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Kammermusik der Extraklasse in der Tübinger Jakobuskirche

Das Ensemble Transcendent um die in Tübingen geborene Violin-Professorin Julia Galic und den jungen Tübinger Cellisten Lionel Martin stimmte in der Jakobuskirche mit Franz Schuberts »Streichquintett in C-Dur« auf den Jahreswechsel ein.

Das Ensemble Transcendent stimmte mit wechselvoller Kammermusik auf den Jahreswechsel ein.
Das Ensemble Transcendent stimmte mit wechselvoller Kammermusik auf den Jahreswechsel ein. Foto: Andreas Straub
Das Ensemble Transcendent stimmte mit wechselvoller Kammermusik auf den Jahreswechsel ein.
Foto: Andreas Straub

TÜBINGEN. In der Jakobuskirche ist es schon eine Tradition: Das Ensemble Trancendent um die in Tübingen geborene Geigerin und Münchener Musik-Professorin Julia Galic stimmt auf den Jahreswechsel ein. Die Musiker präsentierten zweimal nacheinander Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur – ein Gipfelwerk der Kammermusik. Violine spielten neben Galic beim Konzert Kilian Heere und Viola Annika Starc. Am Violoncello überzeugten Gregor Pfisterer und der 2003 geborene und in Tübingen aufgewachsene Lionel Martin. Die Besetzung mit zwei Celli verlieh dem Stück eine dunkle, samtene Tiefe, die weit über klassische Eleganz hinausweist.

Während das erste Konzert am frühen Abend mit 230 Zuhörerinnen und Zuhörern nahezu ausverkauft war, kamen zur späteren Aufführung noch einmal knapp 150 Besucher. Auf dem Programm stand mit Schuberts Streichquintett in C-Dur D 956 ein Werk, das exemplarisch für den Übergang von klassischer Formstrenge zur romantischen Existenzdeutung steht. Im September 1828 komponiert, nur zwei Monate vor dem Tod des Komponisten, wirkt das Quintett wie ein kammermusikalisches Vermächtnis – konzentriert, radikal und von außergewöhnlicher emotionaler Spannweite. Galic bezeichnete es als Schuberts »kammermusikalischen Schwanengesang«.

Dunkle, tragische Grundhaltung

Die beiden Violoncelli dienen dabei nicht bloß der klanglichen Verdichtung, sondern tragen entscheidend zur dunklen, tragischen Grundhaltung bei. Das Werk lebt vom ständigen Wechsel zwischen Dur und Moll, Licht und Schatten, Hoffnung und Resignation – Spannungen, die das Ensemble Transcendent differenziert und mit spürbarer Spielfreude auskostete. Dieser innere Zwiespalt findet sich auch in Schuberts eigenen Worten wieder, in denen er zwischen erträumtem Glück und ernüchternder Wirklichkeit schwankt.

Bereits der erste Satz setzt das Zeitgefühl außer Kraft: Ein ruhiger C-Dur-Klang wird immer wieder von Molltrübungen durchzogen. Besonders das Seitenthema entfaltet dabei liedhafte Innigkeit, ein wortloses »Wandererlied«, das kurz aufscheint und wieder entschwindet. Schuberts berühmtes Chiaroscuro-Spiel erreicht hier große Eindringlichkeit, wenn sich Themen im Klangnebel verlieren und plötzlich mit dramatischer Kraft hervorbrechen.

Das Adagio bildet das emotionale Zentrum des Werkes. Aus fast regloser Klangruhe bricht ein dramatischer f-Moll-Mittelteil hervor, der mit scharfen Akzenten und Dissonanzen einen Aufschrei der Verzweiflung formuliert. Die Rückkehr zum E-Dur bleibt gebrochen und von innerer Unruhe gezeichnet. Scherzo und Finale steigern diese Spannung weiter: eruptiv und orchestral einerseits, scheinbar leicht, doch immer wieder ins Moll kippend andererseits. Am Ende steht kein versöhnlicher Abschluss, sondern ein rastloses Weitergehen – ein musikalischer Abschied von großer Eindringlichkeit. (GEA)