psychologen haben sich zusammen dem Themenkomplex »Femizid« genähert und ihre Ergebnisse der Studie »Femizide in Deutschland« der Öffentlichkeit präsentiert.
Femizid, das bedeutet landläufig: Der Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Doch reicht diese Umschreibung, um den Tatsachen gerecht zu werden? »Bislang hat sich die Wissenschaft in Deutschland kaum mit dem Begriff beschäftigt«, erklärte der Tübinger Professor und Kriminologie Jörg Kinzig, einer der drei Leiter der Studie. Ihm und seinem Hannoveraner Kollegen Tillmann Bartsch war während der Corona-Zeit aufgefallen, dass der Femizid durch die Medien geisterte - allerdings ohne eine einheitliche und klare Definition.
50.000 Seiten Akten gewälzt
Um Licht ins Dunkeln eines häufig missverstandenen und falsch gebrauchten Begriff zu bringen, haben Kinzig und seine Kollegen bergeweise Akten - insgesamt über 50.000 Seiten - gewälzt und Urteile zu 292 Fällen bearbeitet, bei denen es mindestens ein weibliches Opfer gab. Dabei wurden versuchte und vollendete Tötungsdelikte an Frauen in fünf Bundesländern in die Untersuchung mit einbezogen, die sich 2017 ereignet haben. Das entspricht rund einem Drittel aller in Deutschland registrierten Taten in diesem Bereich und in diesem Jahr.
Doch was ist das denn nun genau, ein Femizid? Die Tübinger Soziologin Sabine Maier erklärte: »Wir haben uns bemüht, eine dezidiert kriminologische Definition des Begriffs beizusteuern. Wir verstehen Femizide als geschlechtsbezogene Tötungsdelikte an weiblichen Personen.« Damit spiele das Geschlecht bei der Tat eine Rolle und die Tat stehe in einem Zusammenhang mit einer sexistischen Diskriminierung von Frauen.
Aber die Wissenschaftler gehen noch weiter und unterscheiden zwischen einer weit und einer eng gefassten Definition. »Beim weiten Begriff sind nachweislich Frauen überproportional betroffen oder die Delikte sind besonders stark durch Geschlechterrollen geprägt«, so Maier. Dazu gehören Tötungen im Kontext von heterosexuellen Paarbeziehungen oder Sexarbeit, aber auch solche, bei denen sich Kinder und Enkel gegen die eigene Mutter oder Oma wenden. »Der enge Begriff versucht hingegen zu erfassen, ob auch in der konkreten Motivation des Täters Sexismus zu finden war.« Beispiele dafür sind Bestrafungen und Racheaktionen durch den Täter - weil die Frau aus dessen Sicht gegen ihre Geschlechterrolle verstoßen hat.
In vier von fünf Fällen ging eine Beziehung voraus
Auf die 292 Fälle angewendet kam heraus, dass 197 davon tatsächlich versuchte oder vollendete Tötungsdelikte an Frauen waren. Davon waren »gut zwei Drittel der Frauentötungen bei unserer Stichprobe Femizide in einem weiten Sinne«, sagte die Soziologin - insgesamt 133. Im engeren Sinne - also dort, wo eine sexistische Motivation nachgewiesen werden konnte - waren es 74 Fälle.
Und mit Abstand am häufigsten töteten die Partner aus einer Beziehung heraus, nämlich bei 108 der 133 Fälle, was 81 Prozent aller so definierten Femizide entspricht. »Oft, weil die Frau sich trennen wollte, schon getrennt hatte oder vermeintlich untreu war«, präzisierte Maier. Natürlich gebe es Unterschiede in den Einzelfällen, aber die grundlegende Dynamik sei fast immer dieselbe: Die Männer reagieren mit »krasser Gewalt« darauf, dass sich ihre Partnerinnen nicht ihren Wünschen und Vorstellungen fügen. Bei rund 90 Prozent der Tötungen innerhalb der Partnerschaft habe es zudem bereits Gewalt in der Beziehung gegeben, ehe es zum Verbrechen kam.
Fallgruppe der Ehrenmorde ist verschwindend gering
Doch auch außerhalb von Partnerschaften lassen sich Femizide nachweisen. Zehn Fälle haben die Wissenschaftler gezählt, bei denen Mütter oder Großmütter von ihren Kindern oder Enkeln angegriffen wurden. »Interessant ist, dass das die einzige Fallgruppe ist, in der wir auch Täterinnen gefunden haben«, erklärte Paulina Lutz vom KFN. Diese standen aber oft im Zusammenhang mit schweren psychischen Erkrankungen.
Auch andere Zahlen überraschen: Lediglich zwei Prozent der Femizide trafen Frauen, die den Täter zuvor nicht kannten. Innerhalb der »medial häufig diskutierten« Fallgruppe der Ehrenmorde seien lediglich drei Fälle nachgewiesen worden, wie Lutz betonte. Ebenfalls auffällig sei die Tatsache, dass sich ein Großteil der Täter in einer schwierigen sozialen oder wirtschaftlichen Lage befand. »37 Prozent der Täter hatten keinen Schulabschluss, 45 Prozent waren arbeitslos.« Bei mehr als zwei Dritteln der Täter wurde eine psychische Erkrankung diagnostiziert - oft im Zusammenhang mit Drogen- oder Alkoholmissbrauch.
Die Forscher fanden zudem heraus, dass Migranten im Untersuchungsbereich überrepräsentiert waren, insbesondere bei Taten innerhalb einer Beziehung. Hier hatte 51 Prozent der Täter die deutsche Staatsangehörigkeit, 67 Prozent gar eine »eigene Migrationserfahrung«. Bei den Opfern lagen diese Anteile bei 59, beziehungsweise 55 Prozent. »Da Ausländer und Ausländerinnen in Deutschland häufig sozioökonomisch benachteiligt sind, erklärt dies vermutlich einen Teil der Überrepräsentation«, erklärte Lutz mit Blick auf die vorab genannten Zahlen. Es kämen mehrere Risikofaktoren zusammen und die Gruppe der Ausländer sei durchmischt. »Die Taten lassen sich daher nicht eindeutig kulturell erklären.«
Reform des Strafrechts gefordert
Die Wissenschaftler sind sich einig: Es gibt Handlungsbedarf in Deutschland. »Es herrscht ein breiter Konsens in der Wissenschaft, dass die Rechtslage überarbeitungsbedürftig ist«, stellte der Tübinger Kriminologe Florian Rebmann fest. Man wisse immer noch zu wenig, um zielgenau gegensteuern zu können. Eine Gesamtreform des Strafrechts könne zielführend sein, der auch »sexistische Beweggründe« als Mordmerkmal berücksichtigt werden könnten.
Um die Datenlage zu verbessern, empfehlen die Autoren der Studie, einen »German Homicide Monitor« - also eine deutschlandweite Datenbank zur Sammlung von Tötungsdelikten - einzurichten, unabhängig vom föderalen Kleinklein. Dazu müsse der Zugang zu Frauenhäusern verbessert und Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie in sozial schwachen Lagen besser unterstützt werden.
Denn: »Vor allem ist das Problem männlich«, sagte Rebmann in Bezug auf die Femizide. Das bekomme man am besten mit Erziehung und Bildung in den Griff. Trotz aller Verbesserungen werde sich die Situation jedoch nicht von heute auf morgen ändern. »Wir müssen langfristig denken.« Das sei aber möglich - wie die positive Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte beweisen würde. (GEA)

