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Aktuell Jubiläum

Mössingen feiert erste urkundliche Erwähnung und fünfzig Jahre Stadterhebung

Einen Festumzug wie bei der Stadterhebung 1974 wird es zwar 2024 nicht geben, aber ein großes Straßenfest.  FOTO: MEYER/ARCHIV
Einen Festumzug wie bei der Stadterhebung 1974 wird es zwar 2024 nicht geben, aber ein großes Straßenfest. FOTO: MEYER/ARCHIV
Einen Festumzug wie bei der Stadterhebung 1974 wird es zwar 2024 nicht geben, aber ein großes Straßenfest. FOTO: MEYER/ARCHIV

MÖSSINGEN. Zunächst die schlechte Nachricht: Wenn nächstes Jahr die Stadt Mössingen ihren 50. Geburtstag feiert, wird es, anders als 1974, keinen Festumzug geben. Auch keinen Jubiläums-Autoaufkleber noch einen Postsonderstempel. Dafür, und das ist nun die wirklich gute Nachricht, wird doppelt, ach was: es wird drei- und mehrfach gefeiert. Denn Mössingen wird dann vor 1250 Jahren zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden sein, Bad Sebastiansweiler seit 100 Jahren unter diakonischer Leitung stehen, der Musikverein das 125. Jubiläumsjahr begehen und die Spvgg das 120.

Doch das sind Nebenfestschauplätze. Die große Sause richtet die Stadt selbst aus, übers Jahr auf verschiedene Veranstaltungen verteilt und, wie OB Michael Bulander versicherte, »zusätzlich zu den großen Events wie Rosenmarkt, Apfelfest und wohl auch dem U&D-Festival.«

Ein Festakt in der Quenstedt-Aula wird das Jubeljahr am 5. Januar 2024 eröffnen, exakt fünf Jahrzehnte nach der Stadterhebungsfeier am 4. Januar 1974.

Am 10. März wird in der Pausa-Tonnenhalle eine Jubiläumsausstellung mit Exponaten zur Ortsgeschichte vorgestellt, die das ganze Jahr über zu sehen ist. Eine Fotoschau, die die letzten fünfzig Jahre Stadtleben im Fokus hat, wird am 20. März in der Kulturscheune präsentiert.

Vereine als Gäste geladen

Das große Sommerfest am 6. und 7. Juli wird von der Stadt organisiert. »Die Vereine sind dabei als Gäste geladen und müssen nicht mit ihren Mitgliedern die Bewirtung stemmen«, so der OB. »Sie müssen also nicht schaffen!«

Geplant wird eine Art Straßenfest in der Innenstadt, also nicht auf der Fläche der normalen Stadtfeste vor der Gottlieb-Rühle-Schule. Es wird ein buntes Rahmen- und Bühnenprogramm geben, »bei dem allerdings Vorführungen und Einlagen der Vereine erwünscht sind.« Kindergärten und die Grundschulen wollen sich mit Beiträgen einbringen.

Dann wird es auch ein großes Wiedersehen mit den französischen Freunden des Partnerkanton St.-Julien-en-Genevois geben. »Das Jubiläumsjahr wird musikalisch und kulinarisch vielfältig und lebendig«, verspricht das Planungsteam.

Auch im Herbst. »Wir setzen Plätze in der Pausa bunt in Szene, wollen Werkstattführungen anbieten und planen einige Überraschungen«, verspricht die Sachgebietsleiterin Kultur, Silvia Maier. Außerdem wird es das Jahr über weitere Aktionen geben, die im Detail noch nicht feststehen.

Geschichte der Kernstadt

Zum Jubiläum gönnt sich Mössingen das erste Stadtgeschichtsbuch. Zwar war vor 50 Jahren bereits eine Art »Heimatbuch« erschienen. Das hatte aber schon damals nicht annähernd den Ansprüchen an ein Standardwerk entsprochen. Mittlerweile arbeitet ein mehrköpfiges wissenschaftliches Autorenteam daran, erstmals die Geschichte der Kernstadt und seiner Stadtteile, von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart, übersichtlich zwischen zwei Buchdeckeln unterzubringen.

Ein eigenes Logo erhält das Festjahr, so Sylvia Baier, Projektleiterin des Jubiläums. »Um die Bevölkerung auf das Ereignis einzustimmen, wird es ab den kommenden Wochen an immer mehr Stellen auftauchen – auch auf den städtischen Briefköpfen«. Das Logo zeigt die Jahreszahl 1250 und ist farblich angelehnt an den bisher bekannten Signets der Stadt. Die Ziffer 1 symbolisiert den Albtrauf, die 2 die Gemeinde zum Wohnen und Leben. In der 5 spiegelt sich die Steinlach, in der 0 der Apfel als Symbol für die Streuobstwiesen wider.

Die Geburtstagsfeier hat allerdings einen kleinen Haken: Mössingen, das Dorf, die Siedlung ist nämlich viel älter als jene zufällig erhaltene Inventar-Urkunde des hessischen Klosters Lorsch aus dem Jahr 774, in der Mössingen das erste Mal namentlich in der Geschichte erwähnt ist.

Erwähnt wird die Schenkung eines Mannes namens Hitto in »Messinger marca«. Durch Spenden von Adligen expandierte die kurz zuvor, um 764 gegründete Benediktinerabtei rasch und wurde zum reichsten Grundbesitzer zwischen Nordsee und Schweiz. Dokumentiert wurden die Rechte und Besitztümer im berühmten Lorscher Codex. Er besteht aus über 3.800 Kauf- und Schenkungsvorgänge. Allein 1.000 Orte werden dort erstmals schriftlich genannt.

»Im Gau der Alemannen«

Das Kloster hatte aus Rom die Gebeine des heiligen Nazarius überführen lassen, einem römischen Soldaten, der zum Christentum gewechselt war und den um 304 den Märtyrertod ereilte. Die Anwesenheit der Reliquien führte zu einem Kult, der ganz Südwestdeutschland erfasste und Hunderte von Adligen dazu veranlasste, dem Klosterheiligen für ihr eigenes Seelenheil zu spenden.

Was jener Hitto in der Urkunde "am 28. Dezember im 7. (Regierungs-)Jahr des Königs Karl (des Großen) dem Kloster an Ländereien und Hörigen genau vermachte, ist nicht überliefert. Es bedeutet nicht, dass er ein örtlicher Adliger war. Er übergab "im Gau der Alemannen in der Gemarkung Mössingen alles, was ich dort besitze". Drei Jahre später schließt sich ein weiterer Adliger namens Witfrid an. "In Gottes Namen will ich ein gutes Werk verrichten. Es soll dem heiligen Märtyrer zugutekommen, dessen Leib im Lorscher Kloster ruht." Auch er schenkt "in pago Alemannorum, in Messinger Marca alles, was ich dort bisher besessen habe." Schließlich taucht im Jahr 789 Mössingen auch in einer Schenkung an das Kloster St. Gallen auf, ausgestellt "in villa publice Masginga".

Im Steinlachtal niedergelassen

Übersetzt heißt der Ortsname »bei den Leuten des Masgo«, also die Siedlung der gleichnamigen germanischen Sippe oder der des Anführers. Wie die meisten »-ingen«-Orte fällt die Gründung in die Zeit ab dem fünften Jahrhundert. Ein Stamm, Clan oder Familienverband hat sich in den Wirren der Völkerwanderungszeit im Steinlachtal niedergelassen. Wann Masgo und seine Leute ihre ersten Holzhütten errichtet haben, lässt sich ausschließlich über archäologische Siedlungs- oder Gräberfunde nachweisen. Die bisherigen Funde deuten darauf hin, dass das Dorf vor der Mitte des 6. Jahrhunderts begonnen hat, aus mehreren Hofstätten zusammenzuwachsen. Die Keimzelle lag im Bereich der Kugelbeer/Altenwohnanlage (Scherben aus dem 4./5. Jahrhundert), wo die einzige Querung der Steinlach weit und breit durch eine Furt möglich war. Kurzum, wenn nächstes Jahr gefeiert wird, dann wird es auf der Geburtstagstorte gut 250 Kerzen zu wenig zum Ausblasen geben. (GEA)