Logo
Aktuell Ortscheck

Kusterdingen wird weiter wachsen

Wie könnte die Zukunft auf den Härten aussehen? Der GEA hat bei Vereinsmitgliedern in den Teilorten nachgefragt

Kusterdingens Gewerbegebiet am Ortsausgang Richtung Wankheim breitet sich immer weiter aus.  LUFTBILD: MANFRED GROHE
Kusterdingens Gewerbegebiet am Ortsausgang Richtung Wankheim breitet sich immer weiter aus. Foto: Manfred Grohe
Kusterdingens Gewerbegebiet am Ortsausgang Richtung Wankheim breitet sich immer weiter aus.
Foto: Manfred Grohe

KUSTERDINGEN. Wie könnte Kusterdingen in zehn Jahren aussehen? Werden die Teilorte ihren dörflichen Charakter behalten? Wird die bestehende Infrastruktur bestehen bleiben oder gar ausgebaut? Wie werden sich die Bevölkerungszahlen entwickeln? Für den Abschluss des Ortschecks auf den Härten hat der GEA bei einigen Kusterdingern nachgefragt.

Sie beschäftigen sich eigentlich eher mit der Vergangenheit. Doch für den GEA wagen Hans Kern und Herbert Raisch vom Geschichtsverein Härten einen Blick in die Zukunft. Die jetzt noch vorhandenen älteren Gebäudeensembles werden verschwinden, um im Ortskern alles zu verdichten, befürchtet Hans Kern, dessen Familie ursprünglich aus Kirchentellinsfurt stammt, aber seit dem 18. Jahrhundert in Kusterdingen lebt. Auch in Wankheim sei diese Tendenz zu beobachten.

 

Immer mehr Einfamilienhäuser werden durch Mehrfamilienhäuser ersetzt, meint der 73-Jährige. »Mit der dörflichen Struktur ist es dann vorbei.« Da Kusterdingen zum Großraum Stuttgart zähle, müsse man schon jetzt Fantasiepreise für Wohnraum zahlen, sagt er und verweist auf über 800 000 Euro, die für ein Zweifamilienhaus in der Lutherstraße verlangt wurden.

»Wir werden Stuttgarter Verhältnisse bekommen«

Auch Herbert Raisch sieht das Ende der Dörfer kommen: Sie werden zu Wohngemeinden, glaubt der 80-Jährige, der seit 1974 in Kusterdingen lebt. Während damals zwischen Jettenburg und Reutlingen noch Ackerbau vorherrschte, ist dort mit dem Industriegebiet Mark-West eine Gewerbefläche mit mehreren Tausend Arbeitsplätzen entstanden. Man werde künftig »Stuttgarter Verhältnisse« bekommen, so der Geschichtsforscher.

Kartoffelernte bei Wankheim.  FOTO: STÖHR
Kartoffelernte bei Wankheim. Foto: Ines Stöhr
Kartoffelernte bei Wankheim.
Foto: Ines Stöhr

Raisch weist außerdem auf das Problem des Durchgangsverkehrs durch die Härtendörfer hin, der sich wohl noch verstärken werde. Eine Umgehung zu bauen, habe man in den 80er-Jahren in Betracht gezogen und aus finanziellen Gründen wieder verworfen.

Ein künftig noch engeres Zusammenwachsen der Härtendörfer wünscht sich

Annette Braun, die gemeinsam mit ihrem Mann Sigmund und vielen Freunden den Laifhof in Wankheim betreibt. Dazu wollen sie beitragen. So bietet der ehemalige Bauernhof einen Raum, »damit Leben zur Entfaltung kommen kann«. Er versteht sich als Ort der Begegnung, »vorurteilsfrei und offen für alle«, betont die 53-Jährige. Mit seinem Angebot will das Ehepaar daran mitwirken, dass trotz des Wachstums der Gemeinde keine Anonymisierung entsteht. »Dass der dörfliche Charakter auf den Härten erhalten bleibt, dass man sich kennt und nicht jeder alleine vor sich hinwurschtelt.«

 

Annette Braun, die als Krankenschwester in der Diakoniestation Härten arbeite, hofft, dass die gute Infrastruktur erhalten bleibt und in den kleineren Teilorten möglichst noch ausgebaut wird. Dazu müssten die Kusterdinger zum Beispiel die bestehenden Angebote auch weiter nutzen.

Die Leute ziehen aufs Dorf, weil es hier so idyllisch ist, weiß Karen Seekamp-Schnieder. Sie lebt mit ihrer Familie seit über 20 Jahren in Mähringen. Im Gegensatz zur Stadt sei das Landleben von Gemeinschaft geprägt.

»Man kennt die Nachbarn.« Aber auch das rege Vereinsleben und das bürgerschaftliche Engagement auf den Härten verbinden. »In der Stadt bekommt man das nicht so mit«, sagt sie. Die heute 60-Jährige war beispielsweise Vorsitzende im Förderverein, solange ihre Kinder die Härtenschule besuchten, und hat unter anderem an den dorfübergreifenden Beziehungen der Familien mitgewirkt. Und am Ausbau der Kernzeitbetreuung, die mittlerweile selbstverständlich zur Ganztagsbetreuung beiträgt.

 

Auch in der Kirchengemeinde ist Seekamp-Schnieder sehr engagiert. Mit dem Zusammenschluss der Pfarrgemeinden Mähringen und Immenhausen findet auch auf kirchlicher Ebene ein reger Austausch der Teilorte statt. Das wird sich mit dem neuen Pfarrplan noch intensivieren, wenn ab dem kommenden Jahr das Mähringer Pfarramt auch für Wankheim zuständig ist, weiß die Physikerin.

Dass sich künftig mehr junge Leute in den Vereinen engagieren und die Mitglieder sich auf den Festen wie früher wieder gegenseitig besuchen, wünscht sich Andreas Fridrich. Der gebürtige Kusterdinger hat den Verein der Motorradfreunde vor 35 Jahren mitgegründet. »Schon in den 50er-Jahren gab es in Kusterdingen besonders viele Motorradfreunde«, sagt der 59-Jährige. Da habe es sich dann ergeben, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzutun.

Jörg Kautt, einzig verbliebener Vollerwerbslandwirt in Immenhausen, sieht weiter steigende Einwohnerzahlen auf die Härten zukommen. Der Druck auf den Wohnungsmarkt sei jetzt schon da, sagt der 53-Jährige. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung werde sich ändern und das Verständnis für die Landwirtschaft zurückgehen, befürchtet er und erinnert an Zugezogene, die sich beschweren, wenn in der Nachbarschaft ein Hahn kräht. Und obwohl der Egoismus generell zunehme, gebe es aber immer auch Neubürger, die sich intensiv in das Dorfleben einbringen.

Dörfliche Idylle: Rathaus und Jakobuskirche in Wankheim.  FOTO: NIETHAMMER
Dörfliche Idylle: Rathaus und Jakobuskirche in Wankheim. Foto: Markus Niethammer
Dörfliche Idylle: Rathaus und Jakobuskirche in Wankheim.
Foto: Markus Niethammer

 

Während Kusterdingen vor einigen Jahrzehnten noch landwirtschaftlich geprägt war, betreiben mittlerweile 70 bis 80 Prozent der Bauern auf den Härten die Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb. In Vollzeit sind es in Wankheim und Mähringen nur noch drei, in Kusterdingen zwei oder drei und in Jettenburg niemand mehr, weiß Kautt. In den 50er- und 60er-Jahren sei Kusterdingen über Baden-Württemberg hinaus bekannt gewesen für seine Flexikuh-Zucht – sogenannte Zweinutzungskühe, die viel Milch geben, aber auch für die Mast geeignet sind.

»Das Verständnis für die Landwirtschaft wird zurückgehen«

Dass die Landwirtschaft zurückgeht, sei aber eine politische Entscheidung aus Brüssel und Berlin, betont der Kreisobmann. Die Kommune habe darauf keinen Einfluss. Dass es in Immenhausen keinen Laden gibt, liege daran, dass er bei der geringen Einwohnerzahl nicht rentabel sei. »Da muss man realistisch sein.«

Generell ließe es sich aber gut leben auf den Härten. Vor allem in Immenhausen: Schon in der Kreisbeschreibung von 1960 sei die Rede von einem »gesunden Menschenschlag in Immenhausen«. Das werde sich fortsetzen, ist Kautt überzeugt. Immerhin gebe es in dem kleinsten Härten-Teilort mit knapp 730 Einwohnern 54 Menschen über 80 Jahre. (GEA)