TÜBINGEN. Wer die junge Frau kennenlernt, dürfte zunächst kaum auf die Idee kommen, dass Bayan Haji erst 2017 im Alter von 13 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Akzentfrei spricht die Irakerin Deutsch. Dass sie manchmal noch nach einzelnen Worten suchen muss, fällt im Gespräch kaum auf. »Ich hatte eine schöne Kindheit im Irak«, sagt die Jesidin im Gespräch. »Bis der IS kam.« Von den Terroristen wurden die Jesiden verfolgt und umgebracht - ein Völkermord, wie die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt. Zunächst floh der Familienvater 2015 nach Deutschland - und holte seine Familie zwei Jahre später nach.
Obwohl selbst ohne höhere Schulbildung, strebte ihr Vater gleich eine Integration der Familie an. »Wir durften zu Hause nur deutsches Fernsehen schauen«, nennt Bayan Haji, die noch zwei jüngere Schwestern hat, ein konkretes Beispiel. Die Sprache zu lernen, war ihr auch persönlich sehr wichtig. »Ich habe Menschenansammlungen gemieden, weil ich Angst hatte, angesprochen zu werden ohne antworten zu können.« Schon einen Monat nach ihrer Ankunft ging Haji wieder zur Schule - in der Hans-Küng-Gemeinschaftsschule stand zunächst die deutsche Sprache im Vordergrund. »Mit der Schule sind wir in die Bücherei gegangen«, erinnert sich Haji. Auch die Literatur hilft beim Erlernen der Fremdsprache - wenn auch zunächst auf kindlichem Niveau. »Mein Esel Benjamin war mein erstes Buch in Deutschland«, erinnert sich die 21-Jährige schmunzelnd und ergänzt: »Lesen ist zu meinem Hobby geworden.«
Hauptschulabschluss freiwillig mit Fremdsprache
2019 kam Haji dann auf die Mathilde-Weber-Schule, zunächst ins Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf (VAB). Nur ein Jahr später folgte der Hauptschulabschluss, den Haji freiwillig auch mit der Fremdsprache Englisch absolvierte. »Das war eine große Hürde. Aber ich wusste: Ohne Englisch wäre der Weg zur Mittleren Reife verbaut gewesen.« Und für die Schülerin war schon damals klar: der Bildungsweg sollte hier nicht enden. »Ich bin kein Mensch, der etwas nicht zu Ende macht«, sagt die 21-Jährige bestimmt. Sie blieb nach dem erfolgreichen Abschluss an der Mathilde-Weber-Schule, wechselte in die zweijährige Berufsfachschule für Hauswirtschaft, legte 2022 die Mittlere Reife an. Mit einem so guten Notenschnitt, dass sie an der gleichen Schule ins sozialwissenschaftliche Gymnasium wechseln konnte.
Vor diesem Schritt gab es durchaus Zweifel. Auch einige Lehrkräfte warben für eine Ausbildung und rieten vom Abitur ab. Doch Haji wollte sich alle Möglichkeiten offen halten, auch wenn es nicht leicht war, wie sie selbst erzählt. »Die größte Herausforderung war für mich die Mathematik.« Die kritischen Stimmen ihrer Lehrer waren zugleich ein Ansporn. »Lehrer haben viel Wissen über uns Schüler. Es steht ihnen aber trotzdem nicht zu, uns zu sagen, was wir tun sollten und was nicht. So ein Urteil kann man sich nicht erlauben«, sagt Haji. Und schließlich war ihr damaliger Berufswunsch das Grundschullehramt - und damit zwingend das Abitur. Inzwischen ist Haji bezüglich ihrer beruflichen Karriere noch unentschlossen - ein Praktikum an der Grundschule sorgte für eine gehörige Portion Skepsis. Das Abitur aber kann ihr niemand mehr nehmen.
Minijob in einer Bäckerei
Dass diese Bilderbuch-Bildungsgeschichte gelang, liegt an vielen Faktoren. Etwa auch an den Eltern, die Bayan Haji und ihre Geschwister - die ebenfalls einen guten Weg gegangen sind - stets unterstützt haben. »Meine Eltern haben immer gesagt, ich muss nicht arbeiten, sondern soll mich auf die Schule konzentrieren«, erzählt Haji. Dennoch war es ihr wichtig, zum Familieneinkommen beizutragen - parallel arbeitete sie in einem Minijob bei einer Bäckerei. Hinzu kam externe Hilfe: Eine pensionierte Grundschullehrerin, die ihr Vater nach seiner Flucht kennengelernt hatte, nahm sich der Kinder an und förderte ihre Entwicklung. Ausdrücklich erwähnt Haji auch die Schulsozialarbeiterin Lucy Pyroth, die in ihrer Zeit an der Mathilde-Weber-Schule eine Stütze gewesen sei.
Stefanie Frischling, Schulleiterin des Beruflichen Gymnasiums an der Mathilde-Weber-Schule, ist voll des Lobes für die 21-Jährige. »Wir erleben oft eher Negativbeispiele, wo es überall nicht so gut funktioniert, wie bei Bayan Haji«, sagt Frischling. Imponiert habe ihr vor allem der Durchhaltewillen ihrer früheren Schülerin. »Ihr Wille, sich zu beweisen. Und ihr Netzwerk: Haji hat immer den Bedarf gesehen und sich dann Hilfe organisiert. Und sie war unglaublich fleißig.« Das merkt man der 21-Jährigen auch im Gespräch an, als es um ihre Zukunft geht. Den »Leerlauf« nach dem Abitur kann sie eigentlich nicht genießen, sagt die junge Frau. »Ich bin kein spontaner Mensch, ich brauche immer einen Plan, wie es weitergeht.«
Die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt
Bestimmt ist Haji auch in Sachen ihrer eigenen Identität. »Ich habe lange gedacht, wir kehren schnell wieder in den Irak zurück«, erzählt Haji, die dennoch davon spricht, nach ihrer Ankunft in Deutschland »von heute auf morgen eine andere Identität« angenommen zu haben. Dennoch sei sie stolz auf ihre Herkunft. »Der Irak ist meine Heimat. Dort habe ich schließlich zu gehen und zu laufen gelernt.« Deutschland sei ihr zur zweiten Heimat geworden. Und hier steht einer erfolgreichen Karriere kaum noch etwas im Wege - dank einer enormen Willenskraft der 21-Jährigen. Und ihrer Zielstrebigkeit. »Ich lerne umso mehr, wenn ich Angst habe. Ich will immer perfekt vorbereitet in die Prüfungen gehen«, erzählt Haji, die inzwischen ihren irakischen Pass abgegeben hat. »Wir warten gerade auf die Entscheidung der Behörden zu unserem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft.« (GEA)

