TÜBINGEN. Haben Patienten ein Risiko für einen plötzlichen Herztod, können Herzmediziner einen wenige Zentimeter großen Defibrillator implantieren, um die Herzfrequenz zu korrigieren. Bisher mussten die Elektroden solcher Systeme in die Blutgefäße oder Herzhöhlen eingesetzt werden.
Im Januar wurden am Universitätsklinikum Tübingen vier Patienten erstmals in Süddeutschland Defibrillatoren implantiert, die lediglich unter dem Brustbein sitzen. Zahlreiche Langzeitkomplikationen bisheriger Systeme lassen sich so vermeiden. Das neue System ist damit eine sicherere Alternative für Menschen mit erhöhtem Risiko für den plötzlichen Herztod.
In Deutschland sterben jährlich etwa 65.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Ursächlich sind lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen. Diese können durch einen Defibrillator beendet werden.
Herkömmliche Defibrillatoren werden transvenös implantiert. Das Gerät sitzt dabei unter dem Schlüsselbein. Von hier aus wird eine drahtförmige Elektrode über eine größere Vene bis ins Herzinnere geführt und dort fest platziert. Tritt eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung auf, gibt der Defibrillator entweder mehrere schwache Stimulationsimpulse oder einen Elektroschock ab und bringt den Herzschlag wieder in den richtigen Rhythmus.
Etablierte Modelle mit Risiken
Solche Systeme sind zwar etabliert, bringen allerdings einige Risiken mit sich. »Langzeitkomplikationen wie Gefäßverschlüsse oder Herzklappenbeeinträchtigungen können auftreten. Auch die Elektrode kann brechen, im Gewebe verwachsen oder zu Infektionen führen«, erklärt Dr. Karin Müller, Oberärztin und Kardiologin in der Medizinischen Universitätsklinik. Gemeinsam mit ihren Kollegen Professor Jürgen Schreieck und Dr. Rafal Berger hat sie sich auf die Implantation der Defibrillatoren spezialisiert.
Auf eine aufwendige Implantation von Elektroden in die Blutgefäße oder Venen wird bei dem neuen System verzichtet. Die Kardiologen platzieren die Elektrode unter das Brustbein. So liegt sie auf dem Herzen und kann Herzrhythmusstörungen besser erkennen und darauf reagieren.
Bei Herzrhythmusstörungen sendet das Modell zunächst kleine elektrische Signale, um die Herzfrequenz zu korrigieren. Hält der unregelmäßige Herzrhythmus an, stellt das System durch einen Defibrillator den normalen Herzrhythmus wieder her. Zusätzlich verfügt das innovative Defibrillator-System über eine Stimulations-Funktion, wenn der Herzschlag aussetzt, ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher. Vorherigen Geräten fehlte diese Funktion.
Besonders für Menschen mit einem hohen OP-Risiko, einer Infektionsanfälligkeit und undichten Herzklappen ist das neue System eine wichtige Alternative: »Mit dem extravaskulären Defibrillator können wir unseren Patientinnen und Patienten die Vorteile herkömmlicher Defibrillatoren bieten und die dabei gefürchteten Langzeitkomplikationen vermeiden«, sagt Professor Meinrad Paul Gawaz, Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin III, Kardiologie und Angiologie. (eg)

