KUSTERDINGEN. Den Mangel an Einkaufsmöglichkeiten in den kleineren Teilorten kritisiert
Marianne Metzger und spricht damit vielen Bewohnern von Mähringen, Jettenburg und Immenhausen aus dem Herzen. In Mähringen gebe es mit dem Querbeet wenigstens einen Hofladen. Die Mähringer Ortschaftsrätin könnte sich vorstellen, in jedem Dorf eine Markthalle einzurichten, in der regionale Anbieter ihre Waren verkaufen könnten.
Außerdem wünscht sich die 59-Jährige einen Discounter an zentraler Stelle auf den Härten, der von allen Teilorten aus auch mit dem Fahrrad gut erreichbar wäre. Einen zentralen Standort schlägt sie auch für die Feuerwehr vor. Bisher hat jeder Teilort sein eigenes Feuerwehrhaus. Außerdem regt Metzger an, in Mähringen einen Rathausplatz zu schaffen.
»Man ist rundum gut versorgt«, resümiert Sabine Gassler aus Wankheim. »Es fehlt an nichts. Mittlerweile gibt es sogar Wankheimer Linsen«, sagt sie lachend. Das mache es in einer Zeit wie dieser inmitten einer Pandemie einfacher. »Es lässt sich hier gut aushalten.« Aufgefallen ist der 57-jährigen Krankenschwester, dass man wegen Corona viel mehr rausgeht. Sie wohnt mit ihrem Mann in der Aspenhausiedlung, die in den 1970er-Jahren entstand und eigentlich ans Dorf heranwachsen sollte, erzählt Gassler.
Da die Landwirte sich aber nicht von ihren Äckern dazwischen treffen wollten, liegt die Siedlung nach wie vor etwas abseits vom Ortskern. Von dort aus ist man direkt am höchsten Punkt der Härten. Von dort habe man einen weiten Ausblick: auf der einen Seite die Burg Hohenzollern und auf der anderen die Schwäbische Alb. Und beim Spazierengehen trifft man dort immer jemanden auf ein Schwätzchen. In der Siedlung kennt man sich. »Im Dorf ist es anonymer«, sagt Gassler.
»Wir leben hier in einem Paradies«, versichert Ernst Binder aus Immenhausen. »Wir haben eine traumhafte Landschaft und einen ordentlichen Zusammenhalt in der Bevölkerung.«
Einziger Kritikpunkt des 67-jährigen Rentners: die schlechte Busverbindung nach Kusterdingen. Darüber hinaus fehlt ihm nichts. »Es sind 100 Meter bis in die Natur, es gibt einen Wald mit ordentlichen Wegen und mittlerweile auch einige Aktivitäten im Ort.« Als Binder vor über 30 Jahren auf die Härten kam, sei Immenhausen ein reines Schlafdorf gewesen. Neubürger wurden damals nicht eingebunden.
Intensiviert hat das Zusammenleben in den vergangenen Jahren vor allem die Flüchtlingsarbeit, sagt Binder. »Wenn man zusammen an einem Projekt arbeitet, verlieren sich die Vorurteile.« So wurde im evangelischen Gemeindehaus ein Asylcafé gegründet.
Zum Einkaufen hat Binder in direkter Nachbarschaft einen Hofladen, in dem er sich mit frischem Fleisch und Gemüse versorgt, für alles Weitere fährt er nach Gomaringen. Natürlich wäre eine Verbesserung der Versorgung wünschenswert. Ebenso wie günstigerer Wohnraum. Wobei er die Kommunalpolitiker kritisiert, die zwar neue Wohngebiete für junge Familien ausweisen, aber keine zusätzlichen Kindergärten bauen. »Das ist nicht sehr vorausblickend.«
Nadine Mozer kommt ursprünglich aus Ehningen, lebt aber seit 15 Jahren in Kusterdingen und fühlte sich dort mit einem gebürtigen Kusterdinger gleich heimisch. Ihre beiden Kinder besuchen die August-Lämmle-Schule, in deren Förderverein sich die Mutter engagiert. Die Infrastruktur in Kusterdingen sei sehr gut, es fehlt an nichts, sagt die 41-Jährige, die in Teilzeit als Steuerfachangestellte arbeitet. Durch zahlreiche Vereine gebe es Freizeitangebote für jeden. Mit dem Kinder-Turnen und dem Rackerclub des CVJM sind sogar die Jüngsten schon berücksichtigt. Ihre Tochter besucht regelmäßig die Jugendfarm.
Die Familie ist außerdem Stammkunde in der Gemeindebücherei. Die ist mit aktuellen Titeln, Spielen und Tiptoi-Büchern sehr gut sortiert, sagt Nadine Mozer. Besonders schätzt sie die Wunschliste, über die man Bücher »bestellen« kann. Einzige Kritik an Kusterdingen: die schlechte Planung von Kindergärten. Die Einrichtungen sind alle voll, da habe man nicht rechtzeitig an Erweiterungen gedacht.
Beate Rüttiger findet, Kusterdingen hat genau die richtige Größe. Die Grafikerin und Malerin mag das Ländliche und weiß gleichzeitig sehr zu schätzen, dass in der Ortsmitte alles vorhanden ist, was man für den täglichen Bedarf braucht: vom Bäcker bis zur Poststelle. Da macht man auch mal Abstriche in ästhetischer Hinsicht, denn »superschön« sei sie nicht, die Ortsmitte.
Anders als in mancher Großstadt herrscht auf den Härten keine unpersönliche Anonymität. »Man kennt die Leute.« Gut für alle, die Kontakte schätzen und auf die Empfehlungen von Freunden und Bekannten hören.
Was die Kunst betrifft: Die »Offenen Ateliers« sind für Rüttiger »das Highlight des Jahres«. Allerdings dürfte sich nach ihrem Dafürhalten die restliche Zeit des Jahres mehr tun in Sachen Präsentation. Zum Vergleich verweist sie auf den Enzkreis, wo sie herstammt: »Da läuft mehr in öffentlichen Gebäuden.« Ihr Wunsch für den Nahverkehr: Mehr Busse nach Tübingen, auch junge Leute würden profitieren.
Dieter Stoll und seine Frau Birgit sind 1987 nach Kusterdingen gezogen. Die Bluegrass-Musiker und Filmfreunde haben sich bewusst fürs Landleben entschieden – auch weil die Töpferin etwas mit Platz für ihre Werkstatt suchte. Dieter Stoll sieht die Entwicklung der Gemeinde positiv. Infrastruktur, Nahversorgung, passable Busverbindungen, seit einiger Zeit auch ein Gymnasium – das trägt bei zur Zufriedenheit im Ort. Natürlich gebe es wie überall immer noch »Luft nach oben«, aber den Stolls gefällt’s. Was sich verbessern sollte, ist nach Einschätzung von Stoll das Miteinander der Ortschaften. Zu spüren sei immer noch eine Spaltung zwischen Hauptort und Teilorten. »Und das ist schade.« Weil man so etwas nicht verordnen kann, seien die Bürger selber gefragt.
Sehr zufrieden wirkt auch Jazzmusiker und Hochschullehrer Patrick Bebelaar. Er hat festgestellt: »Die Kusterdinger sind anders als die Tübinger.« Anfangs verschlossener, aber dann doch sehr offen, wenn man häufiger mit ihnen zu tun hat. Und wenn Musiker-Kollegen bei ihm übernachten, gibt’s stets Lob für das nette Dorf und die schöne Landschaft.
Bebelaar gesteht: Der Ort seiner Träume sieht anders aus, »aber Kusterdingen ist der Ort, in dem ich mich zu Hause fühle und in dem ich leben will«. Am Ambiente arbeitet er noch. »Ich hab’ ne Banane gepflanzt im Garten, die ist schon halb so hoch wie ich.« Was Kusterdingen jetzt noch fehlt? »Palmen und Meer.« (GEA)
ORTSCHECK ONLINE
Auf der GEA-Internetseite gibt es alle Beiträge zum Ortscheck zum Nachlesen sowie ein Video. (GEA)
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