KUSTERDINGEN. »Es ist traumhaft hier«, sagt Bürgermeister Jürgen Soltau. »Man hat alles, was man braucht. In welchem Ort unserer Größe gibt es schon ein Kino, eine Jugendfarm und ein Schwimmbad? Und die Landschaft ist fantastisch.« Deshalb haben ihn die guten Bewertungen Kusterdingens beim Ortscheck des GEA auch nicht überrascht. Die Ergebnisse decken sich in etwa auch mit der Bürgerbefragung der Gemeinde vor drei Jahren. Auch damals gab es Kritik vor allem für den ÖPNV und mangelnde Einkaufsmöglichkeiten. »Es kann nicht alles perfekt sein«, sagt Soltau. »Aber wir arbeiten daran, immer besser zu werden.«
Kostenloser Fahrservice
Es gebe aber Dinge, »da wird es nie möglich sein, die Erwartungen voll zu erfüllen«, weiß der Bürgermeister, der im Mai 2002 zum Gemeindeoberhaupt gewählt wurde. So sei es unrealistisch, in jedem Teilort einen Lebensmittelladen zu haben. »Das ist marktwirtschaftlich nicht möglich.« Auch der Bonus-Markt in der Kusterdinger Ortsmitte wird subventioniert. Einen Discounter an zentraler Stelle habe man nicht gewollt. Um den Bonus-Markt in der Ortsmitte zu schützen, wurde der Einzelhandel in den neuen Gewerbegebieten daher ausgeschlossen.
Der Bonus-Markt im größten der fünf Teilorte sei außerdem für viele Kusterdinger erreichbar, das wäre bei einem zentralen Discounter im Gewerbegebiet Braike nicht der Fall, so Soltau. Und aus den Teilorten könne man sich mit dem Bürgerauto zum Einkaufen nach Kusterdingen fahren lassen. Zu dem Zweck wird der kostenlose Service der Gemeinde allerdings eher selten genutzt, da viele Senioren in den kleineren Dörfern Familie haben.
Diejenigen, die einen Discounter wollen, seien ohnehin mobil unterwegs und fahren jetzt zum Einkaufen nach Gomaringen oder Tübingen, sagt Soltau. Er bittet um Solidarität für diejenigen, die auf den Bonus-Markt angewiesen sind. Und dieser »läuft super«, so der Bürgermeister, der mit der Nutzung des Ladens mit gutem Beispiel vorangeht: Seit es den Markt gebe, habe er seine Familie weitestgehend über diesen ernährt. »Ich bin jede Woche zwei bis drei Mal dort.«
In Bezug auf die Mobilität habe man in den vergangenen Jahren einiges verbessert, betont Soltau, der als Kreisrat auch Einfluss auf den ÖPNV nehmen kann. Die Busse nach Tübingen fahren mittlerweile im Halbstundentakt. Dass die Verbindungen nach Reutlingen nicht optimal sind, liege daran, dass der Kreis Reutlingen sich nicht finanziell am Ausbau beteiligen wollte.
So wurden unter anderem einige Fahrten mit der Linie 7605 zusammengestrichen, die auch die Härtendörfer untereinander verbunden haben. Man habe mit dem Anbieter über Kurzstreckentarife verhandelt, das sei aber nicht zustande gekommen, bedauert Soltau. Daher kostet die Fahrt von der Kusterdinger Waldsiedlung in die Ortsmitte genauso viel wie eine Fahrt nach Tübingen.
Und so wurde vor sechs Jahren für die Strecken auf den Härten das Bürgerauto eingeführt, ruft der Bürgermeister in Erinnerung. »Ich hatte damals keine große Hoffnung, dass wir genug Freiwillige finden, die die Leute kostenlos von A nach B fahren.« Doch es fand sich schnell »ein tolles Team, das jedes Hindernis aus dem Weg räumt«, stellte Soltau fest. »Es herrscht eine tolle Atmosphäre, und das Auto ist besser als der Bus: Es fährt von Tür zu Tür. Die Fahrer helfen sogar, die Einkaufstaschen zu tragen.« Die höchste Hürde, das Angebot zu nutzen, sei die schwäbische Bescheidenheit.
Vom Mehrbedarf »kalt erwischt«
Was die Bürgernähe der Verwaltung angehe, so werde die generell nie so gut bewertet, weiß Soltau. Da liege Kusterdinger mit einer Benotung zwischen 2 und 3 über dem Durchschnitt. Eine große Stärke der Gemeinde sei ihre Familienfreundlichkeit. Dass ein Großteil der Befragten das auch so sieht, freut den Bürgermeister. »Wir können in der Gesamtgemeinde für alle Kinder Betreuungsplätze anbieten und damit dem Rechtsanspruch gerecht werden.« Obwohl alle acht Einrichtungen aus allen Nähten platzen, gesteht der Bürgermeister.
Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, dass die Kindergärten in jedem Ortsteil ausgebaut werden. Es sei durchaus zumutbar, die Kinder in einen benachbarten Teilort zu bringen. So liege die Einrichtung für Immenhausen und Mähringen am Ortsrand von Immenhausen. Dorthin bringen die meisten Eltern ihren Nachwuchs ohnehin mit dem Auto. Es gebe auch Dörfer im Landkreis, die gar keinen Kindergarten haben.
Der derzeitige Mehrbedarf habe alle »kalt erwischt«, gesteht Soltau. Es sei schwierig, den genauen Bedarf an Kita-Plätzen zu kalkulieren. »Innerhalb von zwei Jahren können sich gewältige Sprünge ergeben.« Man wolle schließlich auch keine leeren Häuser.
Im Ort Kusterdingen habe vor einigen Jahren zum Beispiel eine Gruppe schließen müssen, und man war in Sorge, auch auf eine zweite verzichten zu müssen. Die Situation ist aktuell eine völlig andere: In vier Jahren soll ein neuer Kindergarten in Kusterdingen bezugsfertig sein, ein weiterer ist in naher Zukunft südlich der B28 geplant.
Was er sich für Kusterdingen wünschen würde? »Eine Eisdiele für junge Leute wäre schön«, aber die habe es in der Ortsmitte vor fast 20 Jahren schon einmal gegeben. Weil sie nicht rentabel war, wurde sie wieder geschlossen. Ansonsten hofft der Bürgermeister, dass wegen der Corona-Pandemie keine Strukturen wie Vereine oder Gastronomiebetriebe verloren gehen. (GEA)



