MÖSSINGEN. Eine »gewisse Selbstironie« bescheinigt Mössingens Oberbürgermeister Michael Bulander einem seiner früheren Vorgänger: Erwin Kölle war von 1962 bis 1982 Bürgermeister - erst in der Gemeinde, dann in der Stadt Mössingen. »Kölle war aber auch ein begnadeter Zeichner und Karikaturist«, ergänzt Bulander. »Und er hat sich gerne selbst auf die Schippe genommen.« Wie in einer Karikatur, die Kölle selbst unmittelbar nach seinem Ausscheiden aus dem Amt zeigt. Da liegt der am 20. November 1920 in Münsingen geborene Bürgermeister im Ruhestand auf der grünen Wiese, neben ihm die aufgeschlagene Gemeindeordnung - und am Himmel tut sich ein Regenbogen auf, der das Wort »Ehrenbürgerrecht« bildet.
Neben der Ehrenbürgerwürde erhielt Kölle später auch das Bundesverdienstkreuz verliehen. Beides dürfte den Mössinger gefreut haben - wie nun auch die Herausgabe eines Buches mit seinen Karikaturen. »Er wollte immer ein Buch daraus machen«, erinnert sich Claudia Kölle-Timm, die Schwiegertochter von Erwin Kölle, der 2005 verstorben ist. Zu seinen Lebzeiten wurde nichts daraus - doch als seine Familie die Karikaturen der Gemeinde vermachte, kam Bewegung in die Sache: Zu Kölles 100. Geburtstag war eine Ausstellung geplant, die allerdings der Corona-Pandemie zunächst zum Opfer fiel. Zum Stadtjubiläum wurden Kölles Werke dann aber doch in der Pausa ausgestellt - mit einer großen Resonanz, wie sich Mössingens Stadtarchivarin Franziska Blum erinnert.
Zeitlose Themen - wie die Bundesstraße 27
Viele Besucher kamen und mussten genau ansehen, denn die Karikaturen von Erwin Kölle fokussieren nicht nur auf die großen Debatten, die in und um Mössingen in drei Jahrzehnten vorherrschten, sondern sind auch mit vielen versteckten Details ausgeschmückt. »Man entdeckt immer wieder etwas Neues«, sagt Blum, die von »zeitlosen, hochwertigen Karikaturen« spricht. Und es geht um Themen, die die Steinlachtäler noch heute beschäftigen - wie etwa das Ofterdinger Nadelöhr an der Bundesstraße 27. Ein wichtiges Thema für Kölle und alle Mössinger war auch die baden-württembergische Gemeindereform, die der damalige Bürgermeister in seiner Amtszeit erlebte und in mehreren Karikaturen verarbeitete. »Die Gemeindereform war ein großer Einschnitt für ihn«, bestätigt auch Archivarin Blum.
Ob der gelernte Verwaltungsbeamte die Ideen für seine Karikaturen schon im Gemeinderat hatte, sie gar bei langwierigen Reden ganz nebenbei zu Papier brachte? Das weiß heute wohl niemand mehr. Sicher ist: in seinem Ruhestand wandte sich Kölle neben seiner Familie auch der Kunst zu. Eine Garage baute Kölle zu seinem Atelier um, Dachfenster sorgten für ausreichendes Licht. Dort entstanden auch zahlreiche Ölbilder und Aquarelle, viele Motive zeigen die Nordsee, an der Kölle mit seiner Familie gerne Urlaub machte. »Das war ein besonderer Ort«, erinnert sich Inken Kölle-Bork, Enkelin von Erwin Kölle, an dessen Atelier. Gemeinsam mit seiner zweiten Enkeltochter, Sventje Kölle-Anar, der Schwiegertochter Claudia Kölle-Timm und weiteren Angehörigen besuchten sie die Buchvorstellung in der Pausa, die Erwin Kölle sicher auch gefreut hätte.
Ebenso wie Oberbürgermeister Michael Bulander. Es sei einzigartig für Mössingen, einen solchen Schatz an Karikaturen zu haben, welche die großen Themen der Stadtgeschichte über mehr als drei Jahrzehnte abbilden würden. Die Werke würden im Stadtarchiv gut verwahrt, wofür Bulander der Familie Kölle nochmals seinen Dank aussprach. Durch das neue Buch würden die Bilder zugleich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bilder, die bei vielen Mössingern auch Erinnerungen wecken könnten. An frühere Diskussionen, aber auch an ihre Mitmenschen: so hat Kölle bei der Erhebung Mössingens zur Stadt auch alle damaligen Gemeinderäte abgebildet. Das Buch »Erwin Kölle mit spitzer Feder« enthält insgesamt 23 der zumeist farbenfrohen Karikaturen und ist für 19,80 Euro im Stadtmuseum erhältlich, kann aber auch über den Buchhandel bestellt werden. Sehr knapp fallen allerdings die Beschreibungen aus - hier würde man künftigen Lesern mehr Kontext wünschen, um die detailreichen Karikaturen auch vollständig erfassen zu können. Und - auch das dürfte Erwin Kölle freuen: Es ist in Mössingen gedruckt. Genauer gesagt in Bästenhardt. Dem Stadtteil, an dessen Entwicklung Erwin Kölle maßgeblichen Anteil hatte. (GEA)

