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Aktuell Transplantation

Mehr Zeit und mehr Geld könnten mehr Menschen retten

Die Spendenbereitschaft ist groß, die Einführung einer Widerspruchslösung eigentlich nicht notwendig, meinen Tübinger Chirurgen

Die Transplantationschirurgen Alfred Königsrainer und Silvio Nadalin.  FOTO: IST
Die Transplantationschirurgen Alfred Königsrainer und Silvio Nadalin. FOTO: IST
Die Transplantationschirurgen Alfred Königsrainer und Silvio Nadalin. FOTO: IST

TÜBINGEN. An der Spendenbereitschaft liegt es nicht, versichern die beiden Tübinger Transplantationschirurgen Alfred Königsrainer und Silvio Nadalin. Hauptgrund für den Organmangel in Deutschland seien vor allem strukturelle Probleme in den Kliniken. Gut funktionierende Abläufe bei der Erkennung möglicher Spender, mehr Zeit und eine gute Finanzierung können dazu beitragen, mehr Menschenleben zu retten, sagt Professor Königsrainer, Ärztlicher Direktor der Tübinger Klinik für Allgemeine, Viszerale- und Transplantationschirurgie.

Im Oktober verabschiedete das Bundeskabinett eine entsprechende Änderung des Transplantationsgesetzes, über die derzeit noch beraten wird. Sie sieht vor allem mehr Geld vor. Das Gesetz soll in der ersten Jahreshälfte in Kraft treten.

Die Zahl der Patienten, die auf der Warteliste für ein Organ stehen, liegt in Deutschland seit Jahren unverändert bei rund 10 000. Die Zahl der Spender ging jedoch nach einem Skandal über die Vergabe von Organen im Jahr 2011 kontinuierlich zurück und erreichte 2017 mit 797 Spendern einen Tiefstand. Im vergangenen Jahr ist sie mit deutschlandweit über 900 erstmals wieder gestiegen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will den Mangel mit der Gesetzesänderung nun verstärkt bekämpfen. Umfragen ergeben, dass junge Ärzte und Pfleger oft Skrupel haben, Patienten oder deren Angehörige nach der Bereitschaft zur Organspende zu fragen. Das soll sich ändern. Denn die Gespräche mit Angehörigen sind nicht selten entscheidend für die Spendenbereitschaft.

So hat die Nationale Spanische Organtransplantationsbehörde (ONT) Pfleger darin geschult, mit Patienten über die Organspende zu sprechen, und Transplantationsteams an den spanischen Kliniken gegründet. In Spanien werden fünfmal so viele Organe gespendet wie in Deutschland. Dort ist die Frage nach der Organspende aber auch ärztliche Pflicht, während es sich in Deutschland um eine Good-will-Entscheidung handelt, weiß Professor Nadalin, Leiter des Tübinger Transplantationszentrums. Die Bereitschaft zu spenden, sei hier genauso hoch wie in den Nachbarländern. Es sei aber auch wichtig, darüber zu sprechen.

Am Tübinger Uniklinikum hat man mit selbst finanzierten Schulungen des Intensivpersonals den spanischen Weg bereits eingeschlagen. 10 000 Euro kostet allerdings ein solcher Kurs für zehn Teilnehmer, sagt Königsrainer. Er plädiert darüber hinaus für eine Professionalisierung der Transplantationsbeauftragten und die Stärkung ihrer Position in den Kliniken. Sie sind diejenigen, die potenzielle Spender identifizieren und eine Organspende organisieren, argumentiert er.

Zehn Spender im Jahr 2018

Von der von Spahn geforderten und auf breiter Basis heftig diskutierten Einführung der Widerspruchslösung, laut der man einer Spende aktiv widersprechen muss, halten die Tübinger Mediziner nicht so viel. Zumindest nicht in erster Linie. »Die Deutschen lassen sich nicht unter Druck setzen«, sind die beiden Italiener überzeugt. Strukturänderungen in den Kliniken seien wichtiger.

2018 gab es in Tübingen zwölf Zustimmungen zur Organentnahmen, bilanziert Manfred Beck, Transplantationsbeauftragter an der Uniklinik. Zehn konnten realisiert werden, zwei kamen aus medizinischen Gründen nicht infrage. 2017 waren es nur neun, und 2016 gab es lediglich sechs Spender. Mit jährlich 15 bis 20 Spendern liegt die Berliner Unfallklinik in Deutschland an der Spitze.

68 transplantierte Lebern

127 Transplantationen wurden im vergangenen Jahr in Tübingen vorgenommen, resümiert Yvonne Hary, Geschäftsstellenleiterin am Transplantationszentrum. Davon 68 Leber-Transplantaionen, 23 allein bei Kindern. Im Jahr davor waren es insgesamt 93 neu eingesetzte Organe. Die Tübinger Chirurgen haben vor allem bei den Lebertransplantationen hohe Erfolgsquoten. Die Überlebensrate der Patienten nach drei Jahren liegt bei 85 Prozent – und damit höher als an jedem anderen Transplantationszentrum in Deutschland.

»Ein Viertel der Patienten, die auf eine Lebertransplantation warten, stirbt allerdings auf der Warteliste«, sagt Nadalin. »Das Risiko, die Transplantation nicht zu erleben, ist doppelt so hoch, wie das Risiko bei einer Transplantation zu sterben.« Dabei ist die Lebertransplantation eine sehr komplizierte Operation, die nur an bestimmten spezialisierten Zentren in der Bundesrepublik realisiert wird. (ist)

 

ORGANSPENDEN

10 000 Patienten warten in Deutschland auf ein Organ

Eine Organspende nach dem Tod (postmortale Organspende) ist nur möglich, wenn zwei unabhängige Ärzte bei der verstorbenen Person den unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen festgestellt haben. Mit der Diagnose Hirntod ist der Tod des Menschen sicher festgestellt.

Das Herz-Kreislauf-System einer hirntoten Person kann durch intensivmedizinische Maßnahmen für eine begrenzte Zeit künstlich aufrechterhalten werden. Auf diese Weise werden Organe weiter durchblutet und können so für eine Transplantation entnommen werden. Zuvor werden sie auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht.

Die gespendeten Organe werden dann der europäischen Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet. Diese sucht auf den Wartelisten entsprechend den Richtlinien der Bundesärztekammer dann nach passenden Empfängern. (GEA)